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04.02.2013

10:27 Uhr

Energiepolitik in Brasilien

Ein Atomkraftwerk aus der Kiste 

VonJan Mallien

Deutschland fährt den Nuklearsektor zurück, doch Brasilien baut ein deutsches Atomkraftwerk: Ein vor 30 Jahren von Siemens gelieferter Reaktor wird aus den Regalen geholt und an der Küste aufgebaut. Kann das gut gehen?

Eine Kiste mit Teilen für den Reaktor in Angra dos Reis. Sie soll bald ausgepackt werden.

Eine Kiste mit Teilen für den Reaktor in Angra dos Reis. Sie soll bald ausgepackt werden.

Angra dos ReisHinter Luiz Roberto Cordilha Porto liegt der Tropenwald, vor ihm der Atlantik. „Was für ein wunderschöner Ort“, sagt der 62-jährige. Dann lässt er seinen Blick über die riesige Baustelle in der Bucht unter ihm wandern:  Neun Kräne stehen um ein Betonfundament herum, etwa 100 Meter entfernt  liegt eine große Halle. Arbeiter laufen wie Ameisen hin- und her. Eigentlich ein idyllischer Ort. Doch hinter der Halle stehen zwei Atomreaktoren. Und in der Halle lagert seit fast 30 Jahren der vollständige Bausatz für einen dritten Reaktor. Die Brasilianer haben sich entschlossen, diesen Reaktor aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken.  Er wird jetzt hier direkt an der Küste hinter der Provinzstadt Angra dos Reis,  150 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, zusammengesetzt. Schon in drei Jahren soll er Atomstrom produzieren.

Cordilha Porto arbeitet als technischer Ingenieur beim brasilianischen Staatskonzern Eletronuclear und  ist überzeugter Anhänger der Atomkraft. „Ich sehe nicht ein, warum Brasilien auf diese Ressource verzichten soll“, sagt er.

Der Ingenieur Luiz Roberto Cordilha Porto vor der Baustelle für den Atomreaktor Angra III. Jan Mallien

Der Ingenieur Luiz Roberto Cordilha Porto vor der Baustelle für den Atomreaktor Angra III.

Brasilien erzeugt gerade mal drei Prozent seines Energiebedarfs durch Atomkraft.  Etwa drei Viertel kommen aus Wasserkraft. Doch auch die Wasserkraft hat ihre Tücken. Sie allein kann den Energiehunger der wachsenden Volkswirtschaft nicht decken. Die brasilianische Regierung will deshalb den dritten Reaktor in Angra ans Netz bringen und am liebsten noch mehr Atomkraftwerke bauen.

Umweltschützer sehen das mit Sorge. Der Atomkomplex in Angra liegt wie der in Fukushima direkt am Meer. In der Region gibt es häufiger Erdrutsche. Außerdem ist nicht klar, was mit dem anfallenden Atommüll geschehen soll. Dabei hat Brasilien durchaus Alternativen zur Atomkraft.

Brasilien - Stromquellen

Wasserkraft

Brasilien ist nach China der zweitgrößte Wasserkraft-Produzent der Welt. Der Anteil an der Stromerzeugung lag 2010 bei  79 Prozent. Allerdings wird es zunehmend schwierig, weitere Quellen zu nutzen. Potential gibt es noch im Amazonasgebiet. In Belo Monte entsteht grade das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt. Umweltschützer warnen vor einem massiven Eingriff in das Ökosystem des Amazonas.

Öl und Gas

Vor der Küste Brasiliens wurden in den vergangenen Jahren große Öl- und Gasvorkommen entdeckt. Sie könnten so groß sein wie  die gesamten Vorkommen in der Nordsee. Bei der Stromerzeugung haben Öl und Gas allerdings den Nachteil, dass sie relativ teuer sind. Thermische Kraftwerke mit Öl- und Gas werden deshalb in der Regel nur in der Trockenzeit angefahren. 2010 trugen Öl und Gas 12 Prozent zur Stromerzeugung Brasiliens bei.

Biomasse

Als größter Produzent von Ethanol aus Zuckerrohr hat Brasilien großes Potential bei der Biomasse.  Die Hektarerträge beim Zuckerrohr sind fast doppelt so hoch wie bei Mais. 2010 trug die Biomasse vier Prozent zur Stromerzeugung bei. Bis 2020 sollen es fünf Prozent sein.

Atomenergie

Im Vergleich zu anderen Schwellenländern wie China spielt die Atomkraft nur eine geringe Rolle. Der Atomstrom aus den beiden Reaktoren Angra 1 und Angra 2 trägt zwischen zwei und drei Prozent zur brasilianischen Stromerzeugung bei. Bis 2016 soll der Reaktor Angra 3 ans Netz gehen. Der Vorteil der Atomkraft liegt darin, dass sie eine stabile Grundlast an Strom liefert.

Wind

2011 investierten die brasilianischen Stromversoger etwa  1,5 Milliarden Euro in die Windkraft - ein Zuwachs von 265 Prozent gegenüber dem Vorjahr.  Der Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung ist aber noch sehr klein. 2010 lag er bei nur einem Prozent.

Solar

Bislang kaum vorhanden ist die Solarkraft. Dabei scheint die Sonne in Brasilien häufiger als in Deutschland. Auf den Dächern einiger WM-Stadien werden Solarzellen installiert.  Die Technik hat aber bisher nicht den Durchbruch geschafft.

Zwei Reaktoren stehen bereits in dem Atomkomplex in der Bucht vor Angra dos Reis. Rund 2600 Menschen arbeiten dort. Viele von ihnen wohnen mit ihren Familien in der Arbeitersiedlung direkt hinter dem Kraftwerk. Schilder am Strand erklären, was bei einem Notfall zu tun ist.

Früher wohnten in der Siedlung auch deutsche Ingenieure. Sie kamen von Siemens und sollten bei der Installation der Reaktoren helfen. Die US-Firma Westinghouse lieferte 1971 den ersten Reaktor, der 1985 ans Netz ging. Die Amerikaner wollten die Brasilianer aber nicht an der Technologie teilhaben lassen. Deshalb schloss Brasilien den Anschlussvertrag über die Lieferung von zwei weiteren Reaktoren mit dem deutschen Siemens-Konzern.

Die Teile trafen 1984 ein. Dann explodierte das Atomkraftwerk in Tschernobyl und Brasilien kämpfte mit dem Staatsbankrott. Nach langer Pause ging schließlich der zweite Reaktor im Jahr 2001 ans Netz. Die restlichen Teile für den dritten Reaktor liegen dagegen seit fast 30 Jahren ungenutzt in der Halle herum.

Wer die Halle betritt, atmet den Geist der 80-er Jahre. Rechts und links stehen Metallregale. In den Fächern liegen Holzkisten, Rohre und in Folie verpackte Geräte. Auf manchen von ihnen sind Messgeräte für die Luftfeuchtigkeit angebracht.  „Wenn rosa, Trockenmittel auswechseln“, steht dort in deutscher Sprache drauf. Auf Holzpaletten prangt das Logo der Deutschen Bahn. 

Die Kisten sind mit den Namen deutscher Firmen wie Siemens und Deutz beschriftet. Pro Jahr kostet die Lagerung 20 Millionen Euro.

Kommentare (25)

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vandale

04.02.2013, 10:58 Uhr

Argentinien und Brasilien haben in den 70er Jahren mehrere KKW bestellt und den Bau dann aufgrund finanzieller Engpässe Anfang der 80er Jahre eingestellt.

In Argentinien liefert das Siemens Kernkraftwerk Atucha 1 Strom, Atucha 2 wurde in den letzten Jahren aus den angelieferten Komponenten montiert und ist in der Anfahrphase. Interessant an Atucha ist die Nutzung von Schwerem Wasser welches einen höheren Brutfaktor hat und die Nutzung von im Lande vorhandenen Natururan erlaubt.

In Brasilien hat man mit Angara II und III Kernkraftwerke die baugleich mit Biblis sind, welches 2011 in Deutschland im ökoreligiösen Delirium abgeschaltet wurde. Angara II liefert seit Jahrzehnten umweltfreundlichen Strom, der Bau von Angara II wurde, wie erwähnt abgebrochen.

Der Zusammenbau eines KKW der 80er Jahre ist technisch herausfordernd weil die einstigen Ingenieure nicht mehr im Beruf stehen, die Fa. KWU und viele Unterlieferanten nicht mehr im Geschäft sind und die Zeichnungen teils in CAD Formaten erstellt wurden die heute nicht mehr lesbar sind.
Die Leittechnik muss komplett neu ausgelegt werden, weil die Elektronik seitdem 3 Generationen fortgeschritten ist.

Technisch ist dies ein sehr interessantes Projekt.

Vandale

vandale

04.02.2013, 11:29 Uhr

(...)

Grundsätzlich haben Kernkraftwerke das geringste Risikopotental aller bekannten Energieerzeugungsarten. In Fukushima wurde eine Region der Grösse eines Deutschen Ladkreises radioaktiv so sehr kontaminiert wie es der Schwarzwald seit geologischen Zeiten ist. Es wird gem. UNSCEAR soviele Krebsfälle geben wie ohne die Reaktorunfälle auch.

Sehr viele Kernkraftwerke stehen direkt am Meer. Dies ist sehr vorteilhaft weil das Meer ganzjährig ausreichend kaltes Kühlwasser bereit stellen kann. Vielfach verlaufen Höchstspannungsleitungen entlang der Küste. Ein besonderes Risiko stellt dies nicht dar, als man Kernkraftwerke am Meer im Gegensatz zu den Reaktoren in Fukushima mit Flutschutzeinrichtungen vrsieht und üblicherweise die Notstromdiesel etwas höher gelegen positioniert. Ein Kernkraftwerk ist aufgrund seiner massiven Bauweise besser als andere Kraftwerke gegen Ueberflutung geschützt.

Die Evakuierung grosser Landstriche im Falle eines Reaktorunfalls, wie in Tshernobyl und Fukushima geschehen, wird seitens der WHO und der IAEA stark kitisiert. Die Evakuierungen in Fukushima und Tschernobyl haben gem. Studien der WHO in Zusammenarbeit mit der University of Tokyo mehr Opfer durch Verkehrsunälle und Stress verursacht als eine Nicht-Evakuierung gekostet hätte. Fachlich empfohlen wird ein Verzicht auf grossflächige Evakuierungen, anstelle dessen wird eine partielle Umsiedlung radioaktiv stark kontaminierter Orte, Pripjat im Falle Tschernobyl, Itate im Fall Fukushima emfohlen. Wieweit die aktuellen Notfallpläne Brasiliens Evakuierungen im Fall eines Reaktorunfalls vorsehen ist mir nicht bekannt.

(..)Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: http://www.handelsblatt.com/netiquette

xbamx

04.02.2013, 11:57 Uhr

@Vandale:
"Angara II liefert seit Jahrzehnten umweltfreundlichen Strom, der Bau von Angara II wurde, wie erwähnt abgebrochen."
Dass die Endlagerung der hochradioaktiven Abfälle noch nirgends auf der Welt gelöst ist und nach uns noch Generationen belasten wird, schein Sie nicht zu stören. Frage mich, was daran umweltfreundlich ist???

"Die Evakuierung grosser Landstriche im Falle eines Reaktorunfalls, wie in Tshernobyl und Fukushima geschehen, wird seitens der WHO und der IAEA stark kitisiert. Die Evakuierungen in Fukushima und Tschernobyl haben gem. Studien der WHO in Zusammenarbeit mit der University of Tokyo mehr Opfer durch Verkehrsunälle und Stress verursacht als eine Nicht-Evakuierung gekostet hätte. Fachlich empfohlen wird ein Verzicht auf grossflächige Evakuierungen, anstelle dessen wird eine partielle Umsiedlung radioaktiv stark kontaminierter Orte,..."
Warum bauen Sie dann nicht in Fukushima oder Tschernobyl? Dort sind die Baupreise bestimmt recht günstig und man kann sich zudem noch gesund vom Gemüse aus dem eigenen Garten ernähren?!

xbamx

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