Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.06.2014

16:50 Uhr

Energieverschwendung

Ukraine gibt Vollgas

VonHelmut Steuer

Die Ukraine leidet unter dem Gasstreit mit Moskau. Doch der Konflikt zeigt auch: Fast nirgendwo in Europa wird so viel Energie verschwendet. Bürger und Firmen heizen oder kühlen munter drauflos. Der Staat ist machtlos.

Industrieanlage in der Ukraine Getty Images

Industrieanlage in der Ukraine

KiewDie Fenster stehen an diesem heißen Juni-Tag weit offen. Draußen weht zwar ein leichter Wind, doch Feuchtigkeit liegt in der Luft und macht jede Bewegung schwer. In der Drei-Zimmer-Wohnung von Luydmila Poleschko ist es trotz der geöffneten Fenster unangenehm warm.

Die Ärztin wohnt in Dnipropetrowsk und hat sich im vergangenen Jahr eine zweite Klimaanlage installieren lassen. „Jetzt kann ich wenigsten bei angenehmen Temperaturen einschlafen“, erzählt sie und zeigt stolz auf die neue Anlage, Marke Mitsubishi, die unter der Decke im Schlafzimmer hängt.

Hier im Osten der Ukraine sind im Sommer Temperaturen von 35 Grad eher der Normalfall. Die schwüle Luft findet leicht ihren Weg in die Wohnungen. Zwar gibt es in einigen Wohnungen Doppel- oder sogar Dreifach-Verglasung, doch die Fensterrahmen sind undicht und die Hauswände nur schlecht isoliert. Das macht es selbst zwei auf Hochtouren laufenden Klimaanlagen schwer, die Zimmertemperatur auf erträgliche 20 oder 22 Grad herunterzukühlen. „Außerdem“, sagt Luydmila, „ist der Strom mittlerweile recht teuer“. Deshalb überlegt die Ärztin stets genau, ob sie schwitzen oder zahlen will.

Wenn der Gasmann zwölf Mal klingelt

Bislang kostete sie die Kilowattstunde 28 Kopeken, das sind zwei Cent. Seit Anfang vergangenen Monats wurde der Preis auf 31 Kopeken erhöht. Weitere Preiserhöhungen hat die ukrainische Regierung für den Herbst angekündigt. „Im Monat zahle ich für Strom etwa 30 bis 40 Griwna (1,84 bis 2,45 Euro)“, erzählt sie. Ungefähr den gleichen Betrag muss sie Gas zahlen.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

Einmal im Monat klingelt der Gasmann und liest den kleinen Zähler im Flur der Wohnung ab. Das Gas wird ausschließlich zum Kochen benutzt. Der größte Kostenfaktor ist die Heizung. „Abgerechnet wird für den gesamten Winter“, sagt Luydmila und zeigt die letzte Rechnung. 406 Griwna für die Monate Oktober bis März – das sind knapp 25 Euro an Heizkosten für einen langen und kalten Winter.

Und hier liegt das Problem des ganzen Landes. Natürlich entspricht der Rechnungsbetrag nicht den tatsächlichen Energiekosten. Vielmehr subventioniert der Staat die Heizkosten – und ist dabei nicht sonderlich geizig: Die privaten Zahlungen entsprechen nur etwa 16 Prozent der tatsächlichen Energiekosten, wie unabhängige Energieexperten errechnet haben.

Kommentare (11)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

17.06.2014, 17:09 Uhr

Das Beispiel zeigt mal wieder wie ungemein Aussichtsreich der Versuch der Deutschen Gutmenschen ist, mittels exorbitanter Energiepreise in DLand die Welt zu retten.

Wir kasteien uns, während andere Läder lustig drauflos heizen

Account gelöscht!

17.06.2014, 17:14 Uhr

"muss für den Kubikmeter nach dem Scheitern der Energie-Gespräche Anfang der Woche rund 485 Dollar zahlen"

Dann sollte er sein Gas in Deutschland kaufen *lach*

Hier kostet der m3 ca 50-60 ct. Ein m3 hat ca 10 kwh und die kwh kostet bei uns den Verbraucher ca 5-6 ct. Die großen Versorger wie EON kaufen die kwh für rund 2-3 ct ein.

Schlecht recherchiert. Setzen.

Account gelöscht!

17.06.2014, 17:17 Uhr

Und wenn die Ukraine nach Deutschem Vorbild mit der Extrem-Dämmung der Häuser anfängt, dann kann das Land ganz groß in den Export von Schimmel einsteigen und sich so aus der Krise exportieren.

Schimmel wird schließlich weltweit zur Herstellung von Schimmelkäse gebraucht ;-)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×