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05.06.2012

16:49 Uhr

Energieversorgung bedroht

Griechenlands Geldnot stranguliert die Wirtschaft

VonGerd Höhler

Die gebeutelten Griechen könnten bald im Dunkeln sitzen, denn die Energieversorgung steht vor dem Kollaps. Dem staatlichen Gaskonzern geht das Geld aus, um den Stromversorger ist es nicht besser bestellt.

Nächtliche Demo der Ultra-Rechten unter Nikos Mihaloliakos: Bald könnten die Lichter in Athen vollends ausgehen. dpa

Nächtliche Demo der Ultra-Rechten unter Nikos Mihaloliakos: Bald könnten die Lichter in Athen vollends ausgehen.

Der politische Stillstand in Griechenland beschleunigt die Talfahrt der Wirtschaft: Die Energieversorgung ist akut gefährdet, dem Einzelhandel drohen leere Regale und das Gesundheitswesen steht vor dem Zusammenbruch. Immer mehr Unternehmen stehen vor der Pleite; infolgedessen drohten den Banken wegen fauler Kredite Milliardenverluste.

Seit der Auflösung des Parlaments Mitte April ist Griechenland politisch gelähmt. Die Wahlen vom 6. Mai führten zu einem Patt. Jetzt sollen die Griechen am 17. Juni erneut abstimmen. Doch schon vorher könnten die Lichter ausgehen, weil der Kollaps der Energieversorgung droht. Dem staatlichen Gaskonzern Depa gehe das Geld aus, berichten Unternehmenskreise.

Depa benötigt bis zum 22. Juni rund 100 Millionen Euro, um seine Lieferanten - die russische Gazprom, die türkische Botas und die italienische Eni - zu bezahlen. Versiegt der Erdgasstrom, müsste Depa seine Gaslieferungen an die privaten Kraftwerksbetreiber einstellen, die fast ein Drittel des griechischen Stroms erzeugen. Für Mittwoch haben Finanzminister Giannis Zannias und Energieminister Grigoris Tsaltas ein Krisentreffen einberufen. „Wir sind in einer Notlage, die sofortiges Handeln erfordert“, sagte Arthouros Zervos, Chef des staatlichen Stromversorgers DEI. Es bestehe „die reale Gefahr von Stromabschaltungen“.

Ist ein Euro-Austritt Griechenlands möglich?

Vorbereitung auf den Notfall

Lange Zeit wurde es bestritten: Die Eurozone bereitet sich nun doch für den Notfall auf einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone vor. Die Hoffnungen, dass Athen im Euroland wieder auf die Beine kommen kann und zu seinen Sparzusagen steht, schwinden. Doch ist ein solcher Schritt überhaupt möglich?

Rechtliche Grundlage

Die Rufe nach einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone werden angesichts der tiefen Krise des Landes immer lauter. Nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals das Austrittsszenario angesprochen hatte, räumte auch Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker nach dem EU-Sondergipfel in Brüssel ein, dass Experten entsprechende Pläne für den Notfall ausarbeiten, sollte Athen nach den Neuwahlen vom Spar- und Reformkurs abweichen.
Allerdings ist ein direkter Rauswurf aus der Eurozone durch die anderen Mitgliedsländer nicht möglich. Das sehen die EU-Verträge nicht vor. Allerdings könnte Griechenland von sich aus erklären, sich vom Euro zu verabschieden. Aber auch in diesem Fall wäre dies Neuland für das gesamte Euro-System, das dafür keine Regelungen kennt.

Folgen für Griechenland

Mit großer Wahrscheinlichkeit würde der Euro-Abschied zunächst den kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch des Krisenlandes bedeuten. Ohne Euro müsste Griechenland wieder eine eigene Währung einführen, etwa die alte Drachme. Sie würde vermutlich drastisch an Wert verlieren, etliche Ökonomen schätzen um die 50 Prozent. Die Abwertungseffekte würden dann aber Exporte verbilligen und die Wettbewerbsfähigkeit Griechenland international steigern.

Parallelwährung

Von Ökonomen gibt es auch Vorschläge für die Einführung einer Parallelwährung, beispielsweise dem „Geuro“, wobei der Staat Schuldscheine an seine Bediensteten ausgeben könnte statt sie direkt zu bezahlen. Die Zweitwährung würde gegenüber dem Euro im Wert sinken. Auch in diesem Fall könnten griechische Exporteure im Ausland billiger anbieten, die griechische Wirtschaft könnte so ihre Konkurrenzfähigkeit steigern, was dringend nötig wäre, damit sie aus der Rezession herauskommt. Die Lösung einer Zweitwährung soll dabei dem Land die Rückkehr zu einer vollen Mitgliedschaft in die Eurozone sichtbar offenhalten.

Anstieg von Altschulden

Bei Einführung einer neuen Währung wäre besonders schwerwiegend, dass für Griechenland die in Euro aufgenommenen Altschulden infolge der Abwertungseffekte drastisch steigen würden. Das Bankensystem geriete ins Wanken, ein Ansturm der Sparer wäre programmiert. Deshalb sollte die Einführung einer neuen Währung nach Ansicht von Fachleuten nur geordnet verlaufen, wobei großzügige Überbrückungshilfen und Stützung der Banken notwendig wären.

Folgen für die Euro-Zone

Ob das Euro-Währungsgebiet einen Austritt der Hellenen verkraften würde, ist äußerst fraglich. Ökonomen warnen vor der Ansteckungsgefahr für weitere Sorgenkinder wie Spanien, Italien oder Portugal. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren.

Risikoaufschläge

Vermutlich würden die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder so stark steigen, dass diese ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kämen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten. Aus Sicht von Politikern ist diese Gefahr jedoch deutlich geringer geworden, nachdem größere Euro-Rettungsschirme aufgespannt worden seien.

Zumal die Finanzlage des Versorgers selbst ebenfalls prekär ist. Denn immer mehr Kunden bleiben die Stromrechnung schuldig. Die Außenstände belaufen sich nach Branchenschätzungen mittlerweile auf 1,2 Milliarden Euro.

Kommentare (26)

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Dont_worry_be_happy

05.06.2012, 16:45 Uhr

Und das, wo gewaltige Erdgas- und Erdölvorkommen vor den Küsten Griechenlands und Zyperns schlummern sollen. Die fördern jetzt die texanische Noble Energy und Israel (siehe hierzu auch Börssenexperte Dirk Müller in der letzten Anne Will Sendung, einfach mal unter Griechenland und Erdöl googeln)

Golo123

05.06.2012, 17:08 Uhr

Bei dieser Zahlungsmoral muß es so kommen, freuet euch auf den 17. Juni - ich werde mit ´nem feinen Ouzo anstoßen! Jammas!

willi

05.06.2012, 17:14 Uhr

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