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11.07.2017

14:57 Uhr

Energiewende

Steigt Frankreich aus der Atomkraft aus?

VonThomas Hanke

Per Gesetz will Frankreich den Atomanteil an der Stromproduktion bis 2025 auf 50 Prozent senken. Dafür könnten in den kommenden acht Jahren bis zu 17 Atomreaktoren abgeschaltet werden. Doch wie wahrscheinlich ist das?

Das französische Energiewende-Gesetz schreibt vor, den Atomanteil an der Stromproduktion bis 2025 auf 50 Prozent zu senken. Bislang kommen in dem Land etwa drei Viertel des Stroms aus Atomkraft. Auch das älteste französische Kraftwerk in Fessenheim an der deutschen Grenze (Bild) ist noch am Netz. Aber es existiert immerhin ein Plan für dessen Schließung. AFP

Atomkraftwerk Fessenheim

Das französische Energiewende-Gesetz schreibt vor, den Atomanteil an der Stromproduktion bis 2025 auf 50 Prozent zu senken. Bislang kommen in dem Land etwa drei Viertel des Stroms aus Atomkraft. Auch das älteste französische Kraftwerk in Fessenheim an der deutschen Grenze (Bild) ist noch am Netz. Aber es existiert immerhin ein Plan für dessen Schließung.

ParisDeutschland gilt als Vorreiter bei der Energiewende – und nun auch als Vorbild für den Nachbarn Frankreich? Gedankenspielereien des französischen Umweltministers Nicolas Hulot über die mögliche Schließung von 17 Atommeilern legen die Schlussfolgerung nahe. Doch es gibt noch längst keinen abgestimmten Plan, und der zähe Widerstand des Stromkonzerns EDF gegen das Abschalten des Atomkraftwerks Fessenheim ist ein kleiner Vorgeschmack auf die Auseinandersetzungen, die dem Land bevorstehen.

Hulot ist einer der beliebtesten französischen Minister. Seine Popularität verdankt er der Natursendung „Ushuaia“, benannt nach der argentinischen Stadt am Beagle-Kanal, die er viele Jahre lang im Privatsender TF1 präsentiert hat. Lizenzgebühren aus der Vermarktung gleichnamiger Duschgels und Shampoos, von denen einige bei Ökotests durchfielen, haben Hulot über Jahre hinweg viele hunderttausend Euro eingebracht. Zum monetären Erfolg des Umweltaktivisten hat auch der Atomkonzern EDF beigetragen, der seine Stiftung mitfinanzierte. Die Veröffentlichung seiner finanziellen Interessen hat Hulots Image etwas ramponiert.

Frankreichs Umweltminister Nicolas Hulot will en Stromverbrauch in seinem Land senken und die Produktion diversifizieren. Reuters

Nicolas Hulot

Frankreichs Umweltminister Nicolas Hulot will en Stromverbrauch in seinem Land senken und die Produktion diversifizieren.

Vielleicht fühlte er sich auch deshalb bemüßigt, Anfang der Woche den Kampf gegen die Atomkraft zumindest verbal zu intensivieren. Er verwies darauf, dass Frankreich den Beitrag des Nuklearstroms zur Elektrizitätsversorgung des Landes bis 2025 von derzeit 71 Prozent auf 50 Prozent verringern will.

Und dann dachte er vor dem Mikrofon eines Radiosenders laut nach: „Jeder kann nachvollziehen,  dass wir eine Reihe von Reaktoren schließen werden, um dieses Ziel zu realisieren, übrigens ist noch keiner geschlossen worden.“ Anschließend fügte der Minister hinzu: „Lassen Sie mich das planen, oh, vielleicht werden es bis zu 17.“ Frankreich werde seinen Stromverbrauch verringern und die Erneuerbaren ausbauen, „daraus folgt mechanisch, dass wir Reaktoren schließen.“ Schon hatte Hulot seine Schlagzeile: Die französische Regierung schließt 17 Atomreaktoren.

Doch schon seit fünf Jahren verfolgt Frankreich offiziell das Ziel, den Beitrag seiner Atomkraftwerke zur Stromversorgung auf 50 Prozent herunterzufahren. Geschehen ist so gut wie nichts. Hollande wollte in seiner Amtszeit zumindest ein Atomkraftwerk abschalten, großes Ehrenwort! Wenige Tage, bevor er aus dem Amt schied, fiel ihm ein, dass er auch dieses Versprechen gebrochen hatte und schob einen Eil-Erlass nach, damit Fessenheim vom Netz gehe. Doch EDF hat es geschafft, das Kraftwerk an der deutschen Grenze weiterlaufen zu lassen, bis ein neuer Atommeiler in Flamanville an der Kanalküste anläuft. Das könnte 2019 der Fall sein. 

Schon Gerhard Schröder spottete zu seiner Zeit als Bundeskanzler gerne: „Die Grünen sagen mir ständig, ich solle die Atomkraftwerke abschalten, aber ich finde den Knopf dafür nicht an meinem Schreibtisch!“ In Frankreich ist es nicht so viel anders: EDF ist zwar zu 83 Prozent im Staatsbesitz, pocht aber auf seine erworbenen Rechte als Betreiber von 58 Reaktoren an 19 Standorten.

Die werden in zehn Jahren bis auf wenige Ausnahmen alle älter als 40 Jahre sein. Dann kommt ein neuer Faktor zum Zuge: Für den Weiterbetrieb über 40 Jahre hinaus gibt es keine Genehmigung. Sollte die Atomaufsicht sie erteilen, ist mit Kosten für die Modernisierung von 30 bis 40 Milliarden Euro zu rechnen. Schließung und Rückbau wären mit erwarteten acht Milliarden Euro deutlich günstiger.

Doch so lange der Staat keine klaren Vorgaben macht und Frankreich mit dem Ausbau der Erneuerbaren zurückhängt – deren Anteil liegt jetzt bei 17 Prozent –  kann kein Unternehmen vernünftig planen, auch EDF nicht. 

Kommentare (10)

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Herr Holger Narrog

11.07.2017, 15:29 Uhr

Frankreich ist nicht Deutschland. Die Politik funktioniert anders, wobei mein Wissen zur französischen Seele etwas begrenzt ist. Soweit mir bekannt ist die Ökoreligion und der Atomstrahlenglauben weit weniger ausgeprägt als in Deutschland.

Preiswerter Strom ist einer der wenigen Standortvorteile Frankreichs. Die 58 abgeschriebenen Kernkraftwerke sind die Cash Kühe von EDF. Der vielfach vertretene Gedanke "Le Boche payee" die Deutschen alternativ zahlen zu lassen scheitert sicher nicht an den Deutschen Politikern, dürfte jedoch wie nach dem WKI die Deutschen Steuerzahler überfordern.

Die umweltfreundlichen Kernkraftwerke wurden in den 70er - 90er Jahren errichtet. Den Erneuerungs- und Modernisierungsbedarf (Dampferzeuger, Leittechnik..) hat man teils aufgeschoben. Die im Artikel genannten 40 Mrd. € entsprechen 650 Mio. € /Block. Das entspricht 40% der Kosten eines neuen Kohlekraftwerks. Sachlich gesehen wäre eine Abschaltung abwegig.

Umweltschädliche Windmühlen und Solaranlagen produzieren Strom entsprechend den Launen des Wetters, der Tages- und Jahreszeit. Zufallsstrom ist im Netz wertlos.

Es ist zu hoffen, dass die Gewerkschaften den links- destruktiven Politikern Feuer unter dem Hintern machen werden.



Rainer von Horn

11.07.2017, 15:36 Uhr

Erst wenn das letzte konventionelle Kraftwerk abgeschaltet ist, wird man verstehen, daß Windstrom nicht grundlastfähig ist. Die Grünen werden sich zusätzlich wundern, wenn der Strom nicht mehr aus der Steckodose kommt. ;-D

Deutschland wirbelt mit seiner Energiewende und dem 33%-Anteil am deutschen Strommix bereits jetzt den gesamten europäischen Strommarkt durcheinander, nicht auszudenken, wenn die europäischne Nachbarn auch damit beginnen.
Man sollte eine grosstechnisch praktikable UND bezahlbare (!) Speicherungsmöglichkeit finden, bevor man die Versorgungssicherheit ideologischen Zielen opfert. Die Wahrscheinlichkeit ist unter diesem Gesichtspunkt vielleicht ganz gut, daß es mit dem Abschalten französischer Atommeiler noch was dauert. :)

Herr Holger Narrog

11.07.2017, 15:47 Uhr

Herr von Horn...

Die gesicherte Leistung umweltschädlicher Windmühlen und Solaranlagen ist etwa 0. Die Stromversorgung wird dann kritisch wenn die modernen Grosskraftwerke die Maximallast plus Reserve nicht mehr decken können.

Strom ist der am schwersten speicherbare Energieträger. Bislang gibt es kein technisches Konzept um die Strommengen zu speichern die eine 6 - wöchige wind-und sonnenarme Zeit erfordert.

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