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21.11.2015

15:20 Uhr

Enthüllung von Finanzskandal

Vatikan verklagt Journalisten

Wegen der jüngsten Veröffentlichung vertraulicher Dokumente will der Vatikan fünf Personen vor Gericht bringen, darunter zwei Journalisten. Diese hatten einen Finanzskandal im Kirchenstaat aufgedeckt.

Der Vatikan verklagt nach Aufdeckung eines Finanzskandals unter anderem zwei Journalisten wegen Weitergabe und Verbreitung vertraulicher Dokumente. dpa

Papst Franziskus in Vatikanstadt

Der Vatikan verklagt nach Aufdeckung eines Finanzskandals unter anderem zwei Journalisten wegen Weitergabe und Verbreitung vertraulicher Dokumente.

Vatikanstadt/RomNach dem jüngsten Datenleck im Vatikan haben die vatikanischen Justizbehörden Anklage gegen fünf Verdächtige erhoben. Wie italienische Medien am Samstag berichteten, soll der Prozess bereits am Dienstag mit einer Voranhörung beginnen. Der stellvertretende Vatikan-Sprecher Ciro Benedettini wollte auf Anfrage lediglich bestätigen, dass Vorladungen verschickt worden seien. Der Vatikan werde sich zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher dazu äußern.

Wie die Zeitung „La Repubblica“ berichtete, müssen sich insgesamt fünf Beschuldigte wegen der Weitergabe und Verbreitung vertraulicher Dokumente vor der Vatikan-Justiz verantworten. Anfang November waren in der Affäre bereits der spanische Priester Lucio Ángel Vallejo Balda und die frühere Papst-Vertraute Francesca Chaouqui festgenommen worden.

Verhört wurden zudem die beiden Journalisten Emiliano Fittipaldi und Gianluigi Nuzzi, die vor kurzem Bücher über das Finanzgebaren im Kirchenstaat veröffentlicht hatten. Darin zitieren sie aus vertraulichen Dokumenten und werfen dem Vatikan unter anderem vor, mit Spendengeldern für kranke Kinder den luxuriösen Lebensstil einiger Kardinäle zu finanzieren.

Bei dem fünften Beschuldigten handelt es sich den Berichten zufolge um Nicola Maio, der wie Vallejo Balda und Chaouqui der von Papst Franziskus eingerichteten Kommission für die Überprüfung der Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen (Cosea) im Vatikan angehörte. Von den fünf Beschuldigten sitzt nur Vallejo Balda im Vatikan in Haft. Chaouqui versprach, mit der Vatikan-Justiz zusammenzuarbeiten und wurde kurz nach ihrer Festnahme wieder freigelassen.

Geldverschwendung im Vatikan – Enthüllungen von Gianluigi Nuzzi

Der Autor

Gianluigi Nuzzi, Jahrgang 1969, ist Journalist und Fernsehmoderator. Seine beiden Vatikan-Bücher wurden Bestseller: 2009 erschien „Vatikan AG“, in dem er über die Vatikanbank und ihre Machenschaften schrieb, und 2012 „Seine Heiligkeit“, in dem er geheime Dokumente aus dem Vatikan veröffentlichte. Das Buch löste „Vatileaks“ aus. Der Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., Paolo Gabriele, wurde verhaftet und verurteilt, weil er Dokumente vom Schreibtisch des Papstes entwendet hatte. Nuzzi hat nie preisgegeben, ob Gabriele sein Informant war. „Alles muss ans Licht“, sein neues Buch, geht über die desolate Finanzsituation im Vatikan.

Vatikanstaat

„Museen und Läden, Bauaufträge und Warenlieferungen sind ein Riesengeschäft“, schreibt Nuzzi. Berater von McKinsey hätten schon 2009 herausgefunden, dass verschiedene Kostenstellen wie Instandhaltungen um 200 bis 400 Prozent höhere Kosten auswiesen als marktüblich. Das Governatorat mit 1900 Beschäftigten ist für das Funktionieren des Staates zuständig. In dem „Steuerparadies“ gibt es einen Supermarkt, Tankstellen, Tabakläden, Bekleidungsgeschäfte, Läden für Unterhaltungselektronik. Nuzzi findet heraus, dass es keine Aufzeichnungen über Waren ein- und Ausgang gibt. „Die Verlust aufgrund von Bestandsabweichungen“ liegt 2013 bei 1,6 Millionen Euro. Es gibt „persönliche Umsatzsteuerbefreiungen“.

Immobilien

Es fehlt eine vollständige Bestandsaufnahme der Vermögenswerte sämtlicher Teilorganisationen des Vatikans und aller Körperschaften. Wenn die Liegenschaften des Vatikans gut gemanagt würden, könnten Mieteinkünfte das Vierfache einbringen, schreibt Nuzzi. Viele Kardinäle und andere Kirchenmenschen zahlten für ihre großen Wohnungen sehr wenig. „Würde man Marktpreise ansetzen, könnten die den Beschäftigten überlassenen Wohnungen anstelle der heutigen 6,2 Millionen 19,4 Millionen Euro an Erträgen abwerfen“, schreibt Nuzzi.

Rentenfonds

Es drohe ein Rentenloch in Höhe von 800 Millionen Euro, heißt es im Buch in Bezug auf Berechnungen der Cosea-Kommission von 2013, die das Versorgungssystem durchleuchtet. Verpflichtungen von 1,2 bis 1,3 Milliarden Euro stünden einem Guthaben von rund 450 Millionen Euro gegenüber.

Schutzheilige

Rund 50.000 Euro kostet die Einleitung eines Seligsprechungsprozesses, so Nuzzi, manchmal ist es mehr, sogar 750.000 Euro. Es fehlt Transparenz. Die Cosea-Mitglieder fragen vergebens nach Bankunterlagen für Spenden. Kurzfristig werden die Konten eingefroren

Der Enthüllungsjournalist Fittipaldi zeigte sich erschüttert über die Anklage. „Vielleicht bin ich naiv“, sagte Fittipaldi der Nachrichtenagentur Ansa. Er sei aber davon ausgegangen, dass der Vatikan nicht gegen ihn, sondern gegen diejenigen vorgehen werde, deren kriminelle Machenschaften er aufgedeckt habe.

Fittipaldis Kollege Nuzzi spielte bereits in der sogenannten Vatileaks-Affäre aus der Zeit von Papst Benedikt XVI. eine prominente Rolle. Auch damals waren in größerem Stil geheime Papiere aus dem Vatikan geschmuggelt und publiziert worden. Nach der Affäre hatte Papst Franziskus 2013 die Gesetze gegen Enthüller in den eigenen Reihen verschärft.

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