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04.04.2013

14:24 Uhr

Enthüllungsseite Mediapart

Gefürchtet bei Politikern

VonTanja Kuchenbecker

Die Enthüllungsseite Mediapart steht im Mittelpunkt der Cahuzac-Affäre. Die kleine französische Website brachte den Fall um den ehemaligen Budgetminister Jérôme Cahuzac ins Rollen. Wer steckt hinter dem Online-Portal?

Jérôme Cahuzac stolperte über Recherchen des Enthüllungs-Portals „Mediapart“. Reuters

Jérôme Cahuzac stolperte über Recherchen des Enthüllungs-Portals „Mediapart“.

Paris„Beweise sind nicht die Worte eines Journalisten, sondern eines Staatsanwaltes“, sagt Edwy Plenel. Der 60-jährige Journalist mit dem buschigen Schnauzbart steht seit Tagen neben dem ehemaligen Budgetminister Jérôme Cahuzac in Frankreich im Mittelpunkt. Plenel ist der Gründer der französischen Website „Mediapart“, die die Cahuzac-Affäre ins Rollen brachte.

Die kleine französische Website, bekannt für investigative Recherche, wird gefürchtet. Sie brachte schon hochrangige Politiker zu Fall. Konservative und Sozialisten waren beide davon betroffen. Im Dezember berichtete sie über Cahuzacs illegales Konto in der Schweiz. Das Internet-Medium behauptete, im Besitz einer Telefonaufzeichnung zu sein, auf der Cahuzac einem bisher nicht bekannten Gesprächspartner erklärt, ein Konto in der Schweiz eröffnet zu haben und dieses zu bedauern. Cahuzac stritt alles ab und drohte Mediapart nach der Enthüllung mit einer Klage wegen Verleumdung. Doch die Staatsanwaltschaft hat danach die Ermittlungen aufgenommen. Zeugen haben die Authentizität der Aufnahme bestätigt und Cahuzac trat zurück.

Mediapart ist aber auch der Urheber für zwei andere prominente Ermittlungen, diesmal aus der konservativen Partei. Die Internet-Plattform hatte die Bettencourt-Affäre um illegale Parteispenden aufgedeckt. Der damalige Arbeitsminister Eric Woerth musste zurücktreten, gegen Ex-Präsident Nicolas Sarkozy wird in der Affäre auch ermittelt.

Plenel, der 25 Jahre bei der Tageszeitung „Le Monde“ war, zuletzt als Chefredakteur, gründete die Mediapart mit drei Kollegen im Jahr 2008. Seitdem arbeiten dort viele Journalisten von „Le Monde“ und „Liberation“. Mediapart hat sich innerhalb kurzer Zeit als führendes Internetmedium in Frankreich entwickelt. Das Portal hat mittlerweile 45 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von sechs Millionen Euro. Die Internetzeitung ist seit zwei Jahren rentabel: Im vergangenen Jahr wurde nach eigenen Angaben ein Gewinn von 700.000 Euro erwirtschaftet. Mediapart hat 65.000 Abonnenten, die meisten Artikel sind kostenpflichtig. Unter den Abonnenten sind auch Politiker wie Präsident François Hollande und Ex-Premierminister Dominique de Villepin.

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Gegen Frankreichs zurückgetretenen Haushaltsminister wurden Ermittlungen eingeleitet: Der Sozialist hatte geleugnet, heimlich ein Auslandskonto zu besitzen. Nun gibt er es zu – und spricht von einer „Lügenspirale“.

Mediapart wird gefürchtet, bewundert und wegen seiner Methoden oft auch angeprangert, sowohl von Politikern, als auch von Journalisten selbst. Politiker kritisierten schon die „antidemokratischen Methoden“ der Internetseite. Das Satireblatt „Le Canard enchainé“, sonst für die Aufdeckungen zuständig, wirft Mediapart „Denunziantentum“ vor. Jean-Michel Apathie, Radioreporter von RTL, belachte die Recherchen zu Cahuzac als „Witzboldjournalismus“ und forderte Beweise.

Doch Plenel nimmt sich heraus, was andere etablierte Zeitungen nicht wagen. Die müssten mehr auf ihre private Aktionäre achten und würden mehr von der Politik kontrolliert, sagt er. Plenel ist dagegen gnadenlos und hartnäckig. Er betonte, es gebe „keine Entschuldigung“ für Hollande. Seit Dezember seien die Informationen über Cahuzac bekannt gewesen. Der Journalist versteht sich als Aufklärer: „Weil eine kleine Redaktion stur blieb, ist diese Geschichte ans Licht gekommen.“ Das sei nicht normal, es zeige, dass die Demokratie in der Krise sei.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

04.04.2013, 18:53 Uhr

„Weil eine kleine Redaktion stur blieb, ist diese Geschichte ans Licht gekommen. Das sei nicht normal, es zeige, dass die Demokratie in der Krise sei."

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich / Medien

Bei uns wird investigativer Jounalismus gerne in die rechte Ecke gedrängt, als Verschwörungstheorie belächelt oder schlicht mit Dummheit abgetan, in FRA wird´s Witzboldjournalismus genannt.
Neuestes Beispiel: störsender.tv

Hut ab @ Handelsblatt, das ist ein mutiger Artikel.

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