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24.03.2006

22:55 Uhr

„Er glaubte eigener Propaganda“

US-Armee hat Saddam ausgiebig studiert

Einem Bericht der US-Armee zufolge soll der frühere irakische Machthaber Saddam Hussein mehr Angst vor einem Umsturz als vor dem Einmarsch der alliierten Truppen gehabt haben. Am Ende glaubte er sogar seiner eigenen Propaganda, heißt es.

Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein auf der Anklagebank in Bagdad. Foto: dpa dpa

Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein auf der Anklagebank in Bagdad. Foto: dpa

HB WASHINGTON/BAGDAD/BAKUBA. Zu diesem Ergebnis kommt ein am Freitag veröffentlichter Bericht des Vereinigten Streitkräftekommandos (USJFCCOM) der USA. Danach planten irakische Eliteeinheiten auch Anschläge in London und anderen Städten Europas sowie im Nahen Osten. Außerdem hätten führende Militärs sowie zuständige Minister Saddam über die wahre Stärke der irakischen Truppen angelogen.

Der Bericht des Streitkräftekommandos enthält keinen Hinweis auf unterstützende Maßnahmen des Bundesnachrichtendienstes (BND) bei der US-Kriegsführung. Die „New York Times“ hatte Ende Februar zum Teil unter Berufung auf den damals geheimen USJFCOM-Report berichtet, die USA hätten einen Monat vor Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 aus deutschen Quellen eine Kopie der irakischen Verteidigungspläne für Bagdad erhalten. Das Material sei durch zwei BND-Mitarbeiter in Bagdad beschafft worden und habe dem US-Militär bei der Einschätzung geholfen, wann und wo Saddam Hussein besonders loyale Soldaten in Stellung bringen wolle.

Zweijährige Forschung

Der nach zweijähriger Forschung fertig gestellte Bericht basiert auf Interviews mit ehemaligen Mitgliedern aus Saddams Führungszirkel, der Eliteeinheiten Republikanische Garden sowie geheimen Mitschnitten von Gesprächen sowie Tausenden von Dokumenten. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat die US-Armee nach eigenen Angaben so ausführlich die Sichtweise des Kriegsgegners studiert.

Danach ist die irakische Führung fest davon ausgegangen, dass Frankreich und Russland aus wirtschaftlichem Interesse im Weltsicherheitsrat jede Genehmigung von Gewalt gegen das Bagdader Regime verhindern würden. Die militärischen Gegenmaßnahmen vor Kriegsbeginn seien völlig ineffektiv und unzureichend gewesen, weil Saddam Angst vor einem Umsturz gehabt habe. Deshalb habe die irakische Armee beispielsweise vor dem Heranrücken der US- Streitkräfte keine Brücken gesprengt.

Aus den Interviews mit Mitgliedern aus Saddams engstem Führungszirkel geht hervor, dass hochrangige Militärs und zuständige Minister Saddam über den wahren Zustand der Armee angelogen haben. Mehr als ein Jahrzehnt andauernde UN-Sanktionen hätten die Effektivität der irakischen Armee stark reduziert. Führende Regimevertreter hätten bis zuletzt geglaubt, dass ihr Land über Massenvernichtungswaffen verfügte, heißt es.

Der Bericht stellt auch klar, dass die irakische Führung Waffen und Munition im ganzen Land verteilte, um so den Krieg zu verlängern. Es sei jedoch nicht die Absicht gewesen, einen Volksaufstand oder einen Guerilla-Krieg zu unterstützen.

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