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13.04.2013

08:27 Uhr

„Er ist nicht tot“

Hugo Chávez auf dem Weg zum Volksmythos

Viele Venezolaner wollen nicht glauben, dass er fort ist. Und die Regierung arbeitet daran, Staatschef Hugo Chávez für immer zu verewigen: Seinem Nachfolger ist er bereits als Geist erschienen.

Auch Kinder werden vom Mythos Chávez vereinahmt. ap

Auch Kinder werden vom Mythos Chávez vereinahmt.

CaracasBrasiliens Präsidentin Dilma Rousseff blickte ergriffen in den mit der Landesflagge geschmückten Sarg, Kubas Staatschef Raúl Castro hob die Hand zum militärischen Gruß: Wie beinahe zwei Millionen Venezolaner erwiesen auch Staats- und Regierungschefs aus dem Ausland dem gestorbenen Präsidenten Hugo Chávez in Caracas die letzte Ehre.

Nach dem Tod des „Comandante“ erlebte Fuerte Tiuna einen Massenansturm. Nach Angaben der Regierung machten sich zwei Millionen Menschen auf den Weg, um sich von dem Staatschef zu verabschieden. Einer von ihnen ist Bauarbeiter Francisco González. „Ich bin verwaist, Vater und Mutter habe ich nun nicht mehr. Hugo Chávez war alles für mich“, sagt er. 14 Jahre hat Chávez das Land regiert.

Wie viele „Chavistas“ ist der 39-Jährige überzeugt, dass die Gebeine des von vielen vergötterten Staatschefs in den National-Pantheon gehören, an die Seite des Befreiungshelden Simón Bolívar (1783-1830). Dieser war Chávez' großes Vorbild. „Er hat es verdient, denn er hat für das Volk gekämpft“, meint González. Das sehen auch viele in der politischen Führung so. „Wir werden uns dafür einsetzen, dass er in den Pantheon kommt. Er war der Befreier der Armen“, sagte Parlamentspräsident Diosdado Cabello.

Auch die Regierung wollte dafür sorgen, dass der frühere Oberstleutnant über den Tod hinaus zum Volksmythos erhoben wird: Sein Leichnam sollte einbalsamiert und in einem gläsernen Sarg aufgebahrt werden.

Wie sich Venezuela unter Chavez entwickelt hat

Wie hat sich die Wirtschaft unter Chavez entwickelt?

Das je Einwohner erwirtschaftete Bruttosozialprodukt ist nach Angaben der Weltbank von 1998 bis 2010 um 6,1 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Von 1974 bis 1998 war es noch um 16 Prozent gefallen. Zu verdanken hat das Venezuela vor allem seinem Öl-Reichtum: Öl und Öl-Produkte machten 2012 rund 96 Prozent der Exporte aus; 1999 waren es lediglich 76 Prozent. Zudem ist der Öl-Preis deutlich gestiegen. Lag er zu Beginn von Chavez' Amtszeit noch bei zehn Dollar je Barrel, sind es jetzt etwa 110 Dollar.

Was sind die Probleme?

Die Inflationsrate gehört zu den höchsten der Welt. Im Februar lag sie bei 32 Prozent. Das staatlich verordnete Tauschverhältnis vom Dollar zum Bolivar von 1 zu 6,3 trifft die Wirtschaft hart und hat zu einem florierenden Schwarzmarkt geführt. Bestimmte Importgüter sind bereits knapp geworden. Dazu kommt, dass die weitgehend verstaatlichte Öl-Industrie teilweise marode ist, weil ausländische Investoren vertrieben wurden. So fiel die Öl-Produktion in der Chavez-Amtszeit von 3,5 auf 2,34 Millionen Barrel pro Tag.

Schwächelt nur die Ölindustrie?

Nein. Der Ausstoß der verstaatlichten Eisenerz-, Stahl- und Aluminiumindustrie fiel 2012 so gering aus wie seit über 30 Jahren nicht mehr. Einst gehörte Venezuela zu den größten Aluminium-Exporteuren der Welt, inzwischen ist es zum Importland geworden. Der Industrie setzen häufige Stromausfälle zu. So sorgten Dürren in den vergangenen Jahren häufig für Blackouts bei Wasserkraftwerken, weshalb die Behörden die Energie für Industriebetriebe rationierten.

Können die Sozialausgaben weiter finanziert werden?

Aus den Gewinnen des staatlichen Öl-Monopolisten PDVSA flossen zwischen 2004 und 2010 etwa 61,4 Milliarden Dollar in Sozialprogramme. Ob auch künftig so viel Geld sprudelt, ist ungewiss. Die USA als einer der Hauptkunden sind gerade dabei, sich durch die Schieferöl-Förderung (Fracking) unabhängig von Importen zu machen und könnten in wenigen Jahren selbst zum Öl-Exporteur aufsteigen. Dazu kommt, dass die Raffinerien in Venezuela dringend modernisiert werden müssen. 2012 kamen bei einer Explosion in der größten des Landes 40 Menschen ums Leben. Sogar die eigentlich Chavez-freundlichen Gewerkschaften demonstrierten.

Wie steht es um die Beziehungen zu Deutschland?

Deutschland betreffen die Entwicklungen in Venezuela kaum. 2012 wurden lediglich Waren im Wert von 539 Millionen Euro nach Deutschland ausgeliefert. Damit belegt Venezuela in der Rangliste der wichtigsten deutschen Lieferanten lediglich Platz 73, noch hinter Ländern wie Kambodscha und der Elfenbeinküste. Die deutschen Ausfuhren nach Venezuela belaufen sich auf 904 Millionen Euro - das entspricht nicht einmal 0,1 Prozent des gesamten Exportvolumens.

Doch die Pläne wurden nicht in die Tat umgesetzt. Man habe die „Option der Einbalsamierung des Körpers von Comandante Chávez verworfen“, nachdem ein russisches Expertenteam festgestellt habe, dass der Leichnam dazu für sieben bis acht Monate nach Russland gebracht werden müsste, teilte Informationsminister Ernesto Villegas auf Twitter mit. „Nach diesem Bericht wurde eine Einbalsamierung ausgeschlossen, die ein Herzenswunsch vieler Landsleute gewesen ist“, schrieb Villegas.

Kommentare (1)

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Ralph

13.04.2013, 20:48 Uhr

Maduro wird die Wahlen gewinnen, und das ist auch gut so. Venezuela ist im Umbruch und hat selbstverständlich gewisse Probleme - nicht zu verschweigen ist hierbei allerdings auch die Sabotage durch die alten Eliten -, aber in vielen westlichen Medien wird die Lage aus propagandistischen Gründen hoffnungslos dramatisiert. Der Kapitalismus ist eben alternativlos, und jedes Land hat sich ihm unterzuordnen. Damit dieser Eindruck auch dann keine Kratzer bekommt, wenn ein Land mal ausschert, müssen dessen Problemchen eben zur Staatskrise dramatisiert werden. Und das ausgerechnet in einer Phase, in der der Kapitalismus in seiner größten Krise seit Ewigkeiten steckt ...

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