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14.10.2014

15:55 Uhr

Erdogan bekämpft PKK

Der Türkei droht ein neuer Kurdenkrieg

VonGerd Höhler

Lange schwiegen im Kurdenkonflikt die Waffen. Nun flammt der Krieg wieder auf – und das, obwohl die Welt auf die Kurden im Kampf gegen den IS setzt. Die Türkei gerät immer tiefer in den Strudel der Kämpfe im Nahen Osten.

Proteste gegen Kurden in der Türkei enden zum Teil blutig. dpa

Proteste gegen Kurden in der Türkei enden zum Teil blutig.

AthenKampfjets der türkischen Luftwaffe bombardierten am Montagabend mutmaßliche Stellungen der kurdischen PKK. Ziel der Angriffe sollen Lager von PKK-Kämpfern bei Daglica in der südostanatolischen Provinz Hakkari an der Grenze zum Nordirak gewesen sein. Die Bombardements hätten große Schäden angerichtet, berichtete die Zeitung „Hürriyet“ auf ihrer Internetseite. Die dort vermuteten PKK-Rebellen seien in den Vortagen an „Morden, bewaffneten Überfällen und Angriffen auf Sicherheitskräfte“ beteiligt gewesen, hieß es in Militärkreisen. Die Zeitungen „Milliyet“ und „Cumhuriyet“ berichteten außerdem von Gefechten zwischen PKK-Rebellen und der Armee in der osttürkischen Provinz Tunceli.

In der vergangenen Woche war es in zahlreichen Städten der überwiegend kurdisch besiedelten Ost- und Südostprovinzen des Landes zu schweren Unruhen gekommen. Dabei wurden mindestens 37 Menschen getötet und an die 400 verletzt. Die Proteste entzündeten sich an der Haltung der türkischen Regierung im Konflikt um die belagerte syrische Kurdenstadt Kobane. Kurdenpolitiker werfen der Regierung vor, sie sehe der Eroberung der Stadt durch die Terrormiliz des „Islamischen Staats“ (IS) untätig zu und unterstütze die Dschihadisten sogar, um Selbstverwaltungsbestrebungen der syrischen Kurden mit Blick auf die eigene kurdische Minderheit einen Riegel vorzuschieben.

Die kurdischen Kämpfer im Überblick

Peschmerga

Im Irak stellt sich vor allem die Peschmerga den Dschihadisten entgegen, um die kurdische Autonomieregion im Norden zu schützen. Der Name der Armee bedeutet in etwa „Jene, die dem Tod ins Auge sehen“. Die Streitkräfte gingen aus bewaffneten Einheiten insbesondere der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) im Nordirak hervor. Experten gehen von etwa 130.000 bis 200.000 Kämpfern aus. Viele unterstehen der kurdischen Regionalregierung.

YPG

In Nordsyrien kämpfen derzeit insbesondere die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) gegen die IS-Extremisten. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden und wollen ihre drei „autonomen Kantone“ schützen, die nach dem Rückzug der syrischen Regierungstruppen in den überwiegend von Kurden bewohnten Regionen errichtet wurden.

PKK

Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist und auch in europäischen Ländern und den USA auf der Terrorliste steht. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen.

Kurdische Demonstranten lieferten sich vergangene Woche nicht nur Auseinandersetzungen mit der Polizei sondern auch Straßenschlachten mit türkischen IS-Sympathisanten. Rebellen der PKK griffen Polizeiposten und Stützpunkte der paramilitärischen Gendarmerie an. In Daglica beschossen PKK-Kämpfer tagelang eine örtliche Militärbasis mit Granatwerfern. Daraufhin starteten am Montag F-16 und F-4 Kampfflugzeuge von den Luftwaffenstützpunkten Diyarbakir und Malatya, um Angriffe auf die mutmaßlichen Schlupfwinkel der Rebellen zu fliegen.

Die neue Eskalation ist ein schwerer Rückschlag für die Bemühungen um eine friedliche Lösung der Kurdenfrage in der Türkei. Seit die PKK 1984 unter ihrem Führer Abdullah Öcalan den bewaffneten Kampf für einen eigenen Kurdenstaat aufnahm, sind in dem Konflikt bei Terroranschlägen und Gefechten mit der Armee über 40.000 Menschen gestorben. Seit mehreren Jahren bemüht sich der heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan um eine Beilegung des Konflikts. Obwohl die PKK als Terrororganisation verboten ist, verhandelt die Regierung in Ankara mindestens seit 2012 indirekt mit der PKK. Sie hat inzwischen die Forderung nach einem eigenen Staat fallengelassen und tritt für erweiterte kulturelle Rechte, wie Schulunterricht in kurdischer Sprache, und mehr regionale Selbstverwaltung ein.

Kommentare (12)

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Ginny Belina

14.10.2014, 16:10 Uhr

Na also, von wegen das NATO-Mitglied Türkei wäre zu passiv.

Sie bombardieren nun auch und verbreiten Angst und Schrecken, und wir übernehmen die Verantwortung im Sinne unserer Politiker und integrieren eiligst, wie es nun die Grünen in Baden-Württemberg fordern, noch einige zehntausend Flüchtlinge in unser Gesundheitssystem, versorgen sie sofort mit der Gesundheitskarte, holen sie in unser Sozialsystem und in die allgemeine Wohnungsmisere.

Gestern wurde von einer wohlhabenden Familie der Oberschicht aus Syrien berichtet, die gleich nach der Ankunft in Deutschland neben der Vollversorgung eine große Wohnung zur Verfügung bekam, vorgestern von einem gut situierten Flüchtling aus Syrien, der noch seine Großfamilie nachziehen will, aber meinte, Deutschland "hätte man ihm empfohlen", gerade so als würde er hier Urlaub verbringen wollen. Er meinte auch, er hätte sich Deutschland doch nicht so miserabel vorgestellt, ganz offensichtlich, weil er nun nur in einem 3-Bett-Zimmer in seinem sauberen Flüchtlingsheim unterkam. In der nachfolgenden Nachrichtensendung hat man das herausgeschnitten, und es wurde dann eiligst betont, er wäre dankbar.

Das mit der Türkei ist also eine echte Arbeitsteilung. Türkei denkt an sich, und an das eigene Volk, wir an die ganze Welt, nur nicht an uns.

Armes Deutschland.

Herr Peter Spiegel

14.10.2014, 16:19 Uhr

Wir brauchen ein andere Willkommenskultur.

Herr Uwe Ostertag

14.10.2014, 16:22 Uhr

So wie sich aber die Kurden hierzulande oder auch in der Türkei aufführen, dann fällte einem auch schwer, diesen nicht nur Sympathie entgegen zu bringen, sondern sie auf eine Stufe mit Radikalmuslims zu stellen. Ber letztendlich halte ich mich da raus, versuche für Niemanden mehr Partei zu ergreifen, weder für Erdogan, noch die Kurden und genauso wenig für die ISIS; es fällt mir schwer zwischen Böse, Böse und Böse den Guten herauszufinden.

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