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02.05.2013

14:16 Uhr

Erfolgsgeheimnis

Schweizer verdanken Spitzenstellung ihrer Industrie

Der Stellenabbau bei UBS und Co. macht Schlagzeilen, trotzdem sinkt die Arbeitslosenquote weiter. Grund ist die starke Industrie des Landes. Von Toiletten bis Flugzeugsitzen wird in der Schweiz fast alles produziert.

Flagge über Basel: Nicht als Steueroase hat sich die Schweiz eine so gute wirtschaftliche Position erarbeitet. dpa

Flagge über Basel: Nicht als Steueroase hat sich die Schweiz eine so gute wirtschaftliche Position erarbeitet.

Über dem Stellenabbau bei den größten Schweizer Banken, der in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen gesorgt hat, wird das produzierende Gewerbe im Land oft übersehen. Doch gerade dort gibt es einen Boom, der der Volkswirtschaft des Landes den Vorsprung vor dem Rest Europas sichert.

Selbst nach 10.000 Stellenstreichungen bei Banken wie der UBS AG und der Credit Suisse Group AG in den vergangenen fünf Jahren ist die schweizerische Arbeitslosenquote auf 3,1 Prozent gesunken. Das ist der niedrigste Wert unter den zehn größten Volkswirtschaften Europas, zudem ist die Quote auch niedriger als vor zehn Jahren. In dem acht Millionen Einwohner zählenden Land entstehen Stellen in Unternehmen, die Flugzeugsitze, Toiletten oder auch Arzneimittel herstellen.

Banken wird in der öffentlichen Wahrnehmung der Schweiz ein zu hoher Stellenwert beigemessen, weil die Branche im Vergleich zur Größe des Landes sehr bedeutend ist, meint Hubertus von Grünberg, Verwaltungsratschef bei ABB Ltd. in Zürich. Die Bedeutung von Branchen wie der Uhrenherstellung oder der Medizingeräte werde hingegen eher unterschätzt. Dabei sei das industrielle Fundament “kräftig und wichtig”.

Im vergangenen Jahr beschäftigten Banken und Versicherer 152.000 Vollzeitkräfte, bei Industrieunternehmen verdienten 588.000 Beschäftigte ihren Lebensunterhalt. Der Anteil der Bankenbranche an der inländischen Wirtschaftsleistung fiel zwischen 2007 und 2011 von 8,7 Prozent auf 6,2 Prozent, wie aus den jüngsten Daten der Schweizerischen Bankiervereinigung hervorgeht.

“Die Schweiz ist wie ein Silicon Valley für die verarbeitende Industrie”, sagt Markus Koch, Partner bei Deloitte AG in Zürich. Angesichts der höheren Kostenbasis würde seiner Meinung nach kein Schweizer Hersteller überleben, wenn er nicht Weltmarktführer wäre oder Produkte in Spitzenqualität herstellen würde.

Neue Verhandlungen: Schweiz will Steuerabkommen wiederbeleben

Neue Verhandlungen

Schweiz will Steuerabkommen wiederbeleben

Neue Hoffnung für deutsche Steuerhinterzieher? Die Schweizer Regierung will erneut über das umstrittene Steuerabkommen verhandeln. Sie hält den aktuellen Zustand für „unerfreulich“. Die SPD zeigt sich gesprächsbereit.

Der Fokus auf Produkte von höchster Qualität erlaubt es den Schweizer Unternehmen, mit den billigeren Produkten aus den Schwellenländern zu konkurrieren - auch wenn die hohe Bewertung des Franken zum Euro die Schweizer Exportprodukte in anderen Ländern viel teurer macht.

“Wir müssen immer besser sein als die anderen”, meint Ilona Illing, Design-Direktorin bei Lantal Textiles, Hersteller von Business-Class-Sitzen für die Deutsche Lufthansa AG. Das sei die einzige Möglichkeit, wie sich die Firmen des Landes in diesen Tagen dem Wettbewerb stellen könnten.

Der Druck, der Konkurrenz immer voraus zu sein, hat Schweizer Unternehmen wie den Pharmakonzern Novartis AG oder den Uhrenhersteller Swatch AG 2012 an die Spitze im globalen Ranking zu Patent-Anträgen geführt.

Alles Wichtige zum deutsch-schweizerischen Steuerabkommen

Mit welcher Begründung bekämpfen SPD und Grüne das Abkommen?

Sie kritisieren, dass Betrug im Nachhinein legalisiert würde. Steuerbetrüger müssten zwar zahlen, könnten aber auch künftig anonym bleiben. Die Nachzahlungen auf unversteuerte Vermögen seien zu gering und ungerecht gegenüber ehrlichen Steuerzahlern. Außerdem könne man Schweizer Banken, die künftig Steuern für ihre Kunden an den Fiskus abführen sollen, sowieso nicht trauen: „Was die machen, ist eine bandenmäßige Steuerhinterziehung“, behauptet SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Was hält die Bundesregierung dagegen?

Die Vereinbarung sei besser als ähnliche Abkommen der Schweiz mit Österreich, Großbritannien oder den USA. Ohne das Abkommen verjährten täglich neue Fälle von Steuerbetrug. Deutschland würden Milliarden verloren gehen, wenn das Abkommen scheitert, warnt Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Mit Inkrafttreten des Abkommens würde das Schweizer Steuerschlupfloch endgültig verschlossen werden. Erstmals wäre gewährleistet, dass Deutsche auf Vermögen in der Schweiz genauso viel Ertragssteuern zahlen wie in Deutschland.

Um wie viel deutsches Schwarzgeld geht es?

Niemand weiß genau, wie viel seit Jahren über die Grenze geschafft wurde. Schätzungen reichen bis zu 300 Milliarden Euro. Die Hälfte entfällt wohl auf institutionelle Anleger, der Rest auf Private. Ein Großteil wurde aber zuvor in Deutschland versteuert. Schätzungen zufolge haben Deutsche bis zu 80 Milliarden Euro Schwarzgeld versteckt. Etwa ein Viertel davon dürfte in den vergangenen Jahren wegen des höheren Entdeckungsrisikos wiederum in vermeintlich sichere Steueroasen auf der Welt transferiert worden sein.

Mit welchen Einnahmen könnte der deutsche Fiskus rechnen?

Schweizer Banken sollen auf das Alt-Schwarzgeld eine einmalige Steuer zwischen 21 und 41 Prozent erheben - anonym und rückwirkend für zehn Jahre. Das Kapitalvermögen wäre damit „legalisiert“, die Besitzer blieben anonym. Von der Nachversteuerung erhofft sich das Finanzministerium bis zu zehn Milliarden Euro, was die Opposition als reines Wunschdenken kritisiert. Sicher wäre allenfalls eine Vorauszahlung Schweizer Banken von rund 1,66 Milliarden Euro.

Und was wäre ab 2013 an Kapitalertragssteuer fällig?

Der Prozentsatz wäre derselbe wie in Deutschland. Mit der Quellensteuer von etwa 26,4 Prozent (inklusive „Soli“-Zuschlag) auf Zinsen und Dividenden soll die Besteuerung von Erträgen in der Schweiz auf Dauer sichergestellt werden. Zudem sollen künftig auch Erbschaften erfasst werden. Der deutsche Fiskus erhofft sich - konservativ geschätzt - etwa 700 Millionen Euro jährlich.

Was passiert, wenn das Steuerabkommen scheitert?

Deutsche Schwarzgeld-Millionen würden weiter nur entdeckt werden, wenn die Besitzer sich selbst anzeigen oder wenn ihnen Fahnder auf die Schliche kommen, zum Beispiel mit Hilfe sogenannter Steuer-CDs. Nach Schweizer Recht ist der Ankauf solcher Daten Hehlerei. Er belastet die Beziehungen beider Länder. Ungewiss ist, ob solche CDs auch künftig verfügbar sind. Schweizer Banken haben Sicherungssysteme verstärkt. Hinzu kommt, dass Steuerdelikte in Deutschland nach zehn Jahren verjähren. Wer nicht rechtzeitig entdeckt wird, kommt davon.

Warum ist die Schweiz an dem Abkommen interessiert?

Man hat verstanden, dass das Land als Steuerfluchtburg keine Zukunft hat. Druck durch die USA und die EU - die wichtigsten Handelspartner - hat dazu beigetragen. Das Land verfolgt nun eine „Weißgeldstrategie“, ohne die seine Banken den Zugang zum internationalen Finanzmarkt verlieren würden. Zugleich will Bern aber das Bankgeheimnis von 1934 aufrechterhalten, das für viele Schweizer auch Ausdruck der Souveränität ihres Staates ist. Bilaterale Steuerabkommen sollen das ermöglichen. Mit Großbritannien und Österreich ist das geglückt.

Kann die Regierung in Bern nicht nachbessern?

Nein, das Abkommen wurde von beiden Kammern des Schweizer Parlaments gebilligt und somit ratifiziert. Auch die deutsche Regierung könnte einen von Bundestag und Bundesrat beschlossenen Vertrag nicht hinterher ändern.

Das letzte Wort wurde im Bundesrat aber noch nicht gesprochen?

Nein. Eine letzte Chance hat Schwarz-Gelb im Vermittlungsausschuss. Nach unbestätigten Berichten würde der Bund auf seinen Anteil an den erhofften Milliarden aus der Schweiz verzichten und alles den Ländern überlassen. SPD und Grüne haben aber schon klar gestellt: Kein Kuhhandel, man lasse sich nicht kaufen, das Abkommen bleibe schlecht.

Universitäten wie die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) und ein geschäftsfreundliches aufsichtsrechtliches Umfeld haben der Schweiz zudem geholfen, zu einem Zentrum für Forschung und Entwicklung vieler US-Unternehmen zu werden - darunter auch International Business Machines Corp. (IBM) und Google Inc.

Das Stellenwachstum in Entwicklung und Herstellung konnten den Job-Abbau bei den Banken wettmachen.

Die Schweiz kommt auf die welthöchste Industrieproduktion je Einwohner und ist insgesamt die wettbewerbsfähigste Nation, wie aus einer Studie des Weltwirtschaftsforums hervorgeht. Und in einer Deloitte-Studie steht, dass die Industrieproduktion der Schweiz seit 2005 “stark” zugenommen hat, während traditionelle Produktionsländer wie Japan und Deutschland nur einen geringen Anstieg verzeichnen konnten.

Die Schweizer Erfolgsgeschichte hat ihre Wurzeln nicht zuletzt auch in der Neutralität des Landes. Seit 1815 war das Land in keinen internationalen Krieg verwickelt. Diese Stabilität hat dazu beigetragen, Investoren und Unternehmer in die Schweiz zu locken.

Peter Chen, Professor an der ETH, glaubt, dass sich an dem Industrie-Fokus der Schweizer Wirtschaft auch langfristig nichts ändern wird. Wer durch das Land reise, sehe die Idylle der Schweizer Alpen. Aber man sei auch nie zu weit entfernt von einer Chemie-Fabrik. Seiner Meinung nach wäre es ein Fehler, zu einer reinen Dienstleistungs-Volkswirtschaft überzugehen.

Kommentare (5)

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sholb

02.05.2013, 14:20 Uhr

Was würden unsere Politiker dazu sagen? Ohne die Einführung des Euro in der Schweiz, könnte die Schweiz nicht solche Exporterfolge feiern. Denn mit dem Franken wäre die Industrie viel zu hohen Risiken ausgesetzt.

scharfschuetze

02.05.2013, 14:39 Uhr

Ja, erstaunlich. Die kleine Schweiz mit Ihrem Fränkli ist ganz allein und ganz stark. Und wir müssen den Euro finanzieren, und das auch ganz allein.
ICH WILL SCHWEIZER WERDEN!

Bundesbuerger

02.05.2013, 15:28 Uhr

das zeigt, wie hirnrissig die Argumentation zur Begründung der Währungsunion und ihrer angeblichen Wohltaten für uns in Deutschland ist. Die Schweizer haben mit ihrem Franken eben den Vorteil, für ihre Leistung auch entsprechend bezahlt zu werden. Das verschafft Ihnen Kaufkraft, mindert Import- und Energiepreise und gestattet Rücklagen für Investitionen in Infrastruktur und Forschung. Demgegenüber werden wir in Deutschland schlecht honoriert, weil wir unsere Produkte für Euro eigentlich zu billig verkaufen. Wir verdienen weniger, müssen aber mehr für Importe und Energie hinlegen. Der künstliche Boom der dadurch bei uns entsteht, führt zu Überschüssen, die wir nicht wirklich nutzen können, sondern in die Krisenländer lenken. Geldanlagen und Ersparnisse der Bürger werden zusätzlich durch den viel zu niedrigen EZB-Zins entwertet... und das führt nebenbei dazu, dass die Schweiz für uns heute praktisch doppelt so teuer ist, wie zu DM-Zeiten. Wenn unsere Politiker recht hätten, müßte die Schweiz mit ihrer Wirtschaft demnächst zwischen China, den USA und weiteren bösen Riesen zerrieben werden, so wie es uns immer prophezeit wird, wenn... Die Währungsunion ist mittlerweile von einer mehr oder weniger guten Idee zu einer Ideologie verkommen. Sie schadet unseren Bürgern, der Zukunft unseres Landes und sie schadet Europa.

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