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10.06.2014

20:32 Uhr

Erhebliche Finanzlücken

IWF sorgt sich um Griechenland

Auch die Sparpolitik kann aus Sicht des IWF nicht darüber hinweg täuschen: Griechenland bleibt ein Problemfall. Die Europäer müssten sich auf weitere Hilfen einstimmen – doch die Griechen sind da anderer Ansicht.

Der scheidende griechische Finanzminister Yannis Stouranas (links) mit seinem Nachfolger Gikas Hardouvelis: Der griechische Schuldenberg schrumpft aus der Sicht des IWF zu langsam. dpa

Der scheidende griechische Finanzminister Yannis Stouranas (links) mit seinem Nachfolger Gikas Hardouvelis: Der griechische Schuldenberg schrumpft aus der Sicht des IWF zu langsam.

Washington/AthenTrotz großer Reform- und Sparfortschritte wird Griechenland nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) auch in den kommenden Jahren ein Sorgenkind bleiben und seinen Schuldenberg nicht schnell genug abbauen können. Wie der IWF am Dienstag in seinem jüngsten Griechenland-Bericht erklärte, seien in den nächsten zwei Jahren noch erhebliche Finanzlücken absehbar. Das Athener Finanzministerium war anderer Ansicht: Es werde keine neuen Finanzlücken geben, hieß es am Abend in einer Stellungnahme.

Weil das Land bis 2022 hinter den Zielen zum Abbau der Verschuldung zurückbleiben werde, sei es unabdingbar, dass seine europäischen Partner wie zugesagt bereitstünden, weitere finanzielle Erleichterungen zu gewähren, meinte der IWF. Die griechische Regierung gehe allerdings davon aus, dass ihre Berechnungen sich bewahrheiten und 2015 und 2016 keine weiteren Maßnahmen notwendig sein werden, hielt das Finanzministerium in Athen dagegen. Vorrangig sei jetzt, dass die Partner ihre Versprechungen erfüllten und Griechenland selbst seinen Verpflichtungen nachkomme.

Die Eurogruppe hatte schon im November 2012 in Aussicht gestellt, den Griechen unter die Arme zu greifen – vorausgesetzt, Athen erreicht einen primären Haushaltsüberschuss (ohne Zinslasten), was die Regierung im vergangenen Jahr schaffte.

Das Ende der Eurokrise?

Was bedeutet der Schritt Lissabons für die Eurozone?

Es ist ein Indiz, dass sich die Finanzlage im gemeinsamen Währungsgebiet erheblich beruhigt hat. Länder im Süden des Kontinents können sich zur Zeit zu sehr günstigen Konditionen an den Finanzmärkten Geld leihen.

Lissabon will keine Übergangshilfen mehr. Ist das realistisch?

Ja. Die EU-Kommission, die in der Troika vertreten ist, unterstützt den Beschluss für einen „sauberen Ausstieg“ ausdrücklich. „Das sorgt für eine bessere Stimmung und Vertrauen von (Finanz-)Investoren“, lautet die Devise des verantwortlichen EU-Vize-Kommissionspräsidenten Siim Kallas.

Das Vertrauen kehrt also in die Eurozone zurück?

Ja. Aber dies hat vor allem zwei Gründe. Da ist zunächst die Europäische Zentralbank (EZB). Die Notenbank versprach, den Euro um jeden Preis zu retten. EZB-Patron Mario Draghi ist auch bereit, gegen die niedrige Inflation sowie gegen die Deflation zu kämpfen. Deflation ist ein umfassender Preisverfall, der die Konjunktur ausbremsen kann.

Was ist der andere Grund?

Angesichts von Turbulenzen bei aufstrebenden Wirtschaftsriesen in Asien oder Südamerika gilt Europa wieder als ein „sicherer Hafen“ für Anleger. Aus Russland gibt es wegen der Annexion der Krim einen bedeutenden Kapitalabfluss. Nach Moskauer Schätzungen waren es allein im ersten Vierteljahr rund 50 Milliarden Euro. Von internationalen Kapitalströmen profitiert auch der krisengeschüttelte europäische Süden.

Wie ist die Lage in Griechenland?

Griechenland hat die schwere Rezession überwunden und wird wieder wachsen. Das soll auch dem angespannten Arbeitsmarkt zugutekommen. Jeder Vierte ist dort ohne Job. Athen erzielte 2013 erstmals seit langem einen Haushaltsüberschuss - ausgeblendet sind dabei jedoch der Schuldendienst und Kapitalspritzen an Banken.

Braucht Athen ein neues Rettungspaket?

Die griechische Koalitionsregierung ist dagegen. Finanzminister Ioannis Stournaras strebt aber an, Zahlungsfristen für die Hilfskredite weiter zu strecken, um dem Land Luft zu verschaffen. Entscheidungen der Eurogruppe wird es voraussichtlich erst im Herbst geben. Ende des Jahres läuft das Griechenland-Programm von europäischer Seite aus.

Wie sieht es in Zypern aus?
Viele wollen das Kapitel „Eurokrise“ abschließen. Ist das gerechtfertigt?

Nein. Es sind nach dem Willen der Brüsseler Währungshüter weitere Reformen in vielen Ländern der Eurozone nötig, um die Erholung dauerhaft abzusichern. Nach der Krise steigen die Schuldenberge der 18 Euro-Mitgliedstaaten im laufenden Jahr sogar weiter an - um einem Punkt auf 96 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Griechenland wächst beispielsweise der staatliche Schuldenberg um zwei Punkte auf 177 Prozent. Erlaubt sind höchstens 60 Prozent. Für Entwarnung ist es also viel zu früh, sagen die Experten.

Im April hatte die EU-Kommission jedoch auch bekanntgegeben, dass das krisengeplagte Land beim Schuldenabbau die mit den internationalen Geldgebern vereinbarten Ziele verfehlen wird. Bis zum Jahr 2020 wird der Schuldenstand laut dem EU-Bericht auf 125 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts sinken, bis 2022 auf 112 Prozent. Ursprünglich angepeilt waren für 2022 aber „deutlich weniger als 110 Prozent“, als kritische Marke gelten 100 Prozent.

Der IWF-Analyse zufolge dürfte der Schuldenstand von 174 Prozent in diesem Jahr nur auf 117 Prozent im Jahr 2022 sinken. Für Griechenland wurde das größte Hilfspaket in der Eurozone geschnürt. Um die Staatspleite zu verhindern, hatte das Land zwei Hilfspakete mit einem Umfang von insgesamt rund 240 Milliarden Euro bekommen. Von europäischer Seite läuft das Programm Ende dieses Jahres aus.

Die Experten in Washington sehen aber auch deutliche Fortschritte, die Anlass zu vorsichtigem Optimismus gäben. Zugleich warnt der Währungsfonds vor politischer Instabilität nach den Europa-Wahlen und Reformmüdigkeit. Für 2014 geht der IWF davon aus, dass Griechenland erstmals ein geringes Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent ausweisen wird, das griechische Finanzministerium erwartete zuletzt 0,6 Prozent. Die Banken säßen noch auf einem Berg von faulen Krediten.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

10.06.2014, 20:53 Uhr

Überraschung!

Account gelöscht!

10.06.2014, 20:54 Uhr

"IWF sorgt sich um Griechenland"

Nee, dat geht doch net.

Haben wir nicht jüngst gelesen, dass mit Griechenland alles in Ordnung ist? Langsam muss man davon ausgehen, dass die Bundesregierung die Presse nicht wahrheitsgemäß informiert.

Also doch alles Propaganda?

In der ehemaligen DDR hingen auch schon die Plakate über die erfolg- und segenreiche Ernte, da war das Korn noch nicht einmal ausgesät.

Wir müssen also kritischen mit den Informationen umgehen, die uns "vorgekaut" werden. In den Augen der Politiker ist ohnehin alles "alternativlos". Betrachtet man allabendlich die besetzten Ränge im Bundestag, hat man den Eindruck, dass die überwältigende Mehrheit der Bundestagsabgeordneten sich bereits einen Zweitjob für die Zeit danach gesucht und gefunden haben.

Gewiss sind die Vortragsjobs für 1 Stunde quasseln und 10.000 Euro und mehr zu kassieren, nicht die schlechtesten. Wären unsere Abgeordneten Hartz IV-Empfänger müssten sie beim Arbeitsamt erscheinen und hätten keine Zeit für Vorträge.

Account gelöscht!

11.06.2014, 08:20 Uhr

Was haben denn die IWF-Spezialisten in Athen gesehen? Wer bei klarem Verstand ist weiß, dass Griechenland niemals die notwendigen Gelder für den Schuldendienst erwirtschaften wird! Wenn Griechenland nicht zum Sprengsatz für den Euro werden soll, muss es den Euro-Raum schnellstens verlassen. Es kann nicht sein, dass die Griechen nochmals 20 oder mehr Jahre durchgefüttert werden,um am Ende einsehen zu müssen, dass nichts erreicht wurde...

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