Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.08.2012

09:38 Uhr

Erholung in Trippelschritten

Hoffnungsschimmer für Euro-Wackelkandidaten

VonHans Christian Müller-Dröge

Neben den täglichen Schreckensnachrichten werden die positiven Signale in der Euro-Krise gern übersehen. Eine Zwischenbilanz zeigt: In mehrerlei Hinsicht kommt die Euro-Zone voran - wenn auch im Schneckentempo.

Arbeiter auf einer Baustelle in Athen. dpa

Arbeiter auf einer Baustelle in Athen.

DüsseldorfDie Konjunkturdaten für die Krisenstaaten der Euro-Zone sind trübe: In Spanien und Italien wird die Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen, in Portugal und Griechenland sogar regelrecht einbrechen. Und auch die Arbeitslosenraten stecken auf Rekordniveau fest. Doch die düsteren Zahlen verdecken, dass es auch positive Entwicklungen gibt. Zudem waren die Konjunktureinbrüche absehbar. Von "Anpassungsrezessionen" spricht Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Sie seien die logische Folge der schmerzhaften Reformen.

Doch es gibt auch positive Nachrichten, wie etwa Anzeichen für eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Bis zum Ausbruch der Krise im Jahr 2008 waren die Produktionskosten in den Krisenstaaten viel stärker gestiegen als in Deutschland. Um wieder konkurrenzfähig zu werden, müssen die Lohnstückkosten runter - also der Lohn, der für die Produktion eines Gutes gezahlt werden muss. Das geht über Innovationen - oder durch sinkende Löhne.

Aktuelle Daten des Conference Boards, eines internationalen Think-Tanks, geben Grund zur Hoffnung: Vor allem Irland und Spanien ist es gelungen, die Lohnstückkosten in der Industrie im Vergleich zum Jahr 2008 zu senken - in Irland um 7,3 Prozent und in Spanien um 3,9 Prozent. Inflationsbereinigt sind die Verbesserungen sogar noch deutlich höher. Italien und Griechenland machen zwar nur kleinere Fortschritte. Im Vergleich zu Deutschland holen allerdings auch diese beiden Länder auf. "Dies ist ein gutes erstes Zeichen", sagt Bert Colijn, Ökonom beim Conference-Board.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Doch mit Kostensenkungen allein wird sich die Lage nicht verbessern. Für Erik Nielsen, Chefökonom der Großbank Unicredit, ist es viel eher entscheidend, "ob die Länder ihre hohen Leistungsbilanzdefizite abbauen können". Die gelten als entscheidender Grund für die Euro-Krise: Jahrelang flossen mehr Kapital und Güter in die Krisenstaaten, als diese exportierten. Die Folge: Die Auslandsverschuldung explodierte.

Kommentare (37)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

weiter_so

06.08.2012, 10:01 Uhr

Erfreulich - aus Sicht der "Märkte" und vielleicht der Politiker, die sich dann bald auf die Schulter klopfen können und bald so weitermachen können wie bis 2008...

Zitat: "Doch bis die Staaten gänzlich ohne neue Schulden auskommen, ist es noch ein langer Weg." - kein Problem, man findet später schon wichtige Ausgaben oder Zuwendungen an "Reiche" um die dann wieder niedrigen Zinsen zum Schulden machen zu nutzen...

...aber was ist mit den Millionen Menschen in diesen Ländern, die extreme Gehaltseinbußen hinnehmen mussten? Kein Problem, die kommen schon klar...

...was ist mit den Banken und den "Reichen" dieser Länder? - schön ist´s, dass ihre arbeitenden Mitbürger in ALLEN Krisenstaaten den Kopf hingehalten haben. Konsequenz: alles richtig gemacht und weiter so wie bisher...

Sollte tatsächlich diese Krise mit den aktuellen Anzeichen in absehbarer Zeit beendet sein, dann haben wir ohne weitergehende Änderungen (Banken zerschlagen, stärkere Beteiligung der "Reichen") in 5 Jahren die nächste Krise...

...nur dann herrscht schon überall Armut und Leben am Existenzminimum, dann kann die Bevölkerung nicht mehr den Kopf hinhalten.

Account gelöscht!

06.08.2012, 10:07 Uhr

Bitte, bitte, Handelsblatt: wir brauchen wieder echten Wirtschaftsjpurnalismus - sonst kauf ich mir ´nen Stern! Was ist das jetzt wieder für ein Artikelchen? Spaniens Sozialhaushalte explodieren und sind kaum noch tragfähig, der Konsum bricht massiv ein, die Kaufbereitschaft ebenfalls. Über 50 Prozent Arbeitslosigkeit unter den Jüngeren. Ein riesiges Immobilienproblem, dass sowohl die verschuldeten Privathaushalte als auch die Banken erdrückt. Da sind 3 Prozent Lohnzurückhaltung ein Witz. In den letzten Jahren ging es inflationsbereinigt um 30 Prozent hoch.

Account gelöscht!

06.08.2012, 10:08 Uhr

"Genau das war in den Ländern wie Griechenland & Co. der Fall, weil deutsche Exporte in die Märkte fluteten!"
Nur zum Teil richtig, aber mit Sicherheit ein wichtiger Punkt. Einige Länder machen Niederlassungen auch von der Schaffung neuer Arbeitsplätze abhängig.
"Der Argumentation des Autors nach wären Sklavenarbeit das beste Mittel in den Südländern, denn die würde die Löhne konkurrenzlos senken!"
Nunja, wenn Produktion zu teuer ist, wird abgewandert, ist nun mal so, Planwirtschaft wurde ja gottseidank mit "Freiheit" ersetzt.
Während Deutschland mal wieder zu extrem bei den Arbeitnehmern zugeschlagen hat (Lohndumping mit 400€ Jobs, Kettenverträge, Leiharbeit) machen es die anderen Länder hoffentlich besser.
Aber das sie es können, zeigen sie hiermit, statt sich in Untergangsszenarien zu suhlen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×