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03.06.2014

20:19 Uhr

Erinnerung an den D-Day

Das Geschäft mit der Geschichte

VonThomas Hanke

Vor fast genau 70 Jahren landeten die Alliierten in der Normandie und beendeten den zweiten Weltkrieg. Lange Zeit war der Gedenktag für die Veteranen konzipiert – doch das Gedenken wandelt sich zum Kommerz.

Nachspielen der Geschichte: Zum Jahrestag ist die Landung der Normandie ein Zuschauermagnet. dpa

Nachspielen der Geschichte: Zum Jahrestag ist die Landung der Normandie ein Zuschauermagnet.

ParisLangsam, einen Fuß nachziehend, schleppt sich der alte Mann über das weite Gräberfeld des amerikanischen Soldatenfriedhofs Colville in der Normandie. Vor einem der weißen Marmorkreuze fällt er auf die Knie und bricht in Tränen aus. Die Erinnerung wird übermächtig, die Bilder von der Landung der amerikanischen Truppen am 6. Juni 1944 und des mörderischen Gemetzels an „Omaha Beach“ überwältigen ihn.

Die Anfangsszene von „Saving Private Ryan“ hat sich jedem eingeprägt, der den Film je gesehen hat. Sie stellt dar, was zehntausende amerikanischer, britischer und kanadischer Soldaten und ihre Familie über Jahrzehnte praktiziert haben: Einmal im Jahr kehrten sie zurück an die emblematischen Orte der Landung, mit der die zweite Front gegen die Wehrmacht eröffnet wurde. Die Veteranen trafen sich in der Normandie, begaben sich auf die Friedhöfe, deren Ausdehnung auch heute noch jeden Besucher erschüttert.

Was lange die Regel war, wird mehr und mehr zur seltenen Ausnahme: Nur noch wenige überlebende Teilnehmer des „débarquement“ können die Reise auf sich nehmen. Der D-Day rückt in die Vergangenheit. Damit verändert sich auch grundlegend die Art, in der an ihn erinnert wird. „Lange war der ‚tourisme de pélégrinage‘ bestimmend, die Veteranen pilgerten mit ihren Familien an die Schlachtorte“, erläutert Jean-Louis Laville, Direktor des Regionalen Tourismusbüros der Normandie. „Heute dagegen überwiegt der Geschichtstourismus, weil weniger direkt Beteiligte noch leben, gleichzeitig aber das Interesse am D-Day zunimmt.“

Zum 70. Jahrestag der Landung gibt es ein umfassendes Programm von Gedenkveranstaltungen, Kultur, aber auch Erläuterungen für Jugendliche, die manchmal kaum wissen, welche Feinde sich im Zweiten Weltkrieg gegenüberstanden. Die Normandie will die „seit dem 60. Jahrestag verstärkte Erinnerungskultur“, so Laville, pflegen – und gleichzeitig versuchen, Kriegsgedenken und normalen Tourismus miteinander zu verbinden. Eine heikle Aufgabe.

Denn wer in die Normandie fährt, um Küste, Meer und Calvados zu genießen, will nicht unbedingt mit alten Bunkern und der Erinnerung an tausende von Toten konfrontiert werden. Und umgekehrt wollen die Geschichtsbewussten nicht so empfangen werden, als wollten sie auf morbide Weise die Schlachtfelder genießen und dann ein paar schöne Tage am Meer verbringen. Doch Laville und seine Mitarbeiter sind entschlossen, das Wagnis einzugehen. Schließlich geht es ein wenig auch um die Zukunft der Region: Die ist von Wirtschaft und Wetter nicht unbedingt verwöhnt.

Die neue Art des Fremdenverkehrs hat ihre guten und ihre fragwürdigen Seiten. Zu den positiven zählen die vor dem 70. Jahrestag neu geschaffenen oder überarbeiteten Einrichtungen wie das „Visitor Center“ an der Pointe du Hoc, einer Felsnase, die amerikanische Ranger unter schwersten Verlusten einnahmen, oder das des Friedhogs von Colville.

Besonders beeindruckt das aktualisierte „Mémorial de Caen“. Es stellt nicht das militärische Geschehen in den Vordergrund, sondern bietet in einer völlig neu gestalteten Ausstellung einen Überblick über die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die zum Zweiten Weltkrieg führte. Dabei wird der fatale Fehler des Versailler Vertrages ebenso wenig ausgespart wie die französische Kollaboration während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis. Plumpe anti-deutsche Propaganda gibt es nicht mehr, sensibel werden die Versuchung des Totalitarismus geschildert und die besonders mörderische Ausprägung, die er in Nazi-Deutschland annahm.

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