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16.10.2015

12:27 Uhr

Ermittlungen zum Anschlag in Ankara

„Bitte sperrt ihn ins Gefängnis“

Die türkische Polizei ignorierte offenbar konkrete Hinweise auf die beiden Attentäter, die am Samstag Hunderte Menschen in die Luft sprengten. Sogar die Eltern einer der beiden Terroristen hatten die Behörden gewarnt.

Serdar Ben, ein Opfer der Anschläge von Ankara, wird beerdigt. Am 10. Oktober wurden er und hunderte weitere Türken von zwei Selbstmord-Attentätern in den Tod gerissen. AFP

Begräbnis-Zeremonie

Serdar Ben, ein Opfer der Anschläge von Ankara, wird beerdigt. Am 10. Oktober wurden er und hunderte weitere Türken von zwei Selbstmord-Attentätern in den Tod gerissen.

AnkaraUnzählige Male sei er bei der Polizei gewesen. „Bitte holt ihn aus Syrien zurück und sperrt ihn ins Gefängnis“, habe er jedes Mal gesagt. Es sei doch offensichtlich, dass er ein Terrorist sei, habe er jedes Mal bekräftigt. Die Reaktion sei jedoch immer dieselbe gewesen: „Sie notierten meine Bedenken und ließen mich wieder gehen, jedes Mal.“

Die Rede ist von einem Mann aus dem südtürkischen Adiyaman. Und er sprach jedes Mal von seinem eigenen Sohn, der am 10. Oktober mit einem weiteren Attentäter sich selbst und mindestens 104 weitere Menschen in den Tod riss. Sie und hunderte andere Menschen hatten sich vor dem Hauptbahnhof in Ankara versammelt, um für Frieden zu demonstrieren, als die beiden Bomben hochgingen.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

Oktober 2016

Am 6. Oktober begeht die TAK einen Bombenanschlag in Istanbul. Auch die PKK attackiert türkische Polizisten in Hakkari. Am 14. Oktober kommt es zu einem Raketenangriff auf die Touristenprovinz Antalya. Der letzte Anschlag ist bisher ungeklärt.

September 2016

Auch im folgenden Monat schlägt die PKK mehrmals zu: mit einer Autobombe in der türkischen Stadt Van sowie mehreren weiteren Bombenanschlägen in der Südosttürkei sowie in Mardin.

August 2016

Am 17. August begeht die kurdische Terrororganisation PKK einen Anschlag auf ein Polizeihauptquartier in Elazig. Wenige Tage später kommt es zu einer Attacke ebenfalls auf eine Polizeistation in Cizre, für die auch die PKK verantwortlich gemacht wird.

Februar 2016

Die kurdisch-sozialistische Terrororganisation TAK (deutsch: Freiheitsfalken Kurdistans) begeht einen Bombenanschlag auf ein Militärfahrzeug in Ankara. In den folgenden Monaten tritt die Gruppe mehrfach in Erscheinung: Sowohl im März als auch im Juni und Oktober 2016 legen die Terroristen erneut Bomben in Istanbul, Ankara und Midyat.

Oktober 2015

Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

Quelle: dpa

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Einer der beiden Terroristen, Yunus Emre Alagöz, war der Bruder von Seyh Abdurrahman Alagöz, der am 20. Juli mit einem Selbstmordattentat im südtürkischen Suruc 33 Menschen umbrachte –die meisten davon Kurden, wie jetzt bekannt wurde. Die beiden Brüder betrieben jahrelang ein Café in ihrer Heimatstadt Adiyaman, einem Herd für IS-Aktivitäten in der Türkei, wie jetzt herauskam. Im „Islamischen Teehaus“ sollen sie trotz Hinweise aus Familie und Bevölkerung Terrorpläne geschmiedet und konkrete Anschläge ausgearbeitet haben.

Die von mehreren Rechercheuren bekannt gemachte Historie der beiden Attentäter von Ankara wirft ein Schlaglicht auf die Arbeit der türkischen Behörden, die angesichts der Bedrohungen im eigenen Land durch das Wiedererstarken der kurdischen Terrorgruppe PK und die Aktivitäten der IS-Kämpfer überfordert scheint. Es wirkt bizarr, wie die Terroristen vorgehen konnten, wo doch so viel über sie bekannt ist.

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Seit zwei Jahren hatte zum Beispiel Ezgi Basaran für die Internetzeitung Radikal über die Terrorzelle im Teehaus geschrieben. Die Recherchen der Journalistin gingen so weit, dass sie am 23. Juli eine Kolumne mit einer fast hellseherischen Überschrift veröffentlichte: „Der nächste Bombenanschlag ist näher als wir denken“. Gerade einmal drei Tage, nachdem Seyh Aburahhman in Suruc seine Bombe zündete, warnte Basaran in ihrem Artikel vor seinem Bruder Yunus Emre, den sie damals nur mit seinen Initialen beschrieb. „Wir schreiben es wieder und wieder“, heißt es in dem Artikel, „wir haben Listen ihrer Namen. Weiß der Staat eigentlich, was wir längst wissen?“, fragte sie.

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