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13.06.2013

04:07 Uhr

Erneut Demonstrationen

Erdogan will Bürger entscheiden lassen

Auch nach Erdogans Vorschlag zu einer Abstimmung über das Bauprojekt im Gezi-Park gehen die Menschen in Istanbul weiter auf die Straße. Die Polizei hält sich zurück und lässt die Demonstranten ziehen.

Türkei

Proteste in Istanbul gehen weiter

Türkei: Proteste in Istanbul gehen weiter

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IstanbulUngeachtet des zuletzt massiven Polizeieinsatzes ist es auf dem Istanbuler Taksim-Platz auch in der Nacht auf Donnerstag zu einer Protestkundgebung gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan gekommen. Die Demonstranten ignorierten damit einen Aufruf der Regierungspartei AKP, den Platz zu räumen – sowie auch Erdogans Vorschlag, die Bürger im Streit um das umstrittene Bauprojekt entscheiden zu lassen.

Hunderte Demonstranten tanzten und sangen friedlich, während andere einem Pianisten auf dem Platz zuhörten. Die Polizei griff aber zunächst nicht ein. Die Kundgebung war deutlich kleiner als in den vergangene Tagen, als Tausende Demonstranten teilnahmen.

Am Mittwoch hatte Erdogan im Streit um das Projekt vorgeschlagen, die Istanbuler entscheiden zu lassen. Der Ministerpräsidenten hatte am Nachmittag Künstler, Wissenschaftler und Personen des öffentlichen Lebens zu einem als informell bezeichneten Gespräch über die Protestbewegung getroffen. Allerdings fehlten wichtige Organisatoren der Proteste, wie die Taksim-Plattform, die vor einigen Tagen mit Erdogans Stellvertreter Bülent Arinc gesprochen hatten.

Die Bevölkerung von Istanbul oder aber des Stadtteils Beyoglu könne dann entscheiden, ob der Park bestehen bleiben solle oder der geplante Nachbau einer osmanischen Kaserne errichtet werde, sagte der Parteisprecher Erdogans. In dem Park harren einige hundert Menschen in Zelten aus.

Die Räumung eines Protestcamps im Gezi-Park hatte die Protestwelle ausgelöst. Innerhalb kurzer Zeit wuchsen sie sich zu einer machtvollen Demonstration der Unzufriedenheit mit Erdogans Politik aus. Viele Türken werfen ihm autoritäres Verhalten vor. Manch einer befürchtet eine Islamisierung des Landes.

Die Protestwelle in der Türkei - So fing es an

27. Mai:

Bei einer Kundgebung gibt es Zusammenstöße mit der Polizei. Ein Protestcamp wird gewaltsam geräumt.

31. Mai:

Die Protestwelle erfasst mehrere Städte. In Istanbul marschieren Zehntausende zum Taksim-Platz und rufen: „Die Regierung soll zurücktreten!“. Bei einem Polizeieinsatz werden Dutzende verletzt.

1. Juni:

Nach schweren Zusammenstößen in Istanbul zieht sich die Polizei zurück. Zehntausende Demonstranten ziehen jubelnd durch die Straßen und fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Dieser räumt zwar Fehler ein, sagt aber, seine Regierung werde sich durch Straßenproteste nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. In mehreren deutschen Städten kommen Tausende Demonstranten zu Solidaritätskundgebungen zusammen

2. Juni:

Bei Protesten gegen die islamisch-konservative Regierung werden in Ankara und weiteren türkischen Städten fast 1000 Menschen festgenommen. Im Internet kursieren Videos, auf denen friedliche Demonstranten von der Polizei misshandelt werden. Die Härte der Einsätze wird auch international kritisiert.

3. Juni:

In mehreren Städten liefern sich Demonstranten Straßenkämpfe mit der Polizei. In Izmir attackieren Protestierer ein Büro der Regierungspartei AKP mit Brandsätzen. Ungeachtet der Spannungen bricht Erdogan zu einer viertägigen Auslandsreise auf.

4. Juni:

In Istanbul kommt es in der vierten Nacht in Folge zu gewaltsamen Zusammenstößen. Bei den Protesten, die bereits 77 der 81 Provinzen erfasst haben, gibt es einen zweiten Toten. Mitglieder des Gewerkschaftsbundes KESK legen vorübergehend die Arbeit nieder.

5. Juni:

Die Zahl der Verletzten bei den anhaltenden Protesten ist nach Angaben des türkischen Ärzteverbandes TTB auf 4100 gestiegen.

6. Juni:

Bei den Protesten hat die Polizei laut Innenminister Muammer Güler in Istanbul und Ankara sieben Ausländer festgenommen. Den bisherigen Sachschaden beziffert er auf umgerechnet 28 Millionen Euro. Die Zahl der Toten erhöht sich auf vier.

7. Juni:

Erdogan fordert nach seiner Auslandsreise vor Tausenden Anhängern ein sofortiges Ende der Proteste. Die Demonstrationen hätten ihre demokratische Berechtigung verloren und seien zu Vandalismus geworden. Gegner Erdogans setzten ihre Proteste in mehreren Provinzen fort.

Bereits in der Nacht auf Mittwoch hatten sich Polizei und Demonstranten die schwersten Auseinandersetzungen seit Beginn der Proteste gegen die konservative Regierung geliefert. Mehr als 18 Stunden lang ging die Polizei in Istanbul mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Tausende Demonstranten vor, aus deren Reihen Steine, Feuerwerkskörper und Brandsätze geworfen wurden. Es gab Dutzende Verletzte.

Seit Beginn der Proteste kamen nach offiziellen Angaben drei Menschen ums Leben. Präsident Abdullah Gül rief zum Dialog auf. Er betonte aber, Gewalt werde nicht geduldet.

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