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21.05.2015

23:01 Uhr

Eroberung von Palmyra

IS in Syrien weiter auf dem Vormarsch

Der Islamische Staat nimmt die syrische Oasenstadt Palmyra ein und tötet dabei 17 Menschen. Die Bewohner bleiben aus Angst in ihren Häusern. Experten zufolge öffne die Eroberung den Weg nach Damaskus und Homs.

Amateuraufnahmen zeigen heftige Kämpfe

IS übernimmt antike Stadt

Amateuraufnahmen zeigen heftige Kämpfe: IS übernimmt antike Stadt

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DamaskusNach neuntägigen Kämpfen hat die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) am Donnerstag die gesamte syrische Oasenstadt Palmyra einschließlich ihrer einzigartigen antiken Stätten eingenommen. Syriens Armee rückte nach Angaben der Regierung in Damaskus von allen Stellungen in Palmyra und Umgebung ab, womit die Islamisten nun fast halb Syrien kontrollieren. Aktivisten zufolge richtete der IS nach der Einnahme 17 Menschen hin, darunter auch Zivilisten.

„Die IS-Kämpfer sind in allen Teilen von Tadmur, auch nahe der archäologischen Stätte“, sagte der Chef der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, der Nachrichtenagentur AFP unter Verwendung des arabischen Namens der Stadt. Die in Großbritannien ansässige Beobachtungsstelle stützt sich auf ein Netzwerk von Aktivisten in Syrien, ihre Angaben sind aber von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Die amtliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, die regierungstreuen Truppen seien nach dem Vorstoß einer „großen Zahl von IS-Terroristen“ aus der Stadt abgerückt. Der Beobachtungsstelle zufolge gaben die Soldaten auch Stützpunkte des Militärgeheimdienstes in der Wüste sowie den Militärflughafen und das Gefängnis der Stadt auf. Abdel Rahman zufolge zogen sich die meisten Soldaten nach Homs zurück, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, zu der auch Palmyra gehört.

Der französische Syrien-Experte Fabrice Balanche hob die strategische Bedeutung der Wüstenstadt hervor: „Die Einnahme Palmyras öffnet den Weg nach Damaskus und Homs“, sagte Balanche. Der Einmarsch in die Stadt an der Schnittstelle wichtiger Verbindungen in der Region ermöglicht es dem IS laut der Beobachtungsstelle, über die Hälfte des syrischen Staatsgebietes zu kontrollieren.

US-Präsident Barack Obama sagte indes, er mache sich trotz der jüngsten Gebietsgewinne der Islamisten in Syrien und dem Irak keine Sorgen, dass der Kampf gegen den IS „verloren“ werde. Allerdings sei eine bessere und schnellere Ausbildung sunnitisch-irakischer Truppen notwendig, sagte Obama.

Anhänger der Dschihadisten sollen laut Rahman nach der Einnahme der Stadt mindestens 17 Menschen hingerichtet haben, darunter regimetreue Kämpfer, aber auch Zivilisten. Mindestens vier Menschen sollen dabei enthauptet worden sein. Rahman sagte, die Zivilisten hätten für einen örtlichen Verwaltungsrat gearbeitet und seien vom IS der Zusammenarbeit mit der Regierung beschuldigt worden.

Ein syrischer Aktivist teilte AFP mit, der IS habe die Bewohner Palmyras angewiesen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Die Dschihadisten durchkämmten nun die Wohngebiete auf der Suche nach Anhängern Assads. Nach den Hinrichtungen trauten sich viele Menschen demnach nicht mehr auf die Straße, um möglicherweise aus der Stadt fliehen zu können.

Die Unesco-Generaldirektorin Irina Bukova forderte die internationale Gemeinschaft, den UN-Sicherheitsrat und religiöse Würdenträger in einer Videobotschaft auf, sich für ein Ende der Gewalt, einen sofortigen Waffenstillstand und einen Abzug aller militärischen Kräfte einzusetzen. Die Zerstörung der über 2000 Jahre alten Stadt müsse unbedingt verhindert werden. Die Stadt mit ihrer griechisch-römischen und persischen Baukunst sei ein Sinnbild für die gegenseitige Bereicherung der Kulturen und gehöre der gesamten Menschheit.

IS-Kämpfer hatten zuvor unter anderem in den antiken irakischen Ruinenstädten Nimrud und Hatra schwere Verwüstungen angerichtet. Gemäß der extremen Auslegung des Islam durch die sunnitischen Dschihadisten sind Gottesbilder und Heiligengräber verboten, da nichts außer Allah selbst angebetet werden dürfe.

Von

afp

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