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07.04.2011

21:24 Uhr

„Es reicht jetzt!“

Ökonomen warnen vor Euro-Schuldenvirus

Portugal ist hochverschuldet und braucht EU-Milliarden. Ökonomen warnen aber vor einem Dominoeffekt. Ifo-Chef Sinn sieht Spanien und Italien als mögliche nächste Schuldenopfer und mahnt: "Das schaffen selbst wir nicht."

Eine portugiesische Ein-Euro-Münze: Das Land hat EU-Hilfe beantragt. Quelle: dpa

Eine portugiesische Ein-Euro-Münze: Das Land hat EU-Hilfe beantragt.

Lissabon/Brüssel/BerlinPortugals Flucht unter den Euro-Rettungsschirm ist in der Politik zumeist mit Erleichterung aufgenommen worden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble begrüßte die Entscheidung der geschäftsführenden Regierung in Lissabon als vernünftigen und notwendigen Schritt angesichts der finanziellen Lage des Landes. Ökonomen warnten jedoch angesichts des portugiesischen Antrags auf EU-Milliardenhilfen vor einem Dominoeffekt.

Die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro sagte, die Politik müsse nun ein glaubwürdiges Programm auflegen, um das Land vom Rest des Euro-Raums abzuschotten, weitere Ansteckungen müssten verhindert werden. Das gelte auch für den Fall, dass der Patient Griechenland nicht um eine Umschuldung herumkomme: „Es kann auch Ansteckungen relativ solider Länder geben“, sagte die Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Damit nicht spekuliert werde, wen es als nächstes trifft, dürfe Griechenland nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr verlangten die Märkte gleichzeitig klare Ankündigungen zum weiteren Vorgehen bei Ländern wie Irland, Portugal und vielleicht auch Spanien: „Es werden unterschiedliche Lösungen sein müssen, weil die Ursache der Probleme auch unterschiedlich ist.“

Beatrice Weder di Mauro: „Es kann auch Ansteckungen relativ solider Länder geben.“ Quelle: dpa

Beatrice Weder di Mauro: „Es kann auch Ansteckungen relativ solider Länder geben.“

Auch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn warnte angesichts der Bitte Portugals um EU-Finanzhilfen erneut vor ausufernden staatlichen Rettungsmaßnahmen gewarnt und starken Belastungen für Deutschland. Zuerst seien es Griechenland und Irland gewesen, nun Portugal. Danach könne es auch um Spanien und Italien gehen, sagte Sinn „bild.de“ am Donnerstag. „Es reicht jetzt. Damit übernehmen wir uns. Das schaffen selbst wir nicht. Italien hat so viele Schulden wie Deutschland“, sagte der Wirtschaftsforscher und kritisierte, dass die zuletzt vereinbarte Erhöhung der Haftungssummen den Schuldenländern noch länger erlauben würde, über ihre Verhältnisse zu leben. Zudem bestehe die Gefahr, dass geleistete Hilfe verloren gehen könne.

„Je mehr Geld fließt, desto länger leben die überschuldeten Länder über ihre Verhältnisse, desto mehr ist verloren. Gutes Geld dem schlechten hinterher zu werfen, war noch nie eine besonders gute Idee“, bekräftigte Sinn. Neuere und größere Rettungsschirme würden
auch nicht ohne Folgen für die Verbraucher und Steuerzahler bleiben. Die Politiker setzten „mit dieser Politik unsere Rente aufs Spiel“.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: „Je mehr Geld fließt, desto länger leben die überschuldeten Länder über ihre Verhältnisse, desto mehr ist verloren.“ Quelle: dpa

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: „Je mehr Geld fließt, desto länger leben die überschuldeten Länder über ihre Verhältnisse, desto mehr ist verloren.“

Portugal bildet nach Einschätzung von EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny einen Schlusspunkt bei der Flucht unter den Euro-Rettungsschirm. Auf die Frage von Journalisten, ob Portugal als letztes Euro-Land Hilfe bei Europäischer Union (EU) und Internationalem Währungsfonds (IWF) beantrage, antwortete der Chef der österreichischen Notenbank am Donnerstag: „Ja, auf jeden Fall“.

Portugal hat am Donnerstag offiziell den Antrag an die EU-Kommission und die Euro-Gruppe gestellt, machte aber zunächst keine Angaben zum Umfang der nötigen Hilfen. Nach Schätzungen in EU-Kreisen könnte das Kreditpaket gut 80 Milliarden Euro schwer werden. Die finnische Regierung sprach von 75 bis 78 Milliarden Euro, in portugiesischen Medien wurde auch die Zahl 90 Milliarden Euro genannt. Offen ist damit auch noch der deutsche Beitrag zu den Hilfen.

Das größte Euro-Land steuert einen prozentualen Anteil an den Garantien bei, der sich nach Reuters-Berechnungen auf etwa zwölf bis 14 Milliarden Euro summieren dürfte, wenn ein ähnlicher Verteilungsschlüssel wie bei Irland angewendet wird. Portugal ist nach Griechenland und Irland das dritte Mitglied der Euro-Zone, das auf den Druck der Kapitalmärkte reagieren und um Unterstützung seiner Partnerländer bitten muss.

Nach Einschätzung von Analysten bleibt abzuwarten, ob die Kettenreaktion damit zum Ende kommt. „Man hat das Gefühl, die Sache ist mit den drei Ländern abgearbeitet. Wenn es aber zu neuen Verspannungen an den Finanzmärkten kommt, könnte das auf
andere Länder wie Spanien übergreifen“, sagte Eugen Keller vom Bankhaus Metzler.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

07.04.2011, 21:02 Uhr

Die Gutmeinenden Regierungen handeln nach dem Motto: "Geld muss immer da sein". Woher das Geld kommt, ist Ihnen schnuppe, sie sind zu jeder Notlösung bereit. Zur Not werden die "Reichen" enteignet oder die Banken.

Strom kommt ja auch aus der Steckdose.

Das Finanz-Chaos in der EU ist spiegelbildlich zu Amerika. Flick-Schusterei. Eigentlich hat ja China längst die USA aufgekauft (Anleihen + Cash + Aktienwert). Alle Optionen sind mittlerweile ausgereizt, wobei Herr Trichet EU-Staaten mit EU-HARTZ4 versorgt (billiges Geld), das die Inflation in die Höhe treibt.

Vertrauen zu Trichet, sparen soll sich in Deutschland wieder lohnen ? Er ist kein EU-Finanz-Politiker, eher ein Kesselflicker.
Eine EU-Vision ist nicht vorhanden und die EU-Problem-Staaten lassen sich alle nacheinander in die EU-HARTZ4-Hängematte fallen. Trichet versorgt sie mit billigem Geld.

Leistungs-Prinzip EU-weit auf den Kopf gestellt. Die Idioten sind die Fleissigen, die noch Steuern zahlen. Und in Griechenland und Portugal wird in großem Stil das Bargeld abgehoben und ins Ausland geschafft, bevor die Steuerfahndung zuschlagen kann.

Bundesbuerger

07.04.2011, 21:40 Uhr

Allerhöchste Zeit, das ganze nutzlose, ungebildete und ungewaschene Parteiengesindel, das in Berlin und anderswo die Fäden in der Hand hält, nachhaltig zum Teufel zu jagen.

RalphFischer

07.04.2011, 22:00 Uhr

Um das schlimmste zu verhindern sollte Deutschland jetzt schnell unter den Rettungsschirm, bevor alle anderen drunter sind.

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