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28.04.2017

13:20 Uhr

EU-Arzneimittelagentur

Das wird der teuerste Umzug des Brexit

Im Zuge des Brexit könnte die EU-Arzneimittelagentur aus London aufs europäische Festland ziehen müssen. Das Problem: Der Mietvertrag läuft noch bis zum Jahr 2039 – mit einer Miete von fast 350 Millionen Euro.

Die EU-Arzneimittelagentur hatte natürlich nicht mit dem Brexit gerechnet – und sich bis 2039 eingemietet. Reuters

Skyline von London

Die EU-Arzneimittelagentur hatte natürlich nicht mit dem Brexit gerechnet – und sich bis 2039 eingemietet.

BrüsselDer Umzug der EU-Arzneimittelagentur aus London könnte teuer werden. Der Mietvertrag der EU-Behörde, die in der Folge des Brexits voraussichtlich Großbritannien verlassen wird, läuft einem Dokument des Europäischen Parlaments zufolge bis zum Jahr 2039.

Bis dahin sei noch eine Miete von insgesamt 347,6 Millionen Euro fällig und der Vertrag enthalte keine Ausstiegsklausel. Das hätten die Mitglieder des Haushaltskontrollausschusses mit Sorge festgestellt, heißt es in einer Zusammenfassung ihres Prüfberichts.

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Bis zum Brexit brauchen die EU-Behörden für Bankenaufsicht und Arzneimittel einen neuen Sitz. Aber wo? Hinter den Kulissen ist ein heftiger Konkurrenzkampf darum entbrannt. Auch unter deutschen Städten wird gerangelt.

Die Arzneimittelagentur mit mehr als 800 Beschäftigten und einem Jahresbudget von über 300 Millionen Euro bereitet sich dem Ausschuss zufolge bereits auf den Umzug vor. Nach Medienberichten haben verschiedene EU-Staaten schon ihr Interesse bekundet, die EU-Behörde bei sich anzusiedeln. Sie ist für die Zulassung neuer Medikamente zuständig. Der Haushaltskontrollausschuss des Parlaments forderte die Behörde auf, ihm weitere Entwicklungen bezüglich des Mietvertrags in London mitzuteilen. Mit der Europäischen Bankenaufsicht ist eine weitere EU-Behörde in der britischen Hauptstadt untergebracht. Die finanziellen Folgen des Brexits dürften eine zentrale Rolle in den bevorstehenden Verhandlungen der EU mit der Regierung in London spielen.

Ein Umzug der EU-Arzneimittelagentur wird in der britischen Pharmabranche mit Besorgnis gesehen. „Extrem wichtig“ sei die Behörde, erklärt die Mitarbeiterin eines großen Pharmaunternehmens auf einer Branchenkonferenz. Schließlich stünden Unternehmen und die Agentur bei der Entwicklung im ständigen Kontakt – lange bevor die Behörde letztlich entscheide, ob ein Medikament oder Produkt auf den Markt kommen kann. Daher sei es vor allem für kleine, forschende Pharmaunternehmen ein Nachteil, wenn man sich nach einem Brexit nicht mehr an die Behörde wenden könne.

Schert Großbritannien aus dem europäischen Binnenmarkt aus, bräuchte das Land in Zukunft ein eigenes Regulierungssystem. Als Folge davon müssten Unternehmen ihre Medikamente in beiden Märkten zulassen, was den Aufwand erhöhen und die Bearbeitungszeiten verlängern würde. Und das kann dazu führen, dass Produkte nicht oder erst später auf den britischen Markt kommen.

Die fünf Hauptakteure bei den Brexit-Verhandlungen

David Davis

Den Posten von David Davis (68) hat es zuvor nie gegeben - er ist der britische Brexit-Minister, soll also den Ausstieg seines Landes aus der EU managen. Der EU-Kritiker gilt als erzkonservativ, sprach sich für die Todesstrafe und gegen die Gleichstellung von Homosexuellen aus. Er hat kein Problem damit, sich auch mal gegen seine eigene Partei zu positionieren. Wegen seiner Unnachgiebigkeit trägt er den Spitznamen „Monsieur Non“. Stück für Stück kämpfte er sich nach oben: Davis war Versicherungsangestellter, studierte Informatik und war 17 Jahre lang in einem Lebensmittelkonzern beschäftigt. Seit 30 Jahren sitzt der Konservative im britischen Parlament und war zeitweise auch Staatssekretär für Europafragen im Außenministerium. Davis ist verheiratet und hat drei Kinder.

Tim Barrow

Eine Führungsrolle auf britischer Seite nimmt Tim Barrow ein, der erst seit vergangenem Januar EU-Botschafter Großbritanniens in Brüssel ist. Der 53-Jährige gilt als pragmatischer Problemlöser, der sich nicht scheut, die Wahrheit zu sagen. Barrow kann auf eine mehr als 30-jährige Karriere als Diplomat zurückblicken, Kollegen loben seinen Erfahrungsschatz. Von 2011 bis 2015 war der vierfache Vater Botschafter in Russland, von 2006 bis 2008 in der Ukraine. Zuletzt arbeitete er als politischer Direktor im Londoner Außenministerium. Auch auf Brüsseler Parkett bewegt sich Barrow sicher. Sein Vorgänger Ivan Rogers trat frustriert von seinem Amt als EU-Botschafter zurück. Rogers warf der britischen Regierung Mangel an „ernsthafter, multilateraler Verhandlungserfahrung“ vor.

Michel Barnier

Auf EU-Seite ist Verhandlungsführer Michel Barnier einer der wichtigsten Köpfe der anstehenden Austrittsgespräche. Dafür bringt der 66-jährige Franzose reichlich Erfahrung mit: Er hatte verschiedene Ministerposten in Frankreich und war zweimal EU-Kommissar. In Großbritannien hat seine Ernennung keine Freude ausgelöst, denn als Binnenmarkt-Kommissar war er von 2010 bis 2014 für die Bankenregulierung zuständig - was ihm am Finanzplatz London wenig Freunde machte. Zuletzt tourte Barnier durch die Hauptstädte Europas, um vorbereitende Gespräche mit den Regierungen der verbleibenden 27 EU-Staaten zu führen. Die Brexit-Verhandlungen selbst will er gerne bis zum Oktober 2018 abschließen. Barnier ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Didier Seeuws

Didier Seeuws (51) wird sein ganzes in einer langen Diplomatenkarriere erworbenes Taktgefühl brauchen. Er soll die Brexit-Gespräche für den Rat, also die Vertretung der EU-Staaten, verfolgen. Sprachrohr und Chefunterhändler der EU ist zwar Barnier. Seeuws - oder ein Stellvertreter - darf bei den Gesprächen aber anwesend sein. Delikat dürfte für den Belgier die Leitung einer speziellen Arbeitsgruppe im Rat werden: Dort sind alle EU-Staaten außer Großbritannien vertreten. Seeuws wird sie über den Stand der Verhandlungen auf dem Laufenden halten - und wohl seinerseits dabei helfen, Einigkeit unter den Ländern herzustellen. Immerhin, mit unterschiedlichen Interessenlagen in Europa kennt Seeuws sich aus: Er war unter anderem belgischer Botschafter bei der EU und Kabinettschef des früheren Ratspräsidenten Herman Van Rompuy.

Guy Verhofstadt

Der Belgier Guy Verhofstadt ist eindeutig der schillerndste Brexit-Beauftragte auf EU-Seite. Der Chef der liberalen Fraktion im Europaparlament ist ein glühender und streitlustiger EU-Verfechter. Wenn es nach ihm ginge, dann würde das Staatenbündnis deutlich enger zusammenwachsen und dabei ordentlich Tempo machen. Regierungserfahrung bringt der heutige Abgeordnete auch mit: In seinem Heimatland Belgien war er neun Jahre lang Ministerpräsident. Verhofstadts Einfluss auf die Gespräche ist indes eher begrenzt: Der 63-Jährige ist der Verbindungsmann des EU-Parlaments. Die Abgeordneten müssen dem Verhandlungsergebnis zwar am Ende zustimmen, den Verlauf der Austrittsgespräche werden aber wohl eher die EU-Kommission und die Staaten bestimmen.

Der britische Pharmamarkt ist nur knapp halb so groß wie der deutsche und sein Umsatzanteil an den zehn größten Weltmärkten beträgt lediglich 3,5 Prozent, wie die Experten von KPMG ausgerechnet haben. „Wenn ein Unternehmen entscheiden muss, wo es sein neues Produkt anmeldet, wird man natürlich auch überlegen, was für ein Markt für das Produkt dahinter steht“, drückt es Virginia Acha aus, Brexit-Expertin der Association of the British Pharmaceutical Industry (ABPI). Sie fürchtet, dass der Brexit auf jeden Fall Nachteile für ihre Branche hat. Bereits allein der Umzug der Agentur an sich werde die Arbeitsabläufe verzögern, erklärt sie.

Noch ist nicht entschieden, ob die Arzneimittelbehörde tatsächlich aus London wegziehen muss. „Das wird Thema in den Verhandlungen mit der EU sein und die Verhandlungen haben noch nicht begonnen“, versucht Wirtschaftsminister Greg Clark auf der Konferenz der ABPI das Publikum zu beruhigen. „Ich hätte es gern, wenn die EU-Arzneimittelagentur hier bleibt“, gibt er dann auf Nachfrage zu. Das hätte auch die britische Pharmabranche gern – große Hoffnung macht man sich aber nicht.

Kommentare (1)

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Herr John Harris

28.04.2017, 11:55 Uhr

20.000 Euro Miete pro Jahr und Mitarbeiter, sind wir noch ganz bei Trost? Es gibt genügend europäische Großstädte in denen können Sie das zu einem Zwanzigstel des Preises erledigen. Es muss ja nicht gerade das repräsentative Büro auf der Kö sein.

Überhaupt werde ich nicht verstehen, warum Botschaften, Konsulate, öffentliche Einrichtung insgesamt sich häufig an den besten Stellen der Städte einmieten. Privatunternehmen, die repräsentieren müssen (Apple stores, etc.) dürfen gerne die astronomischen Mieten bezahlen, aber die öffentliche Hand?

Nochmal: 20 tausend Euro pro Mitarbeiter und Jahr, nur an Mietkosten, einfach irre.

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