Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.06.2014

16:50 Uhr

EU-Austritt?

Der britische Alptraum

VonJan Mallien

Großbritanniens Premier Cameron droht mit dem EU-Austritt. Dieser Vorstoß könnte nach hinten losgehen. Britische Ökonomen warnen: Ein EU-Austritt könnte die eigene Wirtschaft härter treffen als die Finanzkrise.

Eine Isolation von der EU könnte für die Briten sehr teuer werden. Getty Images

Eine Isolation von der EU könnte für die Briten sehr teuer werden.

DüsseldorfDer britische Premierminister David Cameron setzt seinen EU-Kollegen die Pistole auf die Brust. Beim EU-Gipfel Ende Mai hatte er gegenüber Medien mit dem EU-Austritt Großbritanniens gedroht, falls der Luxemburger Jean-Claude Juncker neuer EU-Kommissionspräsident wird. Eigentlich hat die britische Regierung ein Referendum über den Verbleib in der EU erst für 2017 geplant. Mit diesem Schachzug wollte Cameron der europakritischen United Kingdom Independence Party (UKIP) das Wasser abgraben. Doch der Plan ging schief: Die UKIP wurde bei der Europawahl stärkste Kraft. Nun wird ein Austritt Großbritanniens immer wahrscheinlicher.

Für die britische Wirtschaft wäre das ein Alptraum. In der aktuellen Studie „Brexit or Fixit?“ über die wirtschaftlichen Auswirkungen eines britischen EU-Austritts warnen hochrangige Ökonomen vom Center for Economic Performance (CEP) der London School of Economics vor den enormen Kosten einer solchen Entscheidung. Die Abkürzung Brexit steht für British Exit, also für den britischen EU-Austritt. Das Fazit des Forscherteams um Institutschef John van Reenen zum Brexit ist vernichtend: „Der Traum einer Isolation Großbritanniens könnte sich als sehr kostspielig erweisen.“

Was die Briten an der EU stört

Nationale Identität

Als ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. Die Briten reagieren allergisch auf jegliche Vorschriften aus Brüssel.

Londoner City

Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht.

Soziales und Arbeitsmarkt

Auch in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik wollen sich die Briten nicht von Brüssel herein reden lassen. Eine gemeinsame EU-weite Arbeitszeitrichtlinie hat beispielsweise für heftigen Streit gesorgt.

EU-Bürokratie

Die Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen.

Medien

Die britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitierte mal die „Financial Times“ einen britischen Minister.

Nach den Berechnungen der Ökonomen würde ein EU-Austritt die Briten selbst unter sehr optimistischen Annahmen mindestens 2,2 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung kosten. Im schlimmsten Fall könnte Großbritannien auf längere Sicht ein Zehntel seiner Wirtschaftskraft einbüßen. „Die Kosten müssten letztlich die Briten selbst tragen in Form von niedrigeren Löhnen“, sagt Studienautor John Van Reenen. Großbritannien habe sechs Jahre andauernde Lohnkürzungen hinter sich. „Ein EU-Austritt würde dazu führen, dass die Lohnstagnation anhält.“

Demgegenüber beschränken sich die finanziellen Vorteile eines Austritts vor allem auf den Wegfall von Transferzahlungen an die EU, die 2013 rund 0,5 Prozent des britischen Volkseinkommens ausmachten. Sie würden jedoch bei weitem überwogen durch die entstehenden Kosten.

Das liegt vor allem an der starken Handelsverflechtung mit der EU. Als die Briten 1973 der EU beitraten, gingen weniger als ein Drittel ihrer Exporte in die EU – inzwischen sind es die Hälfte (2011: 50 Prozent). Um die Kosten zu berechnen, gehen die Ökonomen in der Studie von zwei Szenarien aus. Im optimistischen Fall bekäme Großbritannien auch nach seinem Austritt dieselben Privilegien wie die Schweiz oder Norwegen. Diese Länder sind Teil des Europäischen Binnenmarkts. Das heißt: Großbritannien hätte keinen Einfluss mehr auf die Regeln des Binnenmarktes, könnte aber weiter daran teilnehmen. Die meisten Experten halten das aber für unrealistisch. Sie glauben nicht, dass die Briten nach einem Austritt solche Privilegien bekämen.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

12.06.2014, 17:27 Uhr

Britanien ist der kleine Bruder der USA und braucht deshalb die EU nicht.

Account gelöscht!

12.06.2014, 17:45 Uhr

England hat im Gegensatz zu anderen EU Ländern wenig Probleme, da es keinen Euro hat und somit die Risiken eines
Austrittes bereits im Wechselkurs eingepreist ist.

wenn England austritt, wird das englische Pfund ggf etwas abwerten was der eigenen Export Wirtschaft hilft.

Erst Zusammenhänge verstehen dann schreiben liebe Redaktion

Rudolfo

Account gelöscht!

12.06.2014, 17:59 Uhr

Wenn Ökonomen warnen, muss man das nicht so ernst nehmen. Cameron ist auf dem guten Weg zu mehr Selbstbestimmung, die von den anderen Ländern auch gewollt ist. Auch Deutschlands Ausverkauf durch Merkel und Schäuble muss aufhören, sonst wird die AfD noch stärker. Die Politik ist nicht fürs Volk gemacht, sondern in vielen Bereichen gegen das deutsche Volk. Es muss rigorose Veränderungen geben. Die Union fängt bereits an, sich selbst zu zerlegen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×