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14.02.2012

09:10 Uhr

EU-China Gipfel

Warum China die Euro-Zone nicht retten kann

VonJan Mallien

Die EU-Spitze hat in Peking den chinesischen Regierungschef Wen getroffen. Sie hofft auf chinesische Milliardenhilfe bei der Euro-Rettung. Doch das ist ein Fehler - die Euro-Länder können sich nur selbst retten.

Eine Ein-Euro-Geldmünze wird von zwei chinesischen Essstäbchen gehalten. dpa

Eine Ein-Euro-Geldmünze wird von zwei chinesischen Essstäbchen gehalten.

DüsseldorfDie Führungsspitze der Europäischen Union hat heute als Bittsteller die Halle des großen Volkes in Peking betreten. Beim Treffen mit Chinas Regierungschef Wen wollten EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kommissionspräsident José Manuel Barroso ihre Gesprächspartner um Milliarden-Hilfen zur Lösung der Euro-Krise bitten. Beide obliegen dabei jedoch immer noch einer falschen Hoffnung: China wird die Euro-Länder nicht retten - das können sie nur selber tun.

Chinas Regierungschef Wen Jiabao gab seinen Gesprächspartnern denn auch nicht viel mehr als warme Worte mit auf den Heimweg. „Wir sind gewillt, eng mit der europäischen Seite zu kommunizieren und zu kooperieren“, erklärte er und versprach: „Wir lassen unseren Worten Taten folgen.“ Allerdings nannte Wen weder Details noch garantierte er Investitionen.

Das Problem der Euro-Länder ist einfach umrissen: Sie wollen den Rettungsschirm EFSF und seinen Nachfolger ESM stärken - und brauchen dafür frisches Kapital. Da sie aber selbst nicht wagen, genug eigenes Geld zu geben, soll China einspringen. Doch die Chinesen fragen: Warum sollen wir einspringen, wenn ihr euch selbst nicht traut?

Für die Chinesen macht eine Investition nur Sinn, wenn sie für ihre Anlage einen attraktiven Preis bekommen. „Wir müssen wirtschaftlichen Interessen folgen. Das heißt, wir wollen Gewinne“, sagte der chinesische Zentralbanker Xia Bin. Doch wenn der Preis attraktiv wäre, könnten genauso gut die reicheren Euro-Länder investieren.

China und EU handeln jeden Tag für mehr als eine Milliarde Euro

Gegenseitige Abhängigkeit

China und Europa sind voneinander abhängig. Das Reich der Mitte wird in diesem Jahr zum größten Exportmarkt der Europäer aufsteigen und damit die USA überholen. Umgekehrt ist die Europäische Union der größte Abnehmer chinesischer Ausfuhren. Beide Seiten handeln jeden Tag mit Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Euro.

Ausfuhren gestiegen

Nach einem Zuwachs von 37 Prozent 2010 stiegen die europäischen Ausfuhren nach China im vergangenen Jahr von Januar bis November um 21 Prozent auf 124 Milliarden Euro. Deutschland hat mit deutlichem Abstand und knapp der Hälfte der EU-Ausfuhren nach China den größten Anteil daran, gefolgt von Frankreich und Großbritannien. 60 Prozent der EU-Ausfuhren waren Maschinen und Fahrzeuge.

Während die 27 EU-Länder im Jahr 2010 rund 19,8 Millionen Autos produzierten, waren es in China nicht viel weniger: rund 18,3 Fahrzeuge.

Weltgrößte Devisenreserven

Die Importe aus China kletterten nach einem Anstieg von 31 Prozent 2010 im vergangenen Jahr bis November um weitere fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 244 Milliarden Euro. Seit Jahren gibt es ein großes europäisches Defizit im Handel mit China, das 2010 noch bei 168 Milliarden Euro lag. Aus diesem Überschuss sammelt China die Euros in seinen weltgrößten Devisenreserven im Wert von insgesamt 3,18 Billionen US-Dollar an. Rund ein Viertel sollen Euros sein.

Negative Leistungsbilanz

Während die Leistungsbilanz der 27 EU-Länder im vergangenen Jahr bei minus 24 Milliarden Euro lag, konnte China einen deutlich positiven Saldo von 258 Milliarden Euro verbuchen. Auch das BIP der Chinesen war 2011 mit 12.900 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie das BIP der EU (5100 Milliarden Euro).

Schlechter Marktzugang

Die Wirtschaftskooperation zwischen Europa und China ist rasant gewachsen. Doch beklagen europäische Unternehmen in China schlechten Marktzugang, ungleiche Wettbewerbsbedingungen, mangelnde Transparenz und Rechtsunsicherheiten.

Urheberrechte verletzt

Schlechter Schutz des geistigen Eigentums ist unverändert ein großes Problem. Sieben von zehn in China tätigen europäischen Unternehmen wurden nach eigenen Angaben schon Opfer von Urheberrechtsverletzungen mit teils erheblichen Verlusten. Mehr als die Hälfte aller Raubkopien, die der Zoll in Europa sicherstellt, stammt aus China.

Zögerliche Investitionen

Die 27 EU-Staaten zählen mit 7,1 Milliarden Euro 2010 zu den fünf wichtigsten Investoren in China - neben Taiwan, Hongkong, USA und Japan. Rund 20 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in China stammen aus Europa. China investiert aber nur sehr zögerlich in Europa. Zwar stiegen die chinesischen Investitionen 2010 von 0,3 auf 0,9 Milliarden Euro, doch stammen nur 1,7 Prozent aller ausländischen Investitionen in Europa aus China.

Dazu wären sie wirtschaftlich durchaus in der Lage. Im Unterschied zu den USA hat die EU als Ganzes kein grundsätzliches Problem mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Ihre Leistungsbilanz ist unterm Strich ausgeglichen: Die EU nimmt durch den Export von Waren und Dienstleistungen ins außereuropäische Ausland so viel ein, wie sie für ihren Import ausgibt.  Das europäische Problem sind die internen Ungleichgewichte. Sprich: Deutschland macht riesige Exportüberschüsse - Griechenland und Portugal hohe Defizite.

China hingegen erwirtschaftet gigantische Überschusse, die es bislang in US-Staatsanleihen investiert. Damit finanzieren sie das amerikanische Leistungsbilanzdefizit. Für die Chinesen ist das kein gutes Geschäft, denn die US-Notenbank lässt ihre Notenpresse auf Hochtouren laufen - und entwertet damit die chinesischen Forderungen. Dennoch haben sie keine Alternative, so lange ihre Währung an den US-Dollar gebunden ist. Durch die Käufe von US-Staatsanleihen halten sie den gegenseitigen Wechselkurs stabil.

Auch deshalb stoßen die Europäer bei ihrem Werben um chinesische Unterstützung auf Vorbehalte. Kurz vor dem Gipfel der Volksrepublik mit EU-Vertretern am Dienstag erklärte der mehr als 300 Milliarden Euro schwere Staatsfonds China Investment Corporation (CIC), zwar in europäische Firmen, nicht aber in Staatsanleihen investieren zu wollen. Europäische Staatsanleihen als langfristiges Investment halte er derzeit für ungeeignet, sagte CIC-Chef Lou Jiwei.

Europa wird sich selbst aus dem Sumpf ziehen müssen und kann das auch: Nach wie vor ist die Wirtschaftsleistung der EU (13 Billionen Euro) mehr als doppelt so hoch wie die Chinas (5,1 Billionen Euro). Nicht zuletzt aus diesem Grund wirkt das verzweifelte Hoffen auf einen Retter aus Fernost grotesk.

China und Deutschland im Zahlenvergleich

Fläche in Quadratkilometern (gerundet)

China: 9.600.000
Deutschland: 357.000

Bewaldete Fläche

China: 22 Prozent
Deutschland: 32 Prozent
(Angaben von 2010)

Landwirtschaftlich genutzte Fläche

China: 56 Prozent
Deutschland: 48 Prozent
(Angaben von 2009)

Einwohner

China: 1.347.000.000
Deutschland: 82.000.000
(Angaben von 2011, Zahlen gerundet)

Lebenserwartung von Frauen

China: 75 Jahre
Deutschland: 83 Jahre
(Angaben von 2009)

Lebenserwartung von Männern

China: 72 Jahre
Deutschland: 77 Jahre
(Angaben von 2009)

Breitband-Internetanschlüsse je 100 Einwohner

China: 8
Deutschland: 31
(Angaben von 2009)

Personenwagen je 1000 Einwohner

China: 27
Deutschland: 502
(Angaben von 2008)

CO2-Emission pro Kopf in Tonnen

China: 5
Deutschland: 10
(Angaben von 2008)

Quellen: Weltbank, CIA, Statistisches Bundesamt, Deutsche Botschaft in Peking, Auswärtiges Amt

Kommentare (15)

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Klarblick

14.02.2012, 15:28 Uhr

Auch dass sich die Euroländer selbst "retten" können, ist eine Hoffnung, die bitter enttäuscht werden wird.
Die Eurozone fliegt auseinander - was das Beste wäre - oder sie geht gemeinsam in den Bankrott.
Das ist das "gemeinsame Schicksal" von dem die Eurobesoffenen immer schwadronieren. Schade, dass das die wenigsten Deutschen kapieren. Dabei muss man nur 1 und 1 addieren.

peer

14.02.2012, 15:40 Uhr

---@ Klarblick

wie Recht sie doch haben.

Selbst hier bei den HB-Lesern gibt es immer noch viele, die haben zwar null Durchblick, aber meckern können sie.

Muss schrechlich sein, wenn man außer Meckern nichts mehr biten kann.

yoski

14.02.2012, 15:41 Uhr

Es lebe der Euro! Endlich Schluss mit der Kleinstaaterei. Jetzt sind wir wieder wer! Jetzt koennen wir gemainsam bei den Chinesen betteln gehen!
"Der Verlust der Scham ist das erste Anzeichen von Schwachsinn" soll S. Freud gesagt haben.
Erst den grossen Macker spielen a la "Menschenrechte in Tibet" und dann kleinlaut betteln gehen, das sind sie, unsere Europhantasten. Offentsichtlich haben die jegliches Schamgefuehl verloren.

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