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10.01.2007

08:36 Uhr

EU-Energieversorgung

Viele Länder – viele Interessen

VonJürgen Flauger

Nach der russischen Öl-Blockade ist die Versorgungssicherheit in den einzelnen EU-Staaten das Thema Nummer Eins. Dabei wird klar: Bis zu einer einheitlichen Energiestrategie für die Europäische Union ist es noch ein langer Weg. Zu unterschiedlich sind die Ausgangslagen und vor allem die Interessen in den einzelnen Mitgliedstaaten.

Europas Abhängigkeit von Öl und Gas. Grafik: Handelsblatt

Europas Abhängigkeit von Öl und Gas. Grafik: Handelsblatt

DÜSSELDORF. Rückblende: Als vor einem Jahr der Streit zwischen der Ukraine und Russland eskaliert und auch im Westen zu wenig Gas ankommt, tobt in Europa der Verteilungskampf. Großbritannien, nicht gerade an vorderster Front, leidet besonders unter dem Lieferstopp. Das Gas wird knapp, die Preise explodieren. Die Schuldigen sind in der britischen Öffentlichkeit schnell gefunden: Insbesondere die Deutschen würden ihre Vorräte horten und die Lieferungen auf die Insel drosseln, heißt es. Die bleiben aber hart: Man müsse selbst seine Lieferversprechen einhalten und könne nichts dafür, dass die Briten nicht vorgesorgt hätten.

Bis zu einer einheitlichen Energiestrategie für die Europäische Union ist es noch ein langer Weg. Zu unterschiedlich sind die Ausgangslagen und vor allem die Interessen in den einzelnen Mitgliedstaaten. Vor allem in Großbritannien ist das Thema Versorgungssicherheit zurzeit so akut wie in sonst keinem EU-Staat. Das Land hat Ende des vergangenen Jahrhunderts zwar seinen Energiemarkt so gut liberalisiert, dass es von der EU-Kommission regelmäßig den anderen Staaten als Vorbild vorgehalten wird. Die Briten haben aber gleichzeitig vergessen vorzusorgen. Jahrzehntelang konnte das Land einen Großteil seines Energiebedarfs aus eigenen Gaslagerstätten in der Nordsee decken und verzichtete im Gegensatz zu anderen Staaten darauf, sich über langfristige Verträge auch aus anderen Regionen einzudecken. Die Vorkommen gehen aber langsam zur Neige und reichen schon jetzt nicht mehr: Die Briten müssen zu Höchstpreisen am Spotmarkt zukaufen.

Dabei hatte die eigene Bezugsquelle den Gasverbrauch kräftig angekurbelt. Viele Briten heizen mit Gas, 40 Prozent des Stroms stammt aus Gaskraftwerken. Vor allem aber hat es Großbritannien versäumt, Speicher aufzubauen, weil die Lagerstätten in der Nordsee bislang als natürlicher Puffer genutzt werden konnten. Um den gleichzeitig wachsenden britischen Energiebedarf zu decken, pumpt Norwegen nun verstärkt Gas auf die Insel. Zugleich soll über eine neue Pipeline zwischen Belgien und England künftig aber auch russisches Gas fließen. Gazprom hat sich in das Projekt bereits eingekauft.

Ganz anders ist die Lage in Deutschland. Das Land hat sich über Jahrzehnte einen breiten Energiemix aus Atomkraft, Kohle, Gas und erneuerbaren Energien aufgebaut, sucht aber ein neues Gleichgewicht. Der politisch gewollte Ausstieg aus der Kernkraft reißt eine Lücke, und die Kohleverstromung kämpft angesichts des drängenden Klimaproblems mit ihrem Ruf. Wind, Sonne und Co. müssen dagegen noch ihre angemessene Rolle finden.

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