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28.04.2013

13:32 Uhr

EU-Gegner gewinnen Wahl

Island wählt seine Retter ab

Die Regierung Sigurdardóttir hatte Island nach dem Bankencrash wieder auf Kurs gebracht - und den Bürgern viel zugemutet. Dafür bekommt sie nun die Quittung. Wahlsieger sind die Parteien, die die Krise verursacht hatten.

Wahlergebnisse

Island vor Machtwechsel - Wähler strafen Sparkurs ab

Wahlergebnisse: Island vor Machtwechsel - Wähler strafen Sparkurs ab

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Die Isländer haben fünf Jahre nach dem Bankenkollaps ihre Mittelinks-Regierung mit der Halbierung der Stimmenzahl abgewählt. Wie am Sonntagmorgen in Reykjavik mitgeteilt wurde, erreichte das bürgerliche Lager aus Konservativen und Liberalen bei der Wahl vom Vortag mit 51,1 Prozent die absolute Mehrheit. Der voraussichtlich neue Ministerpräsident Bjarni Benediktsson (43) will die von der bisherigen Regierung eingeleiteten Beitrittsverhandlungen mit der EU abbrechen.

Konservative und Liberale waren bis zur isländischen Finanzkrise 2008 nahezu 30 Jahre lang in der Regierung gewesen, häufig in gemeinsamen Koalitionen.

Die Koalition hinter der bisherigen Regierungschefin Jóhanna Sigurdardóttir (70) schaffte nur 23,8 Prozent. Als Grund für die Halbierung der Stimmenzahl für Sozialdemokraten und Linksgrüne gilt Unzufriedenheit unter den 320 000 Bürgern mit der Verteilung der Krisenlasten auf der Atlantikinsel.

Bjarni Benediktsson, Chef der Konservativen und Ex-Fußballprofi, wird die nächste Regierung bilden. ap

Bjarni Benediktsson, Chef der Konservativen und Ex-Fußballprofi, wird die nächste Regierung bilden.

Wahlsieger Benediktsson versprach einen Kurswechsel. "Wir bieten einen anderen Weg, einen Weg der zu Wachstum, zu sozialer Sicherheit, mehr Sozialleistungen und mehr Arbeitsplätzen führt" sagte der 43-jährige Ex-Fußballprofi der Nachrichtenagentur Reuters. Seine Partei wolle die Steuern senken und den Lebensstandard erhöhen. Zudem kündigte er harte Verhandlungen mit den ausländischen Gläubigern der zusammengebrochenen Banken an. Diese müssten sich auf erhebliche Abschreibungen einstellen.

Die skurrilsten Fakten über Island

Hej Du!

Gerade einmal 320.000 Menschen leben auf Island. Man kennt sich – und duzt sich. Und: Isländer sprechen sich mit dem Vornamen an. Auch das Telefonbuch ist anders als in Deutschland nach Vornamen sortiert.

Island bebt

Auf Island bebt jeden Tag die Erde. Etwa 30 Vulkansysteme sind hier aktiv. Die Insel driftet aufgrund der Aktivität des Bodens pro Jahr ein bis zwei Zentimeter auseinander, denn die Hälfte des Landes liegt auf der nordamerikanischen, die andere auf der eurasischen Erdplatte.

Insel ohne Bäume

Auf Island wachsen von Natur aus keine Bäume. Für den Hausbau haben die ersten Siedler angeschwemmtes Material verwendet und daraus eine Art Skelett gebaut, dass dann mit Lehm und Gras überdeckt wurde.

Alte Sprache

Die isländische Sprache hat sich seit dem Mittelalter kaum verändert. Die erhaltenen Sagas aus der Zeit können die Menschen heute noch problemlos lesen. Die Sagas sowie die nordischen Heldenlieder sind die ältesten Schriftsätze, die in Europa erhalten geblieben sind.

Kein Bahnhof in Sicht

Die Hauptstadt Reykjavik hat keinen, die zweitgrößte Stadt Kopavogur auch nicht – und Hafnarfjördur sowieso nicht: Auf Island gibt es keine Bahnhöfe, da es schlicht keinen Schienenverkehr gibt. Dafür gibt es fünf Flughäfen und 19 Häfen. Und: Das Straßennetz beträgt eine Länge von 13.004 Kilometern Jedoch sind davon nur 4331 Kilometer asphaltiert. Die restlichen Straßen sind eher als Schotterwege zu bezeichnen.

Das Land der Erneuerbaren Energien

Der Strom auf Island wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien erzeugt (75 Prozent Wasserkraft, 25 Prozent Geothermie). Die Gebäudebeheizung wird zu 90 Prozent geothermisch betrieben.

Was können die Isländer besser als die Deutschen?

Geländewagen fahren. Das isländische Hochland ist geprägt von Schotterstraßen, die unter Geländefahrern als beliebtes Reiseziel gelten. Offroad-Fahren, also Fahren abseits der „Straßen” ist zum Schutze der empfindlichen Vegetation jedoch verboten.

Nach einer Liberalisierung des Bankensektors hatte sich die Insel im Nordatlantik mit ihren 320.000 Einwohnern vor zehn Jahren zu einem europäischen Finanzzentrum entwickelt. Die Geldhäuser lockten mit hohen Renditeversprechen vor allem Anleger aus Großbritannien und den Niederlanden an. Doch in der globalen Finanzkrise brach auch der überdimensionierte Bankensektor in Island zusammen.

Krisen-Verursacher liegen bei Wahl vorne: Islands Tanz auf dem Vulkan

Krisen-Verursacher liegen bei Wahl vorne

Islands Tanz auf dem Vulkan

Das Land im Atlantik ist bekannt für unterirdische Vulkane, Geysire - und den Crash der Kaupthing-Bank. Eine neue Regierung hatte das Land nach 2008 aus der Krise geholt. Doch jetzt drohen die Retter abgewählt zu werden.

Die Institute Landsbanki, Kaupthing und Glitnir kollabierten kurz nacheinander und brachten das Land im Oktober 2008 an den Rand der Staatspleite. Mit einem harten Sparkurs, der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) als beispielhaft gewürdigt wurde, gelang es den Sozialdemokraten, das Land aus der Krise zu führen.

Doch Steuererhöhungen und ein nachsichtiger Umgang mit den ausländischen Gläubigern sowie steigende Staatschulden und eine Reihe politischer Schnitzer kosteten sie Popularität.

Kommentare (18)

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yoski

28.04.2013, 12:21 Uhr

"ausländischen Gläubigern der zusammengebrochenen Banken an. Diese müssten sich auf erhebliche Abschreibungen einstellen."
Gut so! Wer in bankrotte Unternehmen (ja, auch Banken!!!) investiert der verliert sein Geld. Wo ist das Problem? Wer in Pets.com oder ENRON investiert hat ist damals auch seine Kohle los geworden. Wieso sollen Banken immer gerettet werden und andere Unternehmen nicht? Banken stellen ausser Finanzschwindel nichts her, weg damit!

Lutz

28.04.2013, 12:32 Uhr

Das freut mich für die Isländer! Es ist immer schön eine Alternative zu haben.

R.Ruf

28.04.2013, 12:33 Uhr

Letzlich und bei Licht besehen haben die Isländer die EU und den Euro, der sich anschickte als neuer Springteufel ins isländische Haus zu hüpfen, eine Absage erteilt und Autonomie und Eigenständigkeit präferiert.
Wer kann es Ihnen verdenken, wenn Sie beobachten konnten wie eine andere Insel unter Fuchtel der EU und im Korsett des Euro, sich in einer Situation befindet, auf Jahre wenn nicht Jahrzehnte entmündigt zu werden.
Der deregulierte Neoliberalismus hat im Finanzsektor Islands schwere Verwüstungen angerichtet.
Man will es vermeiden wieder vom Regen in die Traufe zu kommen. Deshalb der Sieg für die EU-Gegner als ein wichtiges Motiv unter anderen, für die Wahlentscheidung der Isländer.

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