Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.10.2011

20:41 Uhr

EU-Gipfel

Apokalypse (vorerst) abgesagt

Schuldenschnitt für Griechenland, Rekapitalisierung der Banken, ein Hebel für den EFSF: Geht es nach Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy, ist die Euro-Rettung in trockenen Tüchern. Doch es droht Einspruch von mehreren Seiten.

Haben sich auf die Grundfeste der Euro-Rettung geeinigt: Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy. dpa

Haben sich auf die Grundfeste der Euro-Rettung geeinigt: Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy.

BrüsselIn drei Tagen soll das Gesamtpaket auf einem Euro-Zonen-Gipfel verabschiedet werden. Hinzu kommt nun ein EU-Gipfel am Mittwochabend für alle 27 Länder. Zum Paket gehört neben dem Schuldenschnitt eine Banken-Rekapitalisierung, ein Hebel für den Rettungsfonds EFSF sowie ein Fahrplan in Richtung einer europäischen Wirtschaftsregierung. Um dieses Ziel zu erreichen, könnten Vertragsänderungen „kein Tabu sein“, sagte Merkel.

Für Griechenland bezifferte der neueste Troika-Bericht die Finanzlücke auf 252 Milliarden Euro bis 2020. Das würde einen Forderungsverzicht von 60 Prozent notwendig machen, um den Schuldenstand Griechenlands bis 2020 auf 110 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung zu drücken. Laut Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker herrscht Einigkeit, dass der Anteil der Banken gegenüber den im Juli vereinbarten 21 Prozent „erheblich“ steigen muss. Der belgische Ministerpräsident Yves Leterme sagte, die Vorschläge gingen „ziemlich weit“.

Wie die höhere Kapitalquote den Crash verhindern soll

Was ist die Kernkapitalquote?

Die Kernkapitalquote beschreibt das Verhältnis vom Kapital einer Bank zu ihren risikobehafteten Geschäften, also zu den vergebenen Krediten und den getätigten Geldanlagen. Das Kernkapital kann Verluste abfangen, die es durch Kreditausfälle und Kursabstürze gibt.

Warum ist die Erhöhung nötig?

Die Lage Griechenlands ist inzwischen so dramatisch, dass dem Land ein Teil seiner Schulden erlassen werden muss. Anvisiert wird ein Schuldenschnitt von mindestens 50 Prozent. Athens private Gläubiger müssten damit auf die Hälfte ihrer verliehenen Gelder verzichten und entsprechende Ausfälle verbuchen.

Woher soll das frische Geld für die Stärkung der Banken kommen?

Die Banken sollen sich selbst um die Erhöhung der Quote kümmern. Sie können dazu einen Teil ihrer Gewinne zur Aufstockung des Kapitalpuffers verwenden. Reicht dies nicht, müssten sie versuchen, am Markt Geldgeber zu finden. Möglich ist eine Kapitalerhöhung, bei der neue Aktien ausgegeben werden. Wenn einzelne Banken das Geld nicht zusammenbekommen, müsste wohl der Staat einspringen.

Was könnte die höhere Kapitalquote für Bankkunden bedeuten?

Eine höhere Kernkapitalquote senkt das Risiko von Pleiten, damit ist das Geld der Bankkunden sicherer. Unklar ist, ob Institute neuen Kapitalbedarf auch über höhere Gebühren einspielen würden. Geschmälert werden voraussichtlich die Dividenden von Bank-Aktionären, wenn die Institute mehr von ihren Gewinnen einbehalten. Die Auswirkungen auf Kunden und Aktionäre hängen immer auch davon ab, wie hoch die bisherige Kernkapitalquote bei der jeweiligen Bank und damit ihr zusätzlicher Finanzbedarf ist.

Die internationalen Banken kündigten prompt Widerstand an. Die Vertreter der Euro-Staaten und Geldhäuser seien „nicht einmal in der Nähe einer Einigung“, sagte der Geschäftsführer des Internationalen Bankenverbandes (IIF), Charles Dallara, der Nachrichtenagentur AP. Später hieß es laut Reuters, der Finanzsektor werde wohl sein Angebot zur Hilfe bei einem Schuldenschnitt Griechenlands erhöhen. Die Banken seien bereit, auf 40 Prozent des Werts ihrer Griechenland-Anleihen zu verzichten, sagte ein hochrangiger Bankenvertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Allerdings dringen die europäischen Staats- und Regierungschefs den Angaben zufolge auf eine Beteiligung von mindestens 50 Prozent. Ein weiteres Gipfeltreffen ist für Mittwoch geplant. Auch 50 Prozent seien zwar etwa für deutsche Banken zu verkraften, man brauche dann allerdings eine Auffanglösung für griechische Institute, sagte der Bankenvertreter weiter.

Die Teilkasko-Lösung für den Rettungsschirm

Verlustabsicherung

Im Streit über eine Hebelung der Mittel des Euro-Rettungsfonds EFSF favorisiert Deutschland ein Versicherungsmodell bei der Ausgabe neuer Staatsanleihen. Nach dem Konzept würden 20 bis 30 Prozent des Emissionsvolumens neuer Anleihen von Ländern, denen hohe Finanzierungskosten am Markt drohen, vom EFSF gegen Verluste abgesichert.

Alternativen abgelehnt

Ein Insider bestätigte, Alternativen wie die einer Banklizenz für den EFSF seien verworfen, weil dies die Mitwirkung der Europäischen Zentralbank (EZB) erfordere, die das aber ablehne.

Restrisiko beim Investor

Der Fonds könnte mit einem Einsatz von beispielsweise 100 Milliarden Euro eine Finanzierung von 300 bis 500 Milliarden Euro etwa für Spanien oder Italien sicherstellen. Der EFSF würde jedoch nur für die 20 Milliarden Euro haften, das Restrisiko liegt beim Investor.

Zinsrückgang erwünscht

Als Nebenwirkung erhoffen sich die Politiker einen Rückgang der stark gestiegenen Zinsen auf schon umlaufende Staatspapiere.

Entscheidung erst im Bedarfsfall

Beim Euro-Gipfel werde eine Größenordnung für die geplanten Garantien aber nicht festgelegt, sondern darüber im Einzelfall entschieden, sagte Sony Kapoor von der Beratungsfirma Re-Define. Der Experte hatte das Garantiemodell vorgeschlagen und berät unter anderem die Bundesregierung. Der EFSF müsse sich Flexibilität bewahren. Der abgesicherte Verlust werde vom jeweiligen Land, der Anleihelaufzeit und der aktuellen Marktlage bei der Ausgabe der Anleihe abhängen.

Um die von der EU verlangte Eigenkapitalquote von neun Prozent bei den Banken zu erreichen, müsse sich beispielsweise die Deutsche Bank etwa zwei Milliarden Euro neues Kapital beschaffen. Dies sei für das Institut ohne Staatshilfe zu machen, hieß es weiter. Nach Überlegungen aus EU-Kreisen sollen allerdings notfalls auch Staaten mit Garantien die Kapitalaufstockung stützen dürfen.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

23.10.2011, 22:01 Uhr

Meiner Meinung nach führt die derzeitige Politik mit ihren Fehlentscheidungen alternativlos in eine riesige Apocalypse.
Erst 110 Milliarden
Jetzt 252 Milliarden
demnächst 444 Milliarden
oder noch mehr.
GR kann mit dem Euro nicht klarkommen, nicht möglich.
Andere Pleite Länder stehen schon in den Startlöchren. Das ist auf normal schmerzlichem Weg und bei sich abkuhlender Konjunktur nicht zu schultern
Aber man wird versuchen sich politisch durchzuwuschteln bis es alternativlos von allein knallt. wirtschaftlich und demokratisch.
Nur werden uns dann unsere Kinder und Enkelkinder fragen, wie wir unsere Eltern und Großeltern damals :

Was hast Du eigentlich damals dagegen getan?

Schönen Abend noch.

Account gelöscht!

23.10.2011, 22:11 Uhr

Wir sassen untätig rum und lamentierten grosskotzig.

So wie die russische Bevölkerung waehrend der Jelzin-Ära.
MRD verschwinden in "trockenen Bankoasen", von Luxembourgo bis Cayman Island über Frankfurt Tower. Griechenland zeigt uns exemplarisch , dass seit Jahren einer der groessten "robberies" aller Zeiten abgeht. Beginnt mit EU-Subventionen und endet mit weichen, interpretierbaren, gezielt vorbereiteten "Schwachmatengesetzen" bei gleichzeitig voelliger Oeffnung aller Grenzen.

Steuerembargo

23.10.2011, 22:51 Uhr

Tja, rumsitzen und schimpfen ueber die ungeduschten Randalierer, die vor den Banken sitzen und fuer den deutschen Michel protestieren! Derweil guckt der deutsche Michel Deutschland sucht den Sueperstar und aehnlichen Schwachsinn bei Bier und Salzletten!
Morgen mit den Kumpels wird dann wieder geschimpft ueber alle Dinge von denen sie absolut nichts verstehen und freuen sich wieder auf ihren Furtz Sessel am Abend um sich von der Tagesschau wieder einlullen zu lassen, ist alles nicht so schlimm und nur Geschrei der Verschwoerungstheoretiker! Gruss von www.steuerembargo.co.de

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×