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02.02.2011

16:31 Uhr

EU-Gipfel

Euro-Zone als Drei-Klassengesellschaft

VonDirk Heilmann, Dorit Marschall

Durch mehr Zusammenarbeit und Harmonisierung will Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit Frankreich die Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer in der Euro-Zone verbessern und künftige Währungskrisen vermeiden. Doch die Kluft in der EU ist gewaltig.

Nicolas Darkozy (l.) und Angela Merkel: Die beiden Staatschefs kämpfen gegen ein "Europa der drei Geschwindigkeiten". Quelle: Reuters

Nicolas Darkozy (l.) und Angela Merkel: Die beiden Staatschefs kämpfen gegen ein "Europa der drei Geschwindigkeiten".

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy will Merkel auf dem EU-Gipfeltreffen am Ende der Woche einen "Pakt für Wettbewerbsfähigkeit" vorlegen. Doch während die Politiker verhandeln, driften die Volkswirtschaften der Euro-Zone immer weiter auseinander. Ökonomen befürchten, dass es so für die zum Sparen verdammten Krisenländer immer schwerer wird, den Rückstand zu Deutschland und Frankreich aufzuholen.

Von einem "Europa der drei Geschwindigkeiten" spricht Jean-Michel Six, der Chefvolkswirt der Ratingagentur Standard & Poor's. Deutschland fahre zusammen mit Finnland voran, Frankreich, Italien und die Benelux-Länder bildeten das Mittelfeld und die "PIGS"-Länder Portugal, Irland, Griechenland und Spanien zuckelten hinterher.

Investitionsniveau erholt sich in Deutschland viel schneller

Besondere Sorgen bereiten ihm die großen Unterschiede bei den Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen. Schon vor der Krise sei der Kapitaleinsatz je Arbeitskraft in Deutschland weit höher gewesen als etwa in Griechenland oder Spanien. Der Abstand wachse nun weiter: Deutschland habe bereits 41 Prozent des in der Rezession verlorenen Investitionsniveaus aufgeholt, die Peripherieländer noch kein einziges Prozent. Diese Lücke werde sich weiter öffnen. "Es besteht das Risiko, dass die divergierenden Wachstumstrends in der Europäischen Währungsunion strukturell werden", warnt Six. Der Norden der Euro-Zone sei derzeit einfach viel attraktiver für Investoren, fügt Patrick Artus, Chefvolkswirt der Investmentbank Natixis, hinzu.

Aktuelle Konjunkturindikatoren belegen die Kluft. So liegt der Markit-Einkaufsmanagerindex für die Industrie in Deutschland über 60 Punkten, zeigt also weiteres starkes Wachstum an, während er in Griechenland nur bei 42,8 Punkten liegt. Die Arbeitslosenquote setzt sich in Spanien bei 20 Prozent fest, während sie in Deutschland auf 7,4 Prozent gesunken ist. Und die Zentralbank in Dublin hat gerade ihre Wachstumsprognose 2011 für Irland von 2,4 auf ein Prozent nach unten korrigiert.

"Derzeit entwickeln sich die Volkswirtschaften Europas mit verschiedenen Geschwindigkeiten", sagt auch der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise. Er erwartet aber, dass sich die Wachstumsraten schon zur Jahresmitte annähern. "Wachstum ist durch Wirtschaftspolitik beeinflussbar", sagt er.

Kommentare (5)

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R.Ruf

02.02.2011, 18:48 Uhr

Die Katze aus dem Sack gelassen. Es ist die Gemeinschaftswährung Euro, die die Ungleichheiten befeuert anstatt sie auszugleichen. Wirksame instrumente einer "Wirtschaftsregierung" ausgleichend zu wirken und zu vermitteln kann es nicht geben wenn man keine "Planwirtschaft" nach gehabtem Muster haben will.

Stefan L. Eichner

02.02.2011, 18:59 Uhr

Es war von beginn der Euro-Krise an ein Fehler, nur die Schuldenproblematik zu sehen und alle anderen, wirtschaftsstrukturellen Probleme auszublenden. bedingt durch die Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise haben sich letztere verschärft – eine normale Folge von Krisen.

im Falle der EU kommt damit aber zum Ausdruck, dass die seit vielen Jahren über die Strukturfonds betriebene europäische Regionalpolitik ihr Ziel, die wirtschaftlichen Disparitäten innerhalb der Union abzubauen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Schwachen zu erhöhen, keine nachhaltigen Erfolge erzielt hat. Und das obwohl erhebliche Strukturfondsmittel nach Griechenland, irland, Spanien und Portugal geflossen sind.

Nun sind die realen Entwicklungsunterschiede sichtbar geworden und damit auch, dass das bisher verfolgte europäische Wachstumskonzept nicht aufgegangen ist (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2011/01/die-europaische-krise-teil-2-die-euro.html). Deswegen sind die Krisenstaaten auf Hilfe angewiesen und deswegen sind aktuell die Aussichten in diesen Staaten, wieder auf Wachstumskurs zu kommen, praktisch nicht existent.

Das ist ein desaströses Resultat und vor diesem Hintergrund ist es in der Tat fatal, dass dieses Problem in den aktuellen Überlegungen der führenden Staats- und Regierungschefs keine Rolle spielt. Die Gefahr, dass genau das Gegenteil von dem erreicht werden wird, was der „Pakt für Wettbewerbsfähigkeit“ anstrebt, ist groß, so lange kein Konzept für ein neues, tragfähiges Wachstumsmodell für die EU als Ganzes existiert, das als Grundlage für einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit dienen kann.

Darüber hinaus muss aber auch berücksichtigt werden, dass die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften ganz unterschiedlich definiert und gemessen werden kann. Das ist folglich eine grundlegende und keinesfalls auf die leichte Schulter zu nehmende Frage.

Ondoron

02.02.2011, 20:00 Uhr

Mir kann wirklich niemand erklären, warum die europäischen Politiker so blöde sind und an dieser vermaledeiten Kunstwährung, die nur Unfrieden schafft, festhält. ist es so schwierig, Fehler einzugestehen?
Dieser Affentanz ist unwürdig und zerstört Europa. Die Politiker - und auch das Hb mit seinen wohlmeinenden Kommentaren - verstehen es nicht. Die denken in Kategorien von Wunsch und Vision. Die werden am Ende die Katastrophe besiegeln. Mal sehen, was dann in den Geschichtsbüchern stehen wird.

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