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29.06.2012

10:42 Uhr

EU-Gipfel

Merkel liegt im Euro-Endspiel hinten

Wer hat beim EU-Gipfel gewonnen? Italiens Premier Mario Monti und Kanzlerin Angela Merkel kämpfen erbittert um die Meinungsführerschaft. Monti führt - und will nun auch noch Euro-Bonds durchsetzen.

BrüsselAls Mario Monti am Freitag morgen um 5.20 Uhr vor die noch verbliebenen Kameras im EU-Ratsgebäude in Brüssel trat, wirkte der italienische Ministerpräsident sichtlich zufrieden. Monti gab sich als doppelter Punktsieger und wirkte trotz der langen Nacht frisch. Immerhin hatte die italienische Nationalmannschaft am Vorabend Deutschland bei der Fußball-Europameisterschaft besiegt. Und er selbst jubilierte, in den nächtlichen Verhandlungen der Euro-Gruppe sei endlich der Einstieg in die von Deutschland abgelehnten Eurobonds gelungen. Die nach nächtlichen Beratungen zustandegekommene Einigung sei "eine sehr wichtige Abmachung für die Zukunft der EU und der Eurozone", so Monti weiter.

Die Beschlüsse des Euro-Gipfels im Überblick

Direkte Bankenhilfe

Um den Teufelskreis zwischen angeschlagenen Banken und Staatsfinanzen zu durchbrechen, sollen Geldhäuser direkt aus dem Rettungsfonds ESM rekapitalisiert werden, heißt es in der Gipfelerklärung. Durch die Notkredite wird sich dann die öffentliche Verschuldung nicht mehr erhöhen - und die Zinsen könnten sinken. Mit dem Beschluss wird eine Kernforderung Spaniens erfüllt. Aber auch Irland wird in Aussicht gestellt, davon Gebrauch machen zu können, um die Schuldentragfähigkeit zu erhöhen. Die Hilfe soll an „angemessene Bedingungen" geknüpft werden.

Bankenaufsicht

Voraussetzung für die direkte Bankenhilfe ist eine effiziente Aufsicht auf der Euro-Ebene. Die Kommission wurde beauftragt, in Kürze einen Vorschlag für einen entsprechenden Mechanismus zu präsentieren, an dem die Europäische Zentralbank beteiligt sein soll. Die Mitgliedsstaaten werden aufgerufen, den Gesetzesvorschlag vordringlich bis Ende des Jahres zu prüfen.

Rettung für spanische Banken

Das bereits zugesagte Rettungsprogramm für die spanischen Banken soll so schnell wie möglich beschlossen werden. Anders als bislang vorgesehen, sollen die Kredite der Europartner keinen Vorrang vor Krediten der Privatgläubiger haben, wenn das Geld aus dem ESM kommt. Im Falle einer Pleite müssten die öffentlichen Geldgeber also genauso verzichten wie die Privatwirtschaft.

Spar- und Reformverpflichtungen

Länder, die den Brüsseler Spar- und Reformverpflichtungen nachgehen, erhalten einen erleichterten Zugang zu den Rettungsschirmen. Wenn sie die Instrumente - etwa den Aufkauf von Staatsanleihen durch den Fonds - nutzen, müssen sie sich keinem zusätzlichen Anpassungsprogramm unterwerfen. Sie müssen lediglich eine Vereinbarung unterzeichnen, dass sie die Vorgaben aus dem Stabilitäts- und Wachstumspakt und die Hausaufgaben der Kommission fristgerecht erfüllen. Das ist ein großes Entgegenkommen an Italien, das bislang aus Sorge vor den strengen Konditionen vor dem Griff zum Eurotropf zurückgeschreckt war.

Zeitplan

Die Eurogruppe soll die Beschlüsse bis zum 9. Juli umsetzen.

Europäische Integration

Die Vertiefung der Eurozone wird vorangetrieben. Die Euro-Chefs einigten sich auf die Baustellen: Den Aufbau einer Banken-Union, einer Fiskal-Union und einer politischen Union. Im Arbeitspapier der Vierergruppe um EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy findet sich weiterhin der Unterpunkt einer schrittweisen Ausgabe von Gemeinschaftsanleihen. Die Bundesregierung wies die Mutmaßung von Italiens Ministerpräsident Mario Monti zurück, damit sei die Tür zu Euro-Bonds geöffnet. Über die Inhalte soll erst auf dem nächsten Gipfel im Oktober gesprochen werden.

Dem wurde am frühen Freitagmorgen zwar umgehend und etwas verschnupft von der Bundesregierung widersprochen. Aber tatsächlich hat es das Duo infernale der beiden angeschlagenen Euro-Staaten Italien und Spanien geschafft, gleich zwei Euro-Veranstaltungen gleichzeitig aufzumischen. In Brüssel blockierten beide Regierungen die Verhandlungen um den Wachstumspakt so vehement, dass einige Diplomaten von Erpressung sprachen. Und ausgerechnet die südlichen Euro-Staaten, die derzeit Rekordaufschläge für ihre Staatsanleihen zahlen müssen und panisch um Hilfen baten, bestreiten am Samstag das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft in Kiew.

Während Bundestrainer Jogi Löw nach dem Aus nur noch Wundenlecken bleibt, versucht Bundeskanzlerin Angela Merkel zu retten, was noch zu retten ist - ganz besonders mit Blick auf den demonstrativen Beschluss wegen der Opposition in Berlin, die am Freitagabend dem Fiskalpakt und dem dauerhaften Rettungsschirm ESM zustimmen soll.

Börsianer zum EU-Gipfel

Oliver Roth, Kapitalmarktstratege bei Close Brothers

„Die Banken können sich nun leichter in der Krise rekapitalisieren als das bisher der Fall war. Bislang waren ja hauptsächlich die Nationalstaaten dafür verantwortlich. Diese Last ist den Staaten nun von den Schultern genommen, und damit wird zum Beispiel der Staatshaushalt von Spanien wesentlich entspannter.
Auch die nordeuropäischen Staaten werden dadurch entlastet, weil die Zinsen auf italienische oder spanische Staatsanleihen deutlich sinken dürften, und das ist gut für die gesamten Geschäftsbeziehungen.“

Citigroup

„Die Kursentwicklung geht über das hinaus, was gerechtfertigt ist. Erstens bedarf es Klarheit darüber, wie und in welchen Fällen Regierungen den ESM in Anspruch nehmen können. Wenn es nur zur Rekapitalisierung von Banken ist, wäre es nicht weitgehend genug, um die zugrundeliegenden Belastungen zu lindern. Zweitens bleiben beträchtliche Umsetzungsrisiken.
Die Regierungen müssen der EZB für ihre neuen Aufsichtsaufgaben Rechte übertragen. Dies könnte sich als umstrittener herausstellen als es die unmittelbare Marktreaktion vermuten lässt. Nach derartigen Ankündigungen ist der anfängliche Optimismus verpufft, sobald sich die Politiker an die Details machen. Wir würden uns nicht wundern, wenn sich dieses Muster wiederholt.“

Jörg Krämer & Christoph Weil, Volkswirte der Commerzbank

„In einer turbulenten Nachtsitzung haben sich die Regierungschefs überraschend grundsätzlich darauf geeinigt, den Banken der hochverschuldeten Krisenländern künftig direkt Hilfen zu gewähren und damit deren Staatshaushalte zu entlasten. (...)
Gemeinsame Anleihen tauchen nach Merkels klarem Nein nicht im Kommuniqué des Gipfels auf. Wir bleiben allerdings bei unserer Prognose, dass Deutschland solchen Anleihen am Ende zustimmen dürfte, wenn die Existenz der Währungsunion gefährdet wäre.“

Tim Waterer, Händler bei CMC Global Markets

„Der Markt ist ein bisschen überrascht, dass etwas substanzielles bei dem Gipfel herausgekommen ist. Die Details zum Zeitrahmen der Umsetzung dieses Plan wird darüber entscheiden, ob die aktuellen Kursgewinne nachhaltig sind.“

Holger Schmiedung, Berenberg-Chefvolkswirt

„Um den Markt zu beeindrucken, sind Eingriffe der EZB notwendig - etwa Interventionen am Anleihenmarkt oder erhebliche Liquiditätsspritzen für die Banken. Ohne EZB geht es nicht.“

Und so begrüßt Merkel die Ergebnisse des nächtlichen EU-Gipfel-Marathons und versucht diese als Bestätigung der deutschen Position zu interpretieren. Zwar solle künftig eine direkte Bankenhilfe aus dem Euro-Rettungsfonds möglich sein, allerdings werde die Europäische Zentralbank (EZB) dabei eine starke Rolle als "Super-Aufsichtsbehörde" spielen, sagte die CDU-Chefin in Brüssel. Insofern sei die Bundesregierung ihrer bisherigen Linie "treu geblieben", die da laute: keine Leistung ohne Gegenleistung und "keine Haftung ohne Kontrolle".

Kommentare (150)

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HASS

29.06.2012, 10:48 Uhr

Ich habe nur noch unendlich HASS und VERACHTUNG für die deutschen Politiker übrig!

Account gelöscht!

29.06.2012, 10:49 Uhr

Deutschland koennte viel sparen - wenn wir unsere ganze hochbezahlte Regierung durch 1 JA-Sager ersetzen wuerden. Mehr ist da nicht.

GoToHELLas

29.06.2012, 10:49 Uhr

"... solange ich lebe,"
Ja wie lange lebt sie denn noch?

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