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20.10.2011

16:19 Uhr

EU greift durch

Kein Wildwest mehr an Europas Finanzmärkten

Ein EU-Kommissar spielt den Sheriff der Finanzmärkte. Er fordert: Zocker sollen hart bestraft, die Ratingagenturen gebändigt und der schnelle Computerhandel eingeschränkt werden.

Auf den Finanzmärkten soll es nicht länger wie im Wilden Westen zugehen, fordert die EU. dpa

Auf den Finanzmärkten soll es nicht länger wie im Wilden Westen zugehen, fordert die EU.

Die EU will die Ratingagenturen zähmen und sich Finanzbetrüger vorknöpfen. Die EU-Kommission will den Ratingagenturen notfalls verbieten, Urteile über die Kreditwürdigkeit kriselnder EU-Länder zu veröffentlichen. So soll deren Lage in einer Schuldenkrise nicht noch verschärft werden. Einen entsprechenden Vorschlag kündigte die Behörde am Donnerstag in Brüssel für November an. „Die Moral ist bei einigen Finanzmarktgeschäften total auf der Strecke geblieben“, beklagte Binnenmarktkommissar Michel Barnier.

Die drei führenden US-Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch verschärfen nach Ansicht der Kommission noch die Lage von Schuldenstaaten, weil schlechtere Noten die Zinsen für Anleihen in die Höhe treiben.

„Das Thermometer (..) muss richtig funktionieren, um nicht mehr Fieber anzuzeigen, als tatsächlich vorherrscht“, sagte Barnier. Das Verbot soll für Länder gelten, die Finanzhilfe erhielten, also aktuell wären das Griechenland, Portugal und Irland.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Zudem legte die Behörde Reformpläne für die Finanzmarkt-Aufsicht vor. Demnach sollen Händler, die Kurse manipulieren, nicht mehr ohne Strafe davonkommen. An der Börse will Brüssel als Mittel gegen gefährliche Kursschwankungen den schnellen Computerhandel stoppen.

Das Europaparlament und die EU-Staaten müssen der Novelle der EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid und den weiteren Plänen noch zustimmen. Bis die Vorschläge in Kraft treten können, dürfte es noch ein bis zwei Jahre dauern.

Wer Insiderhandel betreibt oder Kurse manipuliert, müsste künftig eine Geldstrafe von mindestens fünf Millionen Euro fürchten. Bei Firmen soll die Geldbuße bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes ausmachen.

„Schlupflöcher darf es nicht mehr geben“, sagte Barnier. In Deutschland werden Händler, die Insiderwissen für ihre Geschäfte nutzen, verfolgt, in anderen EU-Ländern nicht.

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