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03.07.2013

06:50 Uhr

EU-Jugendarbeitslosigkeit

„Frau Merkel, wären Sie doch auch 25 und Griechin“

VonStefan Kaufmann, Sabine Bernard

Neue Runde im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit: In Berlin spricht Kanzlerin Merkel mit Staatschefs über Finanzspritzen, Jobgarantie, Mobilität. Bei uns erzählen sechs junge Europäer, was sie für entscheidend halten.

Die Autorinnen: Sie kommen aus sechs unterschiedlichen Ländern.

Die Autorinnen: Sie kommen aus sechs unterschiedlichen Ländern.

DüsseldorfDer Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Europa wird heute zur Chefsache. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) empfängt Regierungschefs und Minister aus 20 Ländern, um darüber zu sprechen, wie sich sechs Milliarden Euro an EU-Mitteln sinnvoll ausgeben lassen. Frankreichs Staatschef François Hollande wird kommen. Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Gipfelchef Herman Van Rompuy und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) wollen neben der Kanzlerin sitzen. Dazu gesellen sich die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite als amtierende Ratsvorsitzende sowie die EU-Arbeitsminister.

Am Vormittag sprechen zunächst die Chefs der nationalen Arbeitsagenturen miteinander. Dabei geht es zum Beispiel um eine Garantie, die junge Menschen ohne Arbeits- oder Ausbildungsplatz schnell in Beschäftigung bringen soll. Danach beraten die Arbeitsminister darüber, welche nationalen Maßnahmen mit EU-Geld verstärkt werden könnten. Ziel sei der Austausch konkreter Erfahrungen, hieß es in Regierungskreisen.

Jede Menge praktische Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit, Jobsorgen und Selbstzweifeln haben in Europa viele junge Erwachsene. Derzeit gibt es fast sechs Millionen Jugendliche ohne Beschäftigung. Besonders betroffen sind Krisenländer wie Griechenland und Spanien, wo mehr als jeder zweite junge Mensch im Alter unter 25 Jahren ohne Job ist. Dagegen liegt die Quote in Deutschland bei rund acht Prozent.

Der EU-Werkzeugkasten für Jobs - und seine Probleme

Jugendgarantie

Der EU-Gipfel soll das von der EU-Kommission vorgeschlagene Prinzip einer "Jugendgarantie" absegnen. Damit soll Arbeitslosen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten ein Job, eine Ausbildung oder einen Praktikumsplatz vermittelt werden. Vorbild sind Modelle in Österreich und Finnland. Finanziert werden soll dies unter anderem durch eine Umwidmung von EU-Strukturfondsmitteln oder über die sechs Milliarden Euro im EU-Etat ab 2014 für den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit.

Das Problem: Solche Garantien funktionieren in Länder mit geringer Arbeitslosigkeit. Ansonsten besteht die Gefahr, dass mit Steuergeld neue staatliche Strukturen aufgebaut werden, die Jugendliche für eine gewisse Zeit in eine Schulung packen und aus der Statistik entfernen - ohne ihre Jobchancen anschließend entscheidend zu verbessern.

Ausbau der dualen Ausbildung

Mehrere EU-Staaten wollen die duale Ausbildung nach deutschem Muster aufbauen. Auch dies soll mit EU-Geld gefördert werden. Der Vorteil liegt darin, dass Jugendliche nicht an den Bedürfnissen des Marktes vorbei geschult werden. Das Problem: Es gibt in Ländern wie Griechenland oder Portugal nicht so viele Unternehmen wie in Deutschland, die überhaupt ausbilden können - das ist aber eine entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche duale Ausbildung. "Es ist eine absolute Illusion, dass man das Problem mit ein paar Milliarden Euro lösen kann", meint IZA-Direktor Zimmermann.

Mobilität

Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass der EU-Binnenmarkt auf dem Arbeitsmarkt vollendet wird: Arbeitslose sollen wie in den Nationalstaaten auch in der EU dorthin kommen, wo tatsächlich Bedarf an Arbeitskräften herrscht. Dafür müssten überall die Hürden für eine grenzüberschreitende Ausbildung oder Arbeitsaufnahme fallen. Die EU steht dort erst am Anfang. In diesem Bereich soll etwa die Internetplattform Eures mit europaweiten Jobangeboten ausgebaut werden. Nach Meinung Zimmermanns täuschen die Berichte über erste spanische oder griechische Jugendliche, die nach Deutschland kommen. "Die eigentliche Dramatik liegt darin, dass die Zahlen nicht dramatisch sind", sagte er.

Billigere Kredite

Einig sind sich die EU-Staaten, dass ein Schlüssel für mehr Jobs nicht in der direkten Arbeitsmarktpolitik, sondern der besseren Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen liegt. Gerade in den südlichen Euro-Ländern müssen selbst solvente Firmen wegen des angeschlagenen Bankensystems derzeit viel höhere Kreditzinsen zahlen als etwa in Deutschland oder Frankreich. Deutschland hilft etwa Spanien mit einem Kredit an die dortige Förderbank. Die EU-Kommission und die EIB wollen in den kommenden sieben Jahren bis zu 100 Milliarden Euro an Krediten mobilisieren, indem sie Garantien über den EU-Etat mit Krediten der EIB bündeln. Als entscheidend gilt aber auch die Vollendung der Bankenunion, weil nur dann wieder Vertrauen in den Bankensektor entstehen und diese ihre normale Finanzierungstätigkeit wieder aufnehmen könne.

Als Sprungbrett in den Job wird häufig das deutsche duale Ausbildungssystem gepriesen, bei dem der Einstieg in den Job schon an der Schule beginnt. Doch könne dies nur funktionieren, wenn es „von beiden Seiten gewollt wird“, sagt ein Regierungsvertreter – also von den Unternehmen auf der einen und den Sozialpartnern auf der anderen Seite. Österreich gelte als Beispiel für erfolgreiche Qualifizierungsmaßnahmen nach der Schule. Finnland wiederum habe es geschafft, seine jungen Menschen durch Verbesserungen im Schulsystem fitter für den Jobeinstieg zu machen. „Die praktische Erfahrung für den Beruf ist bei spanischen Jugendlichen gemessen an anderen viel schlechter“, lautet die Kritik an die Adresse Madrids.

„Die Wahrheit ist, dass wir unsere talentiertesten Bewerber ,exportieren’ müssen, weil unsere Wirtschaft nicht darauf vorbereitet ist, von ihnen zu profitieren“, sagt die Spanierin Estefanía Almenta López. Die 29-Jährige ist ist Mitglied im FutureLab Europe, einem Programm, das besonders engagierten jungen Europäern eine Stimme in der Debatte über Europas Zukunft gibt. Dort trifft sie auf Altersgenossen wie die Griechin Theodora Matziropoulou, die Deutsche Lotta Schneidemesser oder Noora Lampinenn aus Finnland. Für Handelsblatt Online haben sechs junge Europäer aus sechs verschiedenen Ländern ihre Sorgen und Wünsche aufgeschrieben und festgehalten, was sie von Angela Merkel und Co. fordern.

Kommentare (115)

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Account gelöscht!

03.07.2013, 07:10 Uhr


Hochkorrupte Politikerkasten in besagten Krisenländern verursachten die jetzt kaum zu beherrschende Jugendarbeitslosigkeit. Zwischen 2001 und 2010 interessierte diese aber kaum einen der jetztigen Klageweiber in Grosseuropa.

Andalusische Granden beschäftigen weiterhin Billiglöhner, Flüchtlinge, missbrauchen Arbeitskräfte, reiten stolz wie in alten Herrschaftszeiten von dannen.

Für Krisen ist Madrid/Brüssel zuständig. Her mit dem Beschäftigungsgeld, da lässt sich ohne Kontrolle was machen....

Griechenland freut sich ebenso auf das schnelle Geld.
Oligarchen dieser EU Welt, füllt die Taschen.
Dummpaddels schmerzt das Gewissen, Wahltermine stehen an.

Account gelöscht!

03.07.2013, 07:26 Uhr

Juhuuu die Jugend Europas wird jetzt endlich merkeln,dass man wer sie denkt.Schräuble hat auch schon seinen Job-Zauberhut ausgepackt.Jetzt passiert es! Jetzt kommen sie,die Jobs.Endlich!Meine Ängste sind wie weggefegt.
Ähh... ab unter den Teppich damit!

Rene

03.07.2013, 07:39 Uhr

Als ob Frau Merkel im Speziellen oder wir Deutschen im Allgemeinen für die Misswirtschaft in Griechenland und Co. verantwortlich sind. Selbst nach so vielen Jahren sind den Leuten Ursachen und Gründe der Misere nicht bewusst. Es ist so einfach, die Schuld bei "den Anderen" zu suchen...

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