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25.07.2012

16:31 Uhr

EU-Justizkommissarin

Banker sollten „Bankster“ heißen

Die Banken ernten nach den Libor-Zinsmanipulationen harsche Kritik aus Brüssel. Justizkommissarin Viviane Reding spricht hämisch von „Bankstern“, denen in Zukunft eine strafrechtliche Verfolgung drohen solle.

EU-Kommissarin Viviane Reding während einer Pressekonferenz in Brüssel. AFP

EU-Kommissarin Viviane Reding während einer Pressekonferenz in Brüssel.

BrüsselDie EU zieht Konsequenzen aus dem Skandal um Manipulationen wichtiger Marktzinsen durch Banken. Tricksereien mit Marktbarometern wie dem Libor sollen in der Europäischen Union künftig generell strafrechtlich verfolgt werden.

Die EU-Kommission schlug deshalb vor, Benchmarks für Zinsen und Rohstoffe in den vorliegenden Gesetzentwurf zu Strafen gegen Marktmissbrauch aufzunehmen. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier kündigte am Mittwoch in Brüssel außerdem an, zu prüfen, ob die Berechnung der einflussreichen Messlatten für die Zinsen gesetzlich geregelt werden muss.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Die EU-Kommission überschüttete die Banken mit Kritik. Barnier warf den Verantwortlichen vor, bar jeder Moral ihren Kunden geschadet zu haben. „Solches Verhalten muss bestraft werden - ohne Pardon", sagte er. EU-Justizkommissarin Viviane Reding kritisierte die Branche scharf: „Banken sollten sich nicht länger wie Kasinos verhalten können." Sie warf der britischen Notenbank vor, nicht früher auf Forderungen nach einer Änderung des Verfahrens reagiert zu haben.

Mehr als ein Dutzend Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank, hat jahrelang den Londoner Marktzins Libor durch falsche Angaben zum eigenen Vorteil verzerrt. Auch das Pendant in der Euro-Zone, der Euribor, ist nach Erkenntnissen der Kommission wahrscheinlich manipuliert worden.

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Der Libor wird einmal täglich in London ermittelt und beruht auf den von Banken gemeldeten Schätzungen zu ihren Refinanzierungskosten. Er ist Basis für weltweite Finanztransaktionen wie Hypotheken und Derivate im Volumen von mehr als 500 Billionen Dollar. Auch die Zinsen von Verbraucherkrediten hängen davon ab.

In den USA und in Europa ermitteln Strafverfolgungsbehörden bereits. Die britische Finanzaufsicht FSA konnte nur mit Hilfe einer anderen Behörde die Barclays Bank mit einer Geldbuße von 453 Milliarden Dollar bestrafen. Wäre die EU-Gesetzgebung schon inkraft, hätte die Finanzaufsicht leichter handeln können.

Kommentare (19)

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sons_of_liberty

25.07.2012, 17:08 Uhr

Warum räumt die EU dann nicht mit den wirklichen Steueroasen auf?
Achnee, die Kanalinseln gehören leider nicht zur EU sondern direkt der britischen Krone welche auch noch Steuergelder zur Unterstützung erhält.

r-tiroch@t-online.de

25.07.2012, 17:14 Uhr

zu den Bankstern gehören auch die verlogenen Politiker die nicht müde werden zu betonen, dass sie sich mit der sinnlosen Dauerretterei auf dem richtigen Weg sehen.

Ohweiohweiohwei

25.07.2012, 17:17 Uhr

Alles richtig. Aktienkurse und Edelmetallpreise werden auch von Großbanken manipuliert. Wenn das an das Tageslicht kommt gehen die Aktien in den tiefen Keller (Dax 3000-4000 Punkte) und Gold ist innerhalb von 3 Tagen ausverkauft.

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