Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.12.2014

13:34 Uhr

EU plant schnelle Entstehung

Kroatien baut Flüssiggas-Terminal im Eiltempo

Die Gasleitung South Stream ist tot. Es lebe das neue Gas-Projekt in Kroatien! Die EU will mit einem Terminal für Flüssiggas an der nördlichen Adria unabhängiger von Russland werden. Wie geht das?

US-Vizepräsident Joe Biden unterstützt die mögliche Entstehung eines Terminals für Flüssiggas auf der kroatischen Insel Krk. Reuters

US-Vizepräsident Joe Biden unterstützt die mögliche Entstehung eines Terminals für Flüssiggas auf der kroatischen Insel Krk.

ZagrebDas Projekt geht zurück auf die 80er Jahre, doch erst die Ukrainekrise hat es zu einem Lieblingsplan der EU und der USA gemacht: Auf der nordkroatischen Adriainsel Krk soll im Eiltempo ein Terminal für Flüssiggas entstehen (Liquefied Natural Gas – LNG). Im großen Stil wird der wertvolle Stoff mit Schiffen angelandet und weiter nach Norden und Osten verteilt. Sechs Milliarden Kubikmeter sollen so jährlich durchgeleitet werden. Eine Verdoppelung der Kapazität bei entsprechender Nachfrage wird mitgeplant.

„Kroatien hat das Potenzial, ein regionaler Energie-Hub zu werden“, hatte US-Vizepräsident Joe Biden erst vor zwei Wochen in Istanbul erneut das Krk-Vorhaben unterstützt. Die kroatischen Medien bejubeln ihr Land schon als „neues Norwegen“. Denn neben diesem Projekt soll bald auch aus der Adria Öl gefördert werden. Nachdem auch die EU das Projekt im Mai auf ihre Prioritätenliste gesetzt hatte, kann jetzt alles schnell gehen. Die EU zahlt mit fünf Millionen Euro die Hälfte der Vorplanungen. Studien zur Machbarkeit und Umweltverträglichkeit sind positiv abgeschlossen, heißt es aus der staatlichen Gesellschaft LNG-Hrvatska (Kroatien).

Anfang des nächsten Jahres können interessierte Firmen aus der ganzen Welt anmelden, ob sie in welchem Umfang an der Nutzung des neuen Terminals interessiert sind. Dann folgt die Sicherung der Finanzierung. Der Energieknoten auf Krk soll 630 Millionen Euro kosten, der Neu- und Ausbau von Pipelines bis zu 750 Millionen. Wirtschaftsminister Ivan Vrdoljak erwartet, dass die EU die Hälfte und sein Land ein Viertel der Kosten übernimmt. Sein Argument: Kroatien braucht das Projekt nicht, die EU aber schon. Das letzte Viertel der Investition soll von internationalen Banken oder strategischen Finanzpartnern gesichert werden.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

Von Krk wird das Gas in vier Hauptrichtungen gepumpt: Nach Norditalien und über Slowenien ins österreichische Baumgarten. Der dritte Strang führt nach Ungarn. Von dort können Tschechien, die Slowakei und sogar die Ukraine erreicht werden. Schließlich soll eine Pipeline entlang der Adriaküste nach Montenegro und Albanien im Süden führen. Ein Großteil der Leitungen besteht bereits. Sie müssen allerdings ausgebaut werden. Mitte 2016 soll der Grundstein auf Krk gelegt werden, Ende 2019 der Betrieb aufgenommen werden.

„Bisher hatten die wichtigsten Gasleitungen in Europa nur eine Richtung: Von Ost nach West“, erläutern Experten von LNG Hrvatska die Besonderheit des mit Hochdruck geplanten Energieprojekts. Durch den Zusammenschluss der nationalen Leitungsnetze der EU-Mitglieder in der Region sollen alle Transportwege in Zukunft in beide Richtungen nutzbar sein. Damit könnte bei Energieverknappung eine bessere Versorgung aller EU-Mitglieder gesichert werden. Wenn das gesamte Netzwerk eines Tages steht, wäre die kroatische LNG-Station mit dem Gegenstück im polnischen Swinemünde an der Ostsee verbunden. So entstünde eine Nord-Süd-Energietransversale weitgehend ohne russisches Gas.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×