Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.11.2011

18:27 Uhr

EU-Regeln

Ratingagenturen können aufatmen

Die Ratingagenturen sollten in der EU an die Leine genommen werden. Doch das wird nun nicht eintreten. Denn Binnenmarktkommissar Barnier kann sich mit seinen ehrgeizigen Plänen nicht durchsetzen. Brüssel rudert zurück.

Der französische EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Reuters

Der französische EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier.

Strassburg/Brüssel/DüsseldorfAm Ende hat Michel Barnier seine Schlacht um strenge Regeln für die Ratingagenturen verloren. Zunächst übte sich EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier noch in harscher Kritik. „Ratingagenturen haben in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht,“ sagte der Franzose im Europaparlament. Dafür müssen die Agenturen haftbar gemacht werden. Investoren, die durch fehlerhafte Ratings Geld verloren haben, sollten gegen die Agenturen vor Gericht ziehen können. „Ratings haben einen direkten Einfluss auf die Märkte und die Wirtschaft und deshalb auch auf den Wohlstand europäischer Bürger“, sagte der Franzose.

Doch nun hat die EU-Kommission ihre Gesetzesvorschläge zur Regulierung der umstrittenen Ratingagenturen in letzter Minute entschärft. Bei der Verkündung der konkreten Vorschläge, mit denen die Kommission die Macht der großen US-Ratingagenturen in der Eurokrise begrenzen will, wurde Barnier kleinlaut. „Wir brauchen mehr Zeit“, sagte der Franzose. Es habe in der Kommission eine längere Debatte über seine Vorschläge gegeben - und am Ende wurde seine lange Liste an Maßnahmen empfindlich gekürzt. „Es war vielleicht ein bisschen zu innovativ“, räumte Barnier ein und versuchte zu retten, was nicht mehr zu retten ist: „Der wichtigste Teil meiner Vorschläge wurde angenommen.“ EU-Staaten und Europaparlament müssen den Vorschlägen noch zustimmen - das dürfte nicht vor Ende kommenden Jahres der Fall sein.

Dabei hatte gerade die jüngste Panne der Ratingagentur Standard & Poor's den Druck auf die Branche noch einmal deutlich erhöht. S&P hatte irrtümlicherweise eine Mitteilung über die angebliche Herabstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs verschickt und damit für Unruhe an den Märkten gesorgt. Frankreich hat bisher eine Einsernote. Barnier brandmarkte die Panne als einen „schwerwiegenden Vorfall“. Er will klären, ob Ratingagenturen ausgewählte Marktteilnehmer vor anderen informieren. „Ich werde mir das genau anschauen.“

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Das ändert indes nichts daran, dass der Kommissar schon vorab auf den Vorschlag verzichten musste, die Veröffentlichung neuer Noten von Staatsanleihen „in außergewöhnlichen Situationen“ ganz zu verbieten. Barnier hielt dies für nötig, wenn „die Stabilität des ganzen Finanzsystems oder Teilen davon unmittelbar bedroht ist“, heißt es zunächst in seinem Entwurf. Doch andere Kommissare warnten: Ein Publikationsverbot könne das Gegenteil des erwünschten Effekts haben und Panik am Markt auslösen.

Alternativ schlug Barnier vor, die Benotung der Euro-Staaten zu verbieten, die Kredite von der Euro-Zone und vom IWF erhalten. Das betrifft derzeit Griechenland, Portugal und Irland. Doch auch damit konnte er sich nicht durchsetzen.

Damit beschränkt sich der EU-Vorstoß auf eine Reihe von Vorschlägen, mit denen die europäischen Länder, Finanzmärkte und Unternehmen unabhängiger von den Bonitätsprüfern gemacht werden sollen. Die
neuen Regeln sollen die Abhängigkeit von den Ratings reduzieren, den Wettbewerb erhöhen und die Transparenz verbessern.

Standard & Poor’s:  War Frankreichs Herabstufung ein Test und kein Fehler?

Standard & Poor’s

War Frankreichs Herabstufung ein Test und kein Fehler?

Standard & Poor’s erklärt die irrtümliche Herabstufung Frankreichs mit einem Computerfehler. Doch einzelne Analysten argwöhnen, dass die Agentur die Marktreaktion testen wollte. S&P bleibt Antworten schuldig.

Unter anderem soll die Aufsichtsbehörde ESMA Standards für eine einheitliche Ratingskala erarbeiten, damit die Urteile vergleichbar werden. „Gefälligkeitsratings“ soll es nicht mehr geben: Bislang war es so, dass Ratingagenturen von den Unternehmen, die sie bewerten, ihr Geld bekommen - ein großer Interessenkonflikt. Künftig soll ein Auftraggeber eine Ratingagentur nur noch maximal drei Jahre in Folge beauftragen dürfen. Für Staaten gilt dies nicht. Die Unternehmen müssen auch ihre Preispolitik offenlegen.

Insgesamt zielen Barniers Pläne darauf ab, die Vormachtstellung der drei großen Marktführer aus den USA zu brechen. Moody's, Standard & Poor's und Fitch Ratings müssen danach kleineren Konkurrenten Platz machen. Es ist bereits Barniers dritte Verordnung für die Branche seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008.

Standard & Poor's warnte in einer Stellungnahme davor, durch neue Regeln, die nicht im Einklang mit anderen Regulierungsrahmen stünden, Ratings als global einheitlichen Maßstab für Kreditwürdigkeit zu beschädigen. Dadurch würde der Zugang der europäischen Unternehmen zu Finanzierungsmöglichkeiten an den Anleihemärkten behindert, während die Kreditvergabe von Banken in Europa immer mehr eingeschränkt werde. Die Ratingagentur unterstütze aber mehr Wettbewerb.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

dumbo

15.11.2011, 18:38 Uhr

aufatmen?
können?

weshalb?

Account gelöscht!

15.11.2011, 18:39 Uhr

Das könnte sich auch auf Grund der jüngsten CDU-Parteitagsbeschlüsse, von denen ich annehme, daß sie maßgeblich von der Frau Merkel mit initialisiert wurden, inzwischen VOLLKOMMEN erübrigt haben! Zieht man die logische Linie von den Beschlüssen zur prekären Lage der betroffenen EURO-Länder, stehen wir vor einer Austrittswelle aus der Gemeinschaftswährung!

mitwuerger

15.11.2011, 19:12 Uhr

die schröder-administration hatte das alles schon sehr fein vorbereitet.
Und wenn diese Steinkrücke da auch noch auf "feiner Herr" machen möchten sollte: dann gibts echt was auf die fresse.

Volle Kanne.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×