Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.07.2014

10:14 Uhr

EU-Sanktionen gegen Russland

Die Furcht vor dem Bumerang-Effekt

Die EU will den Druck auf Russland durch weitere Sanktionen erhöhen. Welche genau? Darüber wird gestritten. Denn unter Strafaktionen leiden auch die EU-Staaten selbst. Nur eben nicht alle gleich stark. Ein Überblick.

Neue Sanktionen

Knickt Russland ein?

Neue Sanktionen: Knickt Russland ein?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

London/Mailand/Paris/WienAm Dienstag kommen die EU-Botschafter in Brüssel zusammen, um sich auf neue Sanktionen gegen Russland zu einigen – die Stufe drei im Portfolio der Druckmittel. Dieses Mal soll es nicht nur einzelne Personen treffen, dieses Mal geht es um Waffen- und Finanzsanktionen. Doch die findet nicht jedes Land gleich gut. Denn die Länder sind unterschiedlich eng mit Russland verbandelt.

Deutschland zum Beispiel gibt sich relativ gelassen. Die anstehenden Wirtschaftssanktionen dürften die deutsche Rüstungsindustrie nach Angaben ihres Branchenverbandes kaum treffen. Doch wie sehen das die Nachbarn? Was die Strafmaßnahmen für Frankreich, Großbritannien, Österreich und Italien bedeuten würden, analysieren die Korrespondenten von Handelsblatt Online.

Frankreich

Frankreich gehört mit Deutschland zu den treibenden Kräften, die sich in der EU um eine diplomatische Lösung des Ukraine-Konfliktes bemühen. Doch seit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier auf härtere Sanktionen drängt und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel die Waffenexporte Frankreichs offen kritisiert, lockert sich die Kooperation.

Frankreich ist der zweitgrößte ausländische Investor in Russland, wenn man die Reinvestitionen von Russen, die sich aus Steuer- oder Sicherheitsgründen im Ausland angesiedelt haben, abzieht. Dies und die beabsichtigte Lieferung von zwei Hubschrauberträger- und Kommandoschiffen an Russland ist der wichtigste Grund dafür, dass Paris bei weiteren wirtschaftlichen Strafmaßnahmen Zurückhaltung predigt.

Staatspräsident François Hollande ist fest entschlossen, trotz der Kritik aus den USA, Großbritannien und nun auch Deutschland das 200 Meter lange Kriegsschiff der Mistral-Klasse, das fix und fertig in Saint Nazaire vor Anker liegt und auf dem derzeit 400 russische Soldaten geschult werden, im Oktober auszuliefern. Das Geschäft ist gut eine Milliarde Euro wert. Ein zweites Schiff soll 2015 folgen, außerdem hat Russland eine Option auf zwei weitere Schiffe. Kritik daran hat der Chef der Sozialisten Cambadélis als „falsche Debatte, die von falschen Fünfzigern geführt wird“, schroff zurückgewiesen.

Würde Hollande nun vom 2008 von seinem Vorgänger Nicolas Sarkozy abgeschlossenen Vertrag zurücktreten, müsste er die millionenschwere russische Anzahlung erstatten und wahrscheinlich eine zusätzliche Entschädigung leisten. Außerdem würde auf der halbstaatlichen Werft STX, die im Auftrag der staatlichen Rüstungsschmiede DCNS die Schiffe baut, wieder die Angst vor Arbeitsplatzverlust zunehmen.

Die allein für Landungsoperationen, also offensive Aktionen gedachten Schiffe sind nicht das einzige wirtschaftliche Interesse Frankreichs in den Beziehungen mit Russland. Der Erdöl- und Gasmulti Total hat enge Kontakte zu Russland und dort erst vor kurzem ein neues Großprojekt auf die Beine gestellt. Russland ist eines der wichtigsten Gasförderländer für Total. Gut ein Sechstel der Gesamtmenge bezieht der Multi aus der russischen Föderation.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Danone ist ein anderer Großkonzern, für den Russland ein wichtiger Wirtschaftspartner ist. Im Laufe der vergangenen Jahre ist Russland der wichtigste Absatzmarkt für den Hersteller von Mineralwasser und Milchprodukten geworden. Da die traditionell für Danone bedeutsamen südeuropäischen Märkte krisenbedingt schwächeln und in China aufgrund des Fehlers eines Lieferanten ein schmerzhafter Rückschlag eingetreten ist, hat Russland eher noch an Bedeutung dazu gewonnen.

Schließlich darf man die russischen Investments von Peugeot Citroen und von Renault nicht vergessen. Die Unternehmen haben viel Geld in ihre dortigen Fabriken gesteckt, die erst mühsam modernisiert werden müssen. Da beide Konzerne bereits im Iran aufgrund der Sanktionen einen schweren Einbruch erlitten haben, sind sie alles andere als erpicht darauf, dieses Szenario in Russland zu wiederholen.

Die Großbank Société Générale zu guter Letzt ist das Geldhaus mit einem der höchsten privaten Engagements in Russland. Ihr gehört Rosbank, die größte private Bank des Landes. Soc Gen hatte gehofft, vom Aufschwung des Landes profitieren zu können. Doch nun geht es rückwärts. Im ersten Quartal sank der Gewinn aufgrund einer Abschreibung auf den Goodwill, der beim Erwerb der Rosbank gezahlt wurde. In dieser Woche wird Soc Gen die Zahlen für das zweite Quartal bekannt geben. Die Lage dürfte sich kaum gebessert haben. Auf 17 Milliarden Euro beziffert die französische Bank das Kreditrisiko in Russland.

Kommentare (29)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Fritz Yoski

29.07.2014, 10:52 Uhr

Oekonomisch wird dies sehr weitreichende Konsequenzen fuer die EU haben. Bleibt nur zu hoffen das Russland sein Gas/Oel nach China verkauft und Deutschland ein kalter Winter bevorsteht damit sich die Grossmachtsphantasien und die Propaganda wieder ein wenig abkuehlen.
Die schwaechelnde EU-Wirtschaft wird somit wieder in die Rezession, samt Eurokrise, abgleiten.
China wird der Nutzniesser sein weil Putin seine Rohstoffe unter Marktwert nach China verkaufen muss. Ja, wenn zwei sich streiten ist China der Dritte.

Herr Lord DraCool

29.07.2014, 11:03 Uhr

Sanktionen gegen die USA, ich habe lange nicht so gelacht... Lügen aus Kiev und Washington, ich nehme an, Russland unterrr H. Putyn ist sooo offen und ehrlich oder? Komm schon Mann, es gibt Grenzen für Wahnsinn. Oder zumindest soll es geben.
Noch eins: "Faschisten". Das ist das Wort das hier fehlt. "Faschisten aus Kiev". Das wolltest Du doch sagen oder?

Herr C. Falk

29.07.2014, 11:03 Uhr

Es wird wohl zu einer "strategischen Partnerschaft" Russland/China kommen, auch millitärpolitisch.

China beobachtet sehr genau, wie mit Russland umgesprungen wird. Wenn der Westblock auf die Idee kommt, China einer ähnlichen "Behandlung" zu unterziehen wie Russland, was in einer mittel-und längerfristigen Perspektive nicht auszuschließen ist, wird das "Reich der Mitte" seine strategischen Vorbereitungen treffen und zwar sehr bald.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×