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08.12.2014

15:16 Uhr

EU sucht neue Gas-Quellen

„Die Risiken verschieben sich nur“

VonStefan Kaufmann

ExklusivAserbaidschan, Iran, Nordirak oder Algerien? Woher soll das Gas nach dem Aus der South-Stream-Pipeline kommen? Die EU sondiert den Markt und wartet auf kaspisches Gas. Energieexperten raten dagegen zu einem anderen Deal.

Die South-Stream-Pipeline bis nach Italien ist Geschichte – jetzt sollen die Leitungen Richtung Türkei verlegt werden. dpa

Die South-Stream-Pipeline bis nach Italien ist Geschichte – jetzt sollen die Leitungen Richtung Türkei verlegt werden.

DüsseldorfDie Drohung aus Moskau ist in Brüssel angekommen: Wenn ihr unsere South-Stream-Pläne boykottiert, dann liefern wir unser Gas eben in die Türkei. So hat Kremlchef Wladimir Putin das Aus für die Gas-Pipeline durch Südosteuropa kommentiert. Die Konsequenzen formulierte Gazprom-Chef Alexej Miller: Die EU sehe sich künftig einem neuen mächtigen Transitland Türkei gegenüber, sagte er. Als strategischer Partner Russlands werde die Türkei künftig in Europa 50 Milliarden Kubikmeter Gas verteilen können. Dieses „Gasventil“ könne das Land im geopolitischen Machtpoker mit der EU einsetzen.

Die EU-Kommission wirft Russland dagegen vor, das Aus für die Pipeline provoziert zu haben. Moskau sei nicht willens gewesen, sich an die europäischen Spielregeln zu halten, sagte der für die Energieunion zuständige Kommissions-Vizepräsident, Maros Sefcovic, im Handelsblatt-Interview. Und weiter: „Für Europa hat Versorgungssicherheit oberste Priorität. Und dabei geht es natürlich nicht nur um neue Lieferwege für russisches Gas, wie es South Stream wäre, sondern vor allem um neue Bezugsquellen.“

Die internationale Gasleitung South Stream

Länge

Die Erdgasleitung South Stream bildet eine Gesamtlänge von 2380 Kilometern.

Unter Wasser

Das Herzstück ist ein 925 Kilometer langer Abschnitt im Schwarzen Meer durch russische, türkische und bulgarische Hoheitsgewässer.

Über Land

Vom bulgarischen Anlandepunkt in der Hafenstadt Warna sollte eine 1455 Kilometer lange Landleitung durch Serbien, Ungarn und Slowenien bis nach Norditalien führen.

Vom schwarzen Meer bis Italien

South Stream soll nach den bisherigen Plänen die russische Stadt Anapa am Schwarzen Meer mit dem italienischen Grenzort Tarvisio verbinden. Sie würde es ermöglichen, russisches Gas am Krisenland Ukraine vorbei nach Europa zu transportieren.

Haushalte

Bisherige russische Pläne gingen davon aus, dass durch die Leitung von 2019 an bis zu 38 Millionen Haushalte versorgt werden könnten.

Kosten

Die Kosten für das Vorhaben werden auf 16 Milliarden Euro geschätzt.

Gazprom und Eni

An der Firma South Stream Transport, die ihren Sitz in den Niederlanden hat, sind der russische Gasmonopolist Gazprom mit 50 Prozent und der teilstaatliche italienische Energieversorger Eni mit 20 Prozent beteiligt.

Wintershall und EDF

Die BASF-Tochter Wintershall und der mehrheitlich staatliche französische Energiekonzern EDF halten je 15 Prozent.

Die neuen Quellen liegen beispielsweise in Aserbaidschan. Durch die TAP-Leitungen (Trans-Adria-Pipeline) soll spätestens ab 2019 Gas aus der Kaspischen Region über die Türkei nach Europa gelangen. Laut Sefcovic steht der Zeitplan, es gehe gut voran. „Alle Beteiligten hätten nur finanzielle Nachteile, wenn sich die Inbetriebnahme nachhaltig verzögern würde. Das hat das Konsortium bestätigt. Und auch der politische Wille ist auf allen Seiten groß, das Projekt zu einem Erfolg zu machen.“

Der Haken: Auch bei TAP führen die Leitungen durch die Türkei. Das europäische Konsortium übernimmt die Kontrolle der Pipeline erst, wenn das Gas die europäische Türkei erreicht. Außerdem führt bereits die Blue-Stream-Pipeline russisches Erdgas durch das Schwarze Meer in die Türkei. Sie ist für den Transport von 19 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr ausgelegt.

Und Russlands Strategiewechsel stärkt die Drehscheibe weiter. Zwar habe Russland für South Stream bereits vier Milliarden Euro auf seinem eigenen Gebiet in den Leitungsbau investiert, sagt Gazprom-Chef Miller. Allerdings würden diese Kapazitäten künftig für die Lieferungen in die Türkei genutzt. Die bestellten Leitungsrohre würden ebenfalls – wie für South Stream geplant – durch das Schwarze Meer verlegt, sagte Miller. Möglicherweise parallel zu den Blue-Stream-Leitungen. Anlandepunkt ist in jedem Fall die Türkei und nicht das EU-Mitgliedsland Bulgarien.

Der russische Konzern Gazprom teilte am Montag mit, es werde eigens eine neue Firma zum Bau einer Rohrleitung in die Türkei gegründet. Das neue Unternehmen firmiert unter dem Namen Gazprom Russkaya und wird seinen Sitz in St. Petersburg haben.

„Der Strategiewechsel in der russischen Energiepolitik macht die EU wie auch Russland selbst zu Verlierern“, sagt Kirsten Westphal, Energieexpertin und Politikwissenschaftlerin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). „Sie haben sich ein sehr schwieriges Transitland eingekauft – die Türkei ist kein einfacher Partner und hat zugleich selbst einen hohen Energiebedarf.“

Kommentare (15)

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Account gelöscht!

08.12.2014, 15:38 Uhr

Die Kernkraft hat uns davor beschützt zu einseitig von einen Energieträger abhängig zu sein.
Mit dem POLITISCHEN Kernkraftausstieg hat sich unsere Volkswirtschaft zusehends von Gaslieferanten abhängig gemacht. Die Energiewende/EEG wird krachend die die wirtschaftliche und technische Realitätswand fahren und damit keine Basis für unsere Energieversorgung sein...IM GEGENTEIL!
Übrig bleibt dann nur die heimische Braunkohle, die ja auch schon von der Greenpeace Mafia -Grüne und Co.- verteufelt und bekämpft wird.
Der politische Ausstieg aus der sicheren, zuverlässigen und billigen Kernkraft war, ist und bleibt der GRÖßTE FEHHLER unserer Ethik-Energiewende Kanzlerin!

Herr Marko Klose

08.12.2014, 15:46 Uhr

Volle Zustimmung.

Herr Josef Schmidt

08.12.2014, 16:00 Uhr

Gas ist nicht ersetzbar da es Rohstoff für Chemieerzeugnisse aller Art ist wie z.B. Dünger. Ich kenne keine Firma die Dünger aus Atommüll herstellt.

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