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13.02.2015

14:15 Uhr

Euro, Franc und Gummistempel

Frankreich spielte den Euro-Austritt durch

VonThomas Hanke

Unter dem Projekttitel „Black Swan“ ließ die französische Regierung 2011 einen Austritt aus dem Euro durchspielen. Das Ergebnis war keineswegs eine Stärkung der Wirtschaft – sondern ein Horrorszenario.

Frankreich hat 2011 den Austritt aus dem Euro durchspielen lassen. dpa

Frexit

Frankreich hat 2011 den Austritt aus dem Euro durchspielen lassen.

ParisFrankreichs Regierung hat auf dem Höhepunkt der Eurokrise 2011 die Folgen eines Austritts des Landes aus dem Europäischen Währungssystem analysieren lassen. Der damalige Finanzminister Franҫois Baroin macht den Inhalt der Expertise erstmals in einer Politik-Dokumentation öffentlich, die der französische TV-Sender France 5 am kommenden Dienstagabend ausstrahlen wird. Seiner Aussage nach wären die wirtschaftlichen Folgen verheerend und zum Teil unkontrollierbar.

Für die Expertise mit dem Decknamen „Black Swan“ ließ Baroin drei Experten arbeiten, die zu striktem Stillschweigen verpflichtet wurden. „Die Konsequenzen waren eindeutig: eine Abwertung der neuen französischen Währung um 30 Prozent, der Anstieg der staatlichen Verschuldung auf 130 Prozent der Wirtschaftsleistung und ein Kaufkraftverlust der abhängig Beschäftigten zwischen 20 und 30 Prozent.“ sagt Baroin in der Sendung, die das Handelsblatt vorab sehen konnte.

So geht es den großen Vier der Euro-Zone

Deutschland

Konjunkturlokomotive in Europa. Schrammte im vergangenen Sommer noch an einer Rezession vorbei, feiert aber ein Comeback, dank eines kräftigen Wachstums zum Jahresende hin. Wichtigste Säule: Der private Konsum, der von Lohnerhöhungen und den Beschäftigungsrekorden am Arbeitsmarkt gestützt wird.

Frankreich

Die Nummer Zwei der Euro-Zone steckt in einer wirtschaftlichen Lähmung. Kaum Wachstum. Größtes Problem ist die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau. Die Regierung steckt deswegen in der Zwickmühle, denn sie muss massiv sparen, um das ausufernde Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen.

Italien

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone kommt nicht aus dem Tal heraus. Stagnation zum Jahresende 2014, Arbeitslosigkeit auch dort auf Rekordhoch. Hat noch viele Reformen vor sich – wehrt sich aber auch gegen strikte Sparvorgaben der EU.

Spanien

Das einstige Krisenland scheint über den Berg. Die viertgrößte Ökonomie in der Euro-Zone wuchs zum Jahresende so stark wie seit sieben Jahren nicht mehr. Leidet allerdings immer noch unter einer extrem hohen Arbeitslosigkeit.

Interessanterweise würde die Abwertung der Währung nicht zu einem Gewinn an Wettbewerbsfähigkeit führen, wie manche Befürworter eines Euro-Austritts immer wieder behaupten: „Wir kamen zu dem Ergebnis, dass unmittelbar nach dem Austritt im Privatsektor der Wirtschaft eine Million Arbeitsplätze verschwinden würden“, enthüllt Baroin, der heute Senator ist.

Eine weitere Konsequenz wäre „Black Swan“ zufolge der teilweise Zusammenbruch des Bankensystems gewesen, „falls der Staat die Banken nicht nationalisieren würde.“

In der Sendung berichtet Baroin diese recht schockierenden Ergebnisse mit ruhiger Stimme und sagt dann: „Das war der friedliche Teil der Analyse, einen anderen, hässlicheren Teil der Folgen konnten wir nicht durchspielen: Was geschieht auf Finanzmärkten, die für Spekulation anfällig sind, wenn eine für die globalisierte Wirtschaft so wichtige Währung wie der Euro von einem Tag auf den anderen nicht mehr existiert?“

In der Dokumentation mit dem Titel „Und wenn Frankreich aus dem Euro ausscheiden würde?“ kommt auch der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank Ottmar Issing zu Wort. „Niemand weiß, wie eine Bevölkerung auf eine so radikale wirtschaftliche Veränderung reagiert,“ warnt Issing.

Er hält es für eine Illusion, dass ein großes Land wie Frankreich sich mit einer massiven Abwertung seiner Währung Vorteile verschaffen könnte: „Wenn Frankreich mit künstlich verbilligten Produkten etwa auf den deutschen Markt käme, würden die deutschen Unternehmen das nicht tatenlos hinnehmen.“ Dem Ex-Chefvolkswirt würden sie nach Mitteln und Wegen suchen, die neue Konkurrenz abzuwehren. „Frankeich hätte mittelfristig nichts gewonnen“, folgert er.

Kommentare (20)

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Herr Daniel Huber

13.02.2015, 14:38 Uhr

Warum hat es vorher mit Nationalwährungen sehr gut funktioniert? Warum war Europa vor Euroeinführung ein tolles Staatengemisch mit kultureller Vielfalt? Warum konnte man bis 2002 als Deutscher mit der D-Mark gut leben? Warum waren wir trotz harter D-Mark Währung trotzdem Exportweltmeister? Warum kann die Schweiz den harten Franken erhalten, obwohl sie ebenfalls wie Deutschland vom Export lebt? Für mich ist dieser Bericht wieder reine Panikmache. Anscheinend haben einige Bonzen wieder mal zu viel zu verlieren. Der Normalbürger hat beim Euro eh massiv draufbezahlt und wird weiter ausgenommen. Hauptsache der DAX steigt und die Märkte jubeln und der Ausverkauf geht weiter.

Herr Christian Wetzel

13.02.2015, 14:40 Uhr

Wenn eine Abwertung nichts bringt, warum druecken Frankreich und Italien
gegen die Willen Deutschlands den Kurs des Euros ?

Herr Thomas Behrends

13.02.2015, 14:55 Uhr

Erstaunlich, dass ausgerechnet das Land, nämlich Frankreich, welches Deutschland nach 2 verheerenden Weltkriegen mittels der Gemeinschaftswährung in den Griff bekommen wollte, plötzlich selbst aus dem EURO austreten wollte. Aber wahrscheinlich haben da die Chef-Volkswirte und führende Politiker kalte Füße bekommen und die Aktion abgeblasen ...

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