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05.08.2015

15:54 Uhr

Euro-Krise

Die Griechen entdecken das Plastikgeld

VonGerd Höhler

Bisher hieß es in Griechenland: Bargeld lacht. Während die Banken geschlossen waren, wurde das vor allem Rentnern zum Verhängnis. Jetzt entdecken die Hellenen den bargeldlosen Zahlungsverkehr – und finden Gefallen daran.

Die National Bank of Greece und andere bieten ihren Kunden ab sofort Bankkarten an. dpa

Griechische Bankkarte

Die National Bank of Greece und andere bieten ihren Kunden ab sofort Bankkarten an.

FrankfurtOlga Mastoraki steht ungeduldig vor einem Geldautomaten der Eurobank an der Vouliagmenis Avenue im Athener Küstenvorort Glyfada. Eine Kunde ist noch vor ihr dran, dann ist es soweit. Vorsichtig schiebt die 72-jährige Rentnerin ihre neue Bankkarte, die sie gerade in der Filiale abgeholt hat, in den Schlitz. Von einem kleinen Zettel tippt sie die vierstellige Geheimzahl ein. Und nach ein paar Knopfdrucken und Pieptönen gibt der Automat tatsächlich 50 Euro aus. „Geht doch“, sagt die alte Dame zufrieden.

Die Bankenschließungen und die Kapitalkontrollen, die Ende Juni in Griechenland eingeführt wurden, bescheren der Wirtschaft des Landes Woche für Woche Milliardenverluste. Immerhin konnte so das Bankensystem vor dem drohenden Zusammenbruch bewahrt werden. Und noch eine andere positive Nebenwirkung hat der Ausnahmezustand: Die Griechen entdecken Bankkarten als Zahlungsmittel.

Bisher wurden in Hellas die allermeisten Transaktionen in bar abgewickelt. Mit ihren Banknoten stehen die Menschen auf der Post an, um ihre Strom- oder Wasserrechnung zu bezahlen. Auch in den Restaurants und Geschäften wird fast alles mit Scheinen bezahlt. Sogar die Steuern zahlen viele beim Finanzamt in bar. Vor allem viele ältere Menschen hatten bisher gar kein Plastikgeld und keinen Zugang zum Phone- oder Internat-Banking.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

Während der Bankenschließung standen sie buchstäblich mit leeren Händen da. Während Kartenkunden wenigstens am Geldautomaten anstehen konnten, um ihre maximale Tagesration von 60 Euro abzuheben, waren viele Rentner aufgeschmissen.

Sie mussten mitunter viele Stunden vor den wenigen eigens geöffneten Bankfilialen warten, bevor sie einen Teil ihrer Rente ausgezahlt bekamen. „Das war eine furchtbare Erfahrung, die ich nicht noch einmal machen möchte“, stöhnt die Pensionärin Olga Mastoraki. Deshalb hat sie sich jetzt eine Bankkarte besorgt. „Es ging schneller als ich dachte“, freut sich die Frau.

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Die Kapitalkontrollen in Griechenland funktionieren zwar, haben aber starke Nebenwirkungen: Immer mehr Unternehmen flüchten ins Ausland, vor allem nach Bulgarien und Zypern. Der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm.

Griechenlands größtes Geldinstitut, die Piraeus Bank, wirbt jetzt sogar in Radiospots für das Plastikgeld: Kunden, die ein Konto bei der Bank haben, können die neue Karte beantragen und nach kurzer Wartezeit sofort mitnehmen. Die Nachfrage ist enorm: Während die griechischen Banken normalerweise in einem Monat rund 100.000 Karten ausgeben, waren es im Juli dieses Jahres eine Million.

Rund 400.000 neue Karten gab allein die National Bank of Greece aus, die traditionell viele Rentner und ältere Menschen zu ihren Kunden zählt und deshalb den größten Nachholbedarf hat. Auch beim Internetbanking gibt es einen Boom: 150.000 neue Nutzer ließen sich im Juli Zugangsdaten geben, fünfmal so viele wie im Vormonat.

Kommentare (16)

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Herr Peter Spiegel

05.08.2015, 16:11 Uhr

Schöner Artikel, er ruft direkt dazu auf sein Geld von der Bank zu holen.

Herr Marc Otto

05.08.2015, 16:20 Uhr

Wer bunkert sein Geld schon in Deutschland ?

Hier wickelt man, so lange man noch Kleinverdiener ist, seinen täglichen Giro-Verkehr ab. Selbst Sparkasse und Postbank sind gut dafür geeignet. Aber sein Geld, seine Anlagen gehören doch nicht auf deutsche Banken.

Herr aus NRW

05.08.2015, 16:29 Uhr

Wieder ein Artikel pro-bargeldloses-Zahlen. Ist ja auch hygienischer. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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