Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.09.2012

20:10 Uhr

Euro-Krise

Die Not der Spanier

VonAnne Grüttner

Die Krise erreicht die Spanier. Viele sind arbeitslos und können ihre Kredite nicht bedienen. Die Sozialhilfe kann die Not kaum abfangen - sie beträgt in Spanien 450 Euro pro Familie. Zwei Schicksale.

Luz Maria Reyes (rechts) hat 150.000 Euro Schulden beim angeschlagenen Institut Bankia.

Luz Maria Reyes (rechts) hat 150.000 Euro Schulden beim angeschlagenen Institut Bankia.

MadridBankia, immer wieder Bankia. Schon wieder braucht die viertgrößte spanische Bank frische Staatsgelder. Luz Maria Reyes hat dafür nur ein verächtliches Schnauben übrig. Die 52-jährige Frau mit dem breiten Mund und dem praktischen Kurzhaarschnitt weiß genau, warum Bankia Probleme hat. Spaniens Banken waren zu großzügig bei der Vergabe von Hypothekenkrediten. Inzwischen ist die Immobilienblase geplatzt, die internationale Finanzkrise trocknete die Kreditmärkte zusätzlich aus - die spanische Wirtschaft schrumpfte um 3,7 Prozent. Und wegen der hohen Arbeitslosenquote von fast 25 Prozent können viele Spanier ihre Kredite nicht mehr bedienen.

Luz Maria ist gebürtige Ecuadorianerin, eine der vielen, die der Perspektivlosigkeit in ihrem Land entflohen und allein nach Spanien aufbrachen. Das war vor 14 Jahren. Mittlerweile hat Luz Maria die spanische Staatsbürgerschaft - und Schulden in Höhe von rund 150.000 Euro, bei Bankia. Zunächst lief alles gut für die resolute Frau, sie fand einen festen Job als Putzfrau, nachts hütete sie eine ältere Dame, kam auf 2.500 Euro pro Monat. Doch 2005 beging Luz María einen folgenschweren Fehler. Sie kaufte eine kleine Dreizimmerwohnung im Arbeiterviertel Aluche im Süden der Hauptstadt.

Die Bank ließ die bescheidene Behausung auf stolze 196.000 Euro schätzen und bewilligte eine Hypothek über hundert Prozent des Kaufwerts mit einer monatlichen Rückzahlungsrate von 1.350 Euro. Bis 2008 zahlte Luz María brav. Doch ein Jahr später endete der Wirtschaftsboom in Spanien abrupt. Luz Marías Arbeitgeber reduzierte plötzlich ihre Arbeitsstunden und entsprechend den Lohn. Die Rentnerin, die sie nachts gehütet hatte, zog zu allem Übel in ein Altersheim. Luz Marías Einnahmen schrumpften auf knapp 600 Euro pro Monat.

Die stämmige Ecuadorianerin ist eine Kämpfernatur, sie verhandelte mit der Bank, schloss sich der in der Krise geborenen „Plattform gegen Zwangsräumungen“ an, die einen Anwalt bereitstellte. Vergeblich. Dann wurde klar, dass Bankia sich nicht nur bei Luz María verschätzt hatte. Die Bank hatte vor allem auch Bauträger, die in der Krise auf ihren Wohnungsprojekten sitzen blieben und in die Pleite schlitterten, mit großzügigen Krediten unterstützt.

Mitte Mai musste Bankia verstaatlicht werden. Die Risikoprämien auf spanische Staatsanleihen stiegen auf Rekordhöhen, Spanien musste einen EU-Rettungskredit beantragen. Die erste Zwangsräumung bei Luz Maria Ende Mai konnten die Aktivisten der „Plattform gegen Zwangsräumung“ noch verhindern. Sie organisierten eine Demo am Haus, holten die Presse. Das zweite Mal schickte der Gerichtsvollzieher seine Leute im Juli, Luz Maria war allein mit ihrer Tochter und dem zweijährigen Enkel. Es war der Tag nachdem die Minenarbeiter aus dem Norden ihre große Kundgebung in Madrid abgehalten hatten.

„Da waren wir alle bis drei Uhr nachts auf den Beinen, die Aktivisten haben noch geschlafen, als die anrückten“, erzählt Luz Maria, der bei der Erinnerung die Tränen in die Augen schießen. „Nur 20 Minuten haben sie mir gegeben, um meine Wohnung zu räumen.“ Mittlerweile wohnt die Familie in einer kleinen Mietwohnung, die warm 800 Euro kostet. Selbst das ist schon grenzwertig für Luz María und ihre 21-jährige Tochter, die als Verkäuferin in der Supermarktkette Dia 700 Euro pro Monat nach Hause bringt.

Das Schlimmste aber: Mit der Rückgabe der Wohnung ist es nach spanischem Recht nicht getan. Der Hypothekenkreditnehmer muss die Differenz aus dem Versteigerungswert und dem Kreditwert plus die aufgelaufenen Zinsen zurückzahlen. Ein Grund, warum die Spanier ihre Hypothekendarlehen um jeden Preis zu bedienen suchen und die Ausfallraten in diesem Segment erst jetzt, in der zweiten Rezession der Krise, steigen.

Bankia fordert insgesamt 150.000 Euro von Luz María. Nach Definition von Eurostat ist die Ecuadorianerin unter die Armutsgrenze gerutscht - ebenso wie 10,5 Millionen Menschen oder knapp 22 Prozent der spanischen Bevölkerung. „Das ist eine der höchsten Raten in der EU“, weiß Francisco Lorenzo, Leiter der Research-Abteilung der Caritas Spanien.

Kommentare (28)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Engels

04.09.2012, 20:53 Uhr

Die Arbeiterklasse muß erst wieder lernen das Kapitalismus Ausbeutung, Not, Elend und Krieg bedeutet. Es gibt für sie kein Glück in dieser Gesellschaft....

Duden

04.09.2012, 20:58 Uhr

@Engels
Lernen Sie erst mal Deutsch...

Edelzwicker

04.09.2012, 21:03 Uhr

190.000,--€ bei dem schlappen Einkommen. Mir kommen die Tränen, wenn ich sehe, wie viele Spanier in vollkommener Naivität 100%-Finanzierungen für ihre Immobilien gezimmert haben. Ich weiß, dass sie nicht nur 100% aufgenommen haben, nein, sie haben in den meisten Fällen 120 und 130% aufgenommen, damit das schöne neue Auto und die neue Wohnungseinrichtung auch noch bezahlt werden konnten.
Nein, die Spanier sind selber schuld, sie haben gelebt wie im Schlaraffenland, von dem jeder Simpel weiß, dass es nicht existiert!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×