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18.12.2011

23:16 Uhr

Euro-Krise

EZB-Chef Draghi lehnt weitere Staatsanleihenkäufe ab

Mario Draghi macht den Euro-Rettern einen Strich durch die Rechnung: Der EZB-Chef sperrt sich gegen weitere Notenbank-Interventionen und warnt sogar vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone.

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). dapd

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).

Frankfurt / Berlin Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hat ein stärkeres Engagement der EZB in die Bewältigung der Staatsschuldenkrise abgelehnt. „Geldpolitik kann nicht alles machen“, sagte der Italiener in einem am 14. Dezember 2011 geführten Interview mit der „Financial Times“, das am Sonntag auszugsweise veröffentlicht wurde.

Draghi sagte demnach auch, es sei an den Regierungen, mit Haushaltsdisziplin und Strukturreformen die Märkte zu überzeugen. Auch gebe es kein Renditeziel für Anleihen, bei dessen Überschreiten die EZB mit Käufen eingreife. Die EZB müsse sich an die Vorgaben der EU-Verträge halten, die ein Verbot der monetären Staatsfinanzierung enthielten.

Der EZB-Chef warnte vor den Kosten eines Auseinanderbrechens der Eurozone. Den an den Finanzmärkten unter Druck geratenen Euro-Staaten empfahl er, in der Währungsunion zu bleiben. Die wirtschaftlichen Folgen eines Austritts seien noch verheerender als die nötigen Reformen: Länder, die austreten, stünde eine „große Inflation“ bevor und müssten Strukturreformen dennoch angehen, allerdings in einer „viel schwächeren Position“.

Der EZB-Präsident warnte auch davor, allzu große Hoffnungen in die neue Geldspritze zu setzen, die die Währungshüter den Geschäftsbanken geben wollen: Er glaube nicht, dass die Institute mit dem frischen Geld zwingend Anleihen europäischer Staaten kaufen und so deren Notlage verbessern, sagte er unter Bezugnahme auf das in der kommenden Woche anstehende Refinanzierungsgeschäft mit dreijähriger Laufzeit. „Die Banken werden entscheiden, was am besten für sie ist. Eine Erwartung ist, dass sie damit die Realwirtschaft finanzieren, vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen“, sagte er.

Mit seiner Aussage dämpfte Draghi die Hoffnungen der Optimisten an den Finanzmärkten. Sie setzen darauf, dass die Banken das EZB-Geld ab Mittwoch direkt in Staatsanleihen investieren und so helfen, die Euro-Krise abzuschwächen.

Letzte Woche hatte Draghi gesagt, dass ein kurzfristiger Rückgang der Konjunktur in Europa nicht mehr zu verhindern sei. Die Sparmaßnahmen der Regierungen in der Eurokrise würden zunächst das Wachstum belasten und zu einer Schrumpfung führen, sagte Draghi am Donnerstag in Berlin.

Es gebe seiner Ansicht nach keinen Retter für Staaten, die die notwendigen strukturellen Reformen verweigern. „Die erste Antwort muss von den Staaten kommen.“ Das Programm der EZB zum Ankauf von Staatsanleihen sei vom Umfang her und zeitlich begrenzt, sagte er.

Kommentare (22)

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AdamRies

19.12.2011, 02:51 Uhr

Die Überschuldung der Euroländer ist eine Art Konjunkturprogramm für Deutschland gewesen.
Die deutsche Wirtschaft hat sehr stark in diese Länder exportieren können und dadurch an Stärke gewonnen. Leider, wegen des starken Euro, wurden die Gewinne ins Nichteuroausland reinvestiert.
Die jetzige erzwungene Entschuldung der Euroländer bewirkt genau das Gegenteil, wir werden daher bestenfalls eine Stagnation wenn nicht gar Deflation erleben.
Nur ein realistisch bewerteter Euro, um die 1,20,- zum US-Dollar, kann die sich abzeichnende Rezession im Euroraum mildern. Für Konzerne die ihre Gewinne außerhalb des Euroraumes investiert haben, gewiss vom Nachteil.
Wünschenswert und wahrscheinlich, wegen des Eurowechselkurs, wäre auch eine moderate Inflation um das Entschulden des Euroraumes zu erleichtern. Nur wer Bundesanleihen mit sehr niedriger Verzinsung unterzeichnet hat müsste dann, wegen der Inflation, Bauchschmerzen bekommen.

Account gelöscht!

19.12.2011, 04:23 Uhr

Nicht alle Probleme mit Gelddrucken bewältigen zu wollen, klingt ein wenig nach der Rückkehr zu vernünftiger Wirtschaftspolitik.

Eigentlich ist Vernunft aber out.

Account gelöscht!

19.12.2011, 07:55 Uhr

@ AdamRies
Widerspruch! Es ist ein von der Politik verbreitetes Zweck-Märchen, daß D vom Euro profitiert hätte. Tatsächlich ist der Exportanteil in EU-Länder seit längerer Zeit rückläufig zugunsten des asiatischen Anteils. Das ist auch nicht verwunderlich, da der größte Teil der €-Staatsschulden in den Konsum (Wahlgeschenke) und in die lokale Bauindustrie geflossen ist und nicht zum Kauf von Investitionsgütern "made in Germany" verwendet wurde. Wenn nämlich dem so wäre, hätten die PIIGS heute nicht das Problem, in ihrer Wettbewerbsfähigkeit weit, ja zu weit zurückgefallen zu sein. D muß sich vor einem Ende des € am allerwenigsten fürchten.
Im übrigen sind die Aussagen von Sig. Draghi höchst erfreulich.

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