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28.11.2015

08:21 Uhr

Euro-Krise

Griechen in der Armutsfalle

VonGerd Höhler

Die humanitäre Situation in Griechenland scheint noch schlimmer als erwartet: Von den elf Millionen Einwohnern des Dauerkrisenlandes hat nur jeder Dritte ein Erwerbseinkommen – das Land versinkt in einer Armutsspirale.

Mit brennender Pappe schützt sich ein griechischer Mann vor der Kälte. Das Land versinkt in Armut und Hoffnungslosigkeit. dpa

Die pure Armut

Mit brennender Pappe schützt sich ein griechischer Mann vor der Kälte. Das Land versinkt in Armut und Hoffnungslosigkeit.

AthenVor vier Jahren verlor Dimitra Adamidou ihren Job als Verkäuferin in einem Athener Textilgeschäft – der Laden ging pleite. Ein Jahr lang bekam die Griechin Arbeitslosengeld. Einen neuen Job sucht sie bisher vergeblich. „Mit 53 Jahren habe ich so gut wie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt“, sagt sie. Nachdem die letzten Ersparnisse aufgebraucht waren, gab die Frau ihr kleines Apartment auf und zog zu ihrer 76-jährigen Mutter. Von deren Witwenrente, 634 Euro netto, leben die beiden Frauen jetzt.

Ein Fall von vielen. In rund 350.000 griechischen Haushalten gibt es kein einziges erwerbstägiges Mitglied. Immer weniger Menschen in Griechenland leben von der eigenen Arbeit, sondern von Zahlungen aus den Sozialhaushalten, wie Renten und Arbeitslosengeld, oder von Zuwendungen ihrer Angehörigen – wie Dimitra Adamidou.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

Das strapaziert die Staatsfinanzen. Im Rahmen des Sparkurses, den die griechische Regierung auf Weisung der internationalen Geldgeber steuern muss, stehen weitere Einschnitte. Noch vor Weihnachten soll das griechische Parlament als Vorleistung für eine ausstehende Kreditrate ein weiteres Reformpaket verabschieden.

Es wird voraussichtlich neue Kürzungen bei den Renten enthalten, die seit Beginn der Krise im Schnitt bereits um ein Viertel beschnitten wurden. Savvas Robolis, ehemaliger Professor für Volkswirtschaft an der Athener Panteios-Universität, sieht große Teile der griechischen Bevölkerung bereits in einer „unentrinnbaren Armutsspirale“.

Banken brauchen bis zu 14,4 Milliarden Euro: Neuer Stress für Griechenlands Banken

Banken brauchen bis zu 14,4 Milliarden Euro

Neuer Stress für Griechenlands Banken

Die EZB hat per Stresstest den Zustand der griechischen Banken gemessen und verschreibt 14,4 Milliarden Euro zusätzliches Kapital. Leicht wird das für die Geldhäuser nicht. Denn die Währungshüter stellen eine Bedingung.

Die Zahlen sind alarmierend: Von den 10,9 Millionen Griechen sind nur 3,6 Millionen erwerbstätig. Die Zahl der Arbeitslosen beläuft sich auf knapp 1,2 Millionen, die der Rentner und Pensionäre auf annähernd 2,7 Millionen. Unter dem Strich haben also von den knapp elf Millionen Einwohnern des Landes 7,3 Millionen kein eigenes Erwerbseinkommen. Griechenland wird zu einem Land der Arbeitslosen und der Rentner.

Nach Angaben der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Griechenland eine Beschäftigungsquote von nur 49,6 Prozent. Diese Quote bezeichnet den Anteil der Erwerbstätigen an der erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 65 Jahren. Schlechter schneiden unter den 34 OECD-Staaten nur die Türkei mit 49,4 und Südafrika mit 42,6 Prozent ab. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt beträgt die Quote 64,9 Prozent, in Deutschland sogar 74 Prozent.

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