Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.03.2012

15:31 Uhr

Euro-Krise

Italiens Fiskus spürt eine Million Phantomhäuser auf

VonRegina Krieger

In der Euro-Krise macht Italiens Fiskus verstärkt Jagd auf Steuersünden. Aus der Luft glichen sie die Grundbücher mit der Realität ab - und fanden einige Abweichungen. Nun gehen hohe Steuernachforderungen raus.

Italienische Fünf-Cent-Münze mit der Prägung des Colosseums. dpa

Italienische Fünf-Cent-Münze mit der Prägung des Colosseums.

DüsseldorfBeim Kampf gegen das Haushaltsdefizit kann sich die italienische Regierung über eine neue Einnahmequelle freuen: Mit Steuernachzahlungen in Höhe von rund 472 Millionen Euro könne die Staatskasse rechnen, teilte die Agentur für Liegenschaften, eine Abteilung des Finanzministeriums, in Rom mit.

Ein Jahr lang hatten die Beamten Katastereintragungen und Luftbilder akribisch verglichen und die Rekordsumme von 1.081.698 Immobilien entdeckt, die nicht gemeldet sind und für die ihre Besitzer demnach auch keine Steuern zahlen. Die müssen nun zusätzlich mit Nachforderungen für die vergangenen Jahre rechnen.

„Diese außerordentlichen Ergebnisse haben wir mit innovativen Technologien erreicht, die wir zum ersten Mal angewendet haben“, erklärte die Chefin der Agentur, Gabriella Alemanno. Jetzt sei der Kampf gegen Steuerhinterziehung noch effizienter geworden, ergänzte Fabrizia Lapecorella, die Generaldirektorin der Liegenschaftsagentur.

Die jetzt veröffentlichten Zahlen beziehen sich auf den Stand zum Ende 2011, für das erste Quartal stünde noch die Prüfung von 368.664 weiteren Objekten aus, die nirgendwo angemeldet sind, so die Agentur.
Spitzenreiter – wie zur Bestätigung bekannter Vorurteile - ist der Süden. In Neapel wurden 37.519 „Geisterimmobilien“ entdeckt, mit einem Ertrag von mehr als 29 Millionen Euro. Danach folgen Cosenza, Salerno und Reggio Calabria.

Italiens Reformen

Umgesetzte Maßnahmen

• Verfassungsänderung für ausgeglichene Haushalte
• Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 21%
• Rentenkürzungen
• „Solidaritätsabgabe“ bei Einkommen über 300.000 Euro
• Flexibilisierung der zumeist zentral geregelten Arbeitsverträge
• Weniger Geld für Provinzregierungen, Reduzierung der Zahl der Provinzen, Reduzierung der Feiertage

Geplante Maßnahmen 2

• Sparpaket mit Volumen 33 Mrd. Euro (Schwerpunkt: Einnahmeerhöhung ca. 30 Mrd. Euro; Kostenreduzierungen 12-13 Mrd. Euro; 10 Mrd. Euro Zusatzausgaben für Wachstumsförderung)
• Weitere Erhöhung der MwSt (von 21 auf 23%, ermäßigt von 10 auf 12% ab 01.09.2012)
• Anpassung des Renteneintrittsalters an Lebenserwartung (Rente mit 67, Einschränkung der Frühverrentung), Wegfall Inflationsanpassung von Renten, Änderung der Berechnungsgrundlage von letzten Gehalt bei gezahlte Beiträge
• Leichtere Kündigungsmöglichkeiten im privaten Sektor
• Möglichkeit, im öffentlichen Sektor Arbeitsplätze abzubauen
• Liberalisierung von kommunalen Dienstleistungen; weniger Exklusivrechte, Möglichkeit zum Abweichen von den Mindestgebühren für bestimmte Berufe
• Liberalisierung im Postwesen (Trennung Postbank von herkömmlichen Postdienstleistungen), im Handel, in zahlreichen Berufssparten, im lokalen Transportwesen und im Energiesektor
• Reformen von Justiz und Bildungssystem
• Privatisierungen im Rahmen von 15 Mrd. Euro über drei Jahre
• Abschaffung von Steuererleichterungen, Bekämpfung der Steuerflucht (Obergrenze für Bartransaktionen)
• Überprüfung des Systems für Arbeitslosengeld
• Wiedereinführung einer Immobiliensteuer (10 Mrd. Euro), höhere Grundbuchbewertung
• Luxussteuer auf Yachten, Privatflugzeuge und hubraumschwere Autos
• Regierungschef Monti verzichtet auf Gehalt
• Zusatzinvestitionen in Infrastruktur, Senkung der Körperschaftsteuer
• Wachstumsprogramm „Cresci Italia“ für Januar 2012 angekündigt

Nicht umgesetzte Maßnahmen

• Liberalisierung des Arzneimittelhandels und der Taxidienste
• Kürzungen von Pensionen und Bezügen von Abgeordneten

In Rom sind es mehr als 32.000 Immobilien und in Mailand mehr als 12.000. Und auch der Rekord der zwar angemeldeten Immobilien, für die aber keine Steuern bezahlt wurden, geht in den Süden: in der sizilianischen Stadt Trapani wurden rund 88,5 Millionen Euro für mehr als 16.000 Objekte hinterzogen.

Kommentare (26)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

06.03.2012, 14:15 Uhr

DAS ist doch mal ein Weg in die richtige Richtung!
Den richtigen Verbrechern das Handwerk legen!

denk.mal

06.03.2012, 14:16 Uhr

Na, das wird doch mal spannend: Der Süden also. Wer hätte das gedacht. Mal sehen, wie viele Eintreiber in Beton eingegossen werden?

Lohnt sich das eigentlich... für Italien sind es EINMALIG weniger als 0,2 PROMILLE seiner Verschuldung, für die Mehrzahl der Betroffenen dürfte es ein herber finanzieller Schlag sein....

norbert

06.03.2012, 14:36 Uhr

Unterstellen wir mal, daß das Aufspüren eines illegalen Hauses ca. 5 Minuten in Anspruch nimmt. Also 12 Häuser pro Stunde.
Macht bei einem 8-Stunden-Tag und 365 Arbeitstagen ca. 35.000 Häuser pro Jahr und Auswerter. Wie schaffen die 1 Million ?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×