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24.09.2011

09:31 Uhr

Euro-Krise

Italiens Unternehmer fallen Berlusconi in den Rücken

VonRegina Krieger

Der Premier verliert die Unterstützung seiner ehemals treuen Wähler. Die italienischen Unternehmer haben immer hinter ihm gestanden, doch nun fordert selbst der  Industrieverband seinen Rücktritt.

Italiens Premierminister Silvio Berlusconi. Reuters

Italiens Premierminister Silvio Berlusconi.

RomEindeutig sind die Zahlen einer Umfrage, die das italienische Wirtschaftsmagazin „Il Mondo“ am Wochenende unter der Überschrift „Bye bye Silvio“ veröffentlicht hat: 78 Prozent der Unternehmer haben „wenig oder sehr wenig“ Vertrauen in Premierminister Silvio Berlusconi, 20 Prozent „viel oder sehr viel“ und zwei  Prozent haben sich nicht geäußert. Das war einmal anders. Seit 1984, als der Medienunternehmer und Multimillionär in die Politik ging, hatten die italienischen Unternehmer hinter ihm gestanden. Viele waren in seine neue Bewegung „Forza Italia“ eingetreten – keine Partei im klassischen Sinn, sondern eine auf ihn zugeschnittene Organisation, deren Programm nach Marktforschungen Berlusconis eigener Werbeagentur Publitalia geschrieben wurde mit dem Slogan „Weniger Steuern für alle, mehr Markt, weniger Staat“.

Das sind Italiens größte Probleme

Der Schuldenberg

Italien schiebt nach Griechenland den größten Schuldenberg aller Euro-Länder vor sich her: Er ist rund 1,9 Billionen Euro groß, was 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht. Die EU-Verträge erlauben nur eine Obergrenze von 60 Prozent. Der Berg wird noch weiter wachsen, weil die Regierung erst ab 2013 ohne neue Schulden auskommen will.

In diesem Jahr erwartet sie eine Defizit von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 2012 soll die Neuverschuldung auf 1,4 Prozent fallen.

Hohe Neuverschuldung

Auch bei der Neuverschuldung dürfte Italien in diesem und im kommenden Jahr die Defizitgrenze von drei Prozent reißen: Die EU-Kommission rechnet mit einem Minus von 4,0 und 3,2 Prozent. Erst 2014 will die Regierung ohne neue Schulden auskommen.

Schwaches Wachstum

Im Vergleich zu den anderen großen Euro-Ländern Deutschland und Frankreich kommt Italien nicht in Schwung. Die EU-Kommission senkte erst vor wenigen Tagen ihre Wachstumsprognose für 2011 von 1,0 auf 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Währungsunion dürfte mit 1,6 Prozent mehr als doppelt so schnell wachsen. Rasche Besserung ist nicht in Sicht: Italien macht zu schaffen, dass die Exporteure ihre Waren vorwiegend an andere Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Der private Konsum kommt wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nicht recht in Schwung. Er leidet zudem unter Steuererhöhungen der Regierung, die im Kampf gegen die hohen Schulden beispielsweise die Mehrwertsteuer von 20 auf 21 Prozent angehoben hat.

Export und Konsum

Demnach verlieren Italiens Exporteure Weltmarktanteile, weil sie ihre Produkte vorwiegend in die anderen Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Auch der private Konsum dürfte wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nur moderat zulegen.

Wortführerin der Kritik  und täglich mit mehr als deutlichen Zitaten in den Zeitungen ist Emma Marcegaglia, die Präsidentin des einflussreichen Industrieverbands Confindustria, in dem 146.046 Unternehmen vertreten sind. „Das Sparpaket enthält nur mehr Steuern und keine Maßnahmen für Wachstum und es löst nicht die Probleme des Landes“, sagte sie in Rom bei der Vorstellung des Outlooks des Studienzentrums der Confindustria, in dem die Wachstumsprognosen drastisch nach unten korrigiert wurden. „Entweder die Regierung macht ernsthafte Reformen oder sie soll nach Hause gehen“, legte sie vor kurzem nach. „Wir sind es leid, als internationales Gespött angesehen zu werden.“

Welchen Banken Italien Geld schuldet

Commerzbank

11,7 Milliarden Euro

Die Summe wie auch die folgenden sind Bruttoforderungen gegenüber der öffentlichen Hand. Die Daten stammen aus dem Stresstest des Europäischen Banken-Vereinigung (EBA). Stand: 31. Dezember 2010.

Deutsche Bank

7,7 Milliarden Euro (mit Postbank, keine Aufgliederung)

HRE-Konzern

7,1 Milliarden Euro

DZ Bank

2,7 Milliarden Euro

NordLB

1,9 Milliarden Euro

LBBW

1,4 Milliarden Euro

WGZ Bank

1,4 Milliarden Euro

West LB

1,1 Milliarden Euro

HSH Nordbank

700 Millionen Euro

BayernLB

485 Millionen Euro

LBB

300 Millionen Euro

Dekabank

300 Millionen Euro

Intesa Sanpaolo

Ungleich größer ist das Engagement bei den italienischen Banken. Intesa Sanpoalo hält gegenüber der öffentlichen Hand Brottuforderungen über 60 Milliarden Euro.

Unicredit

49,1 Milliarden Euro

Banca Monte del Paschi di Siera

32,5 Milliarden Euro

BNP Paribas

Viertgrößter Gläubiger ist eine französische Bank: Die BNP Paribas ist mit 28 Milliarden Euro in Italien engagiert.

Dexia

Die sich in Auflösung befindende Bank Dexia hält 15,8 Milliarden Euro.

Banco Populare

11,8 Milliarden Euro

Crédit Agricole

10,8 Milliarden Euro

Ubi Banca

10,5 Milliarden Euro

HSBC

9,9 Milliarden Euro

Barclays

9,4 Milliarden Euro

Societe Generale

8,8 Milliarden Euro

ING Bank

7,7 Milliarden Euro

Royal Bank of Scotland

7,0 Milliarden Euro

Das habe es noch nie in der italienischen Geschichte gegeben, dass Confindustria den Rücktritt der Regierung fordert, sagt Enrico Letta dem Handelsblatt, „Und Emma Marcegaglia hat alle hinter sich.“ Auch die Banker würden so denken. Der stellvertretende Parteivorsitzende der größten Oppositionspartei PD, ehemaliger Industrieminister und Staatssekretär beim Ministerpräsidenten in der Regierung Prodi, spürt den Bruch zwischen Berlusconi und den Unternehmern seit einem Jahr, „vor zwei Monaten ist er eskaliert, als die Unternehmer zu verstehen begannen, dass sich Italien Griechenland annähert.“ Wenn Italien Pleite gehe, würden die Unternehmer alles verlieren.

Kommentare (1)

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Moika

24.09.2011, 10:31 Uhr

Die Unternehmer brauchten 25 Jahre, um Berlusconi endlich zu durchschauen? Wer's glaubt...

Jetzt erst, nachdem man so langsam seine Felle wegschwimmen sieht, verlassen die Ratten das sinkende Schiff. Sie haben dieses italienische Desaster mitverursacht, dann sollen sie auch mit dafür haften.

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