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15.06.2012

13:30 Uhr

Euro-Krise

Italiens Wirtschaft hält Deutschland seine Fehler vor

VonKatharina Kort

Die Stimmung in Italien schlägt um. Die Eurokrise spitzt sich zu, die Nerven liegen blank. Vor allem sind es die Italiener leid, von den Deutschen immer wieder belehrt zu werden - und drehen nun den Spieß um.

Das Colosseum in Rom. dpa

Das Colosseum in Rom.

MailandMit der Zuspitzung der Eurokrise schlägt die Stimmung um. Italien, das in diesen Tagen immer höhere Zinsen auf ihre Staatsanleihen zahlen muss, ist es leid, die Geschichte von den perfekten Deutschen zu hören, die für alle zahlen. In einer Anzeige, die heute auch im Handelsblatt veröffentlicht wurde, dreht Italiens Wirtschaft den Spieß um und kritisiert Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie das deutsche Volk.

„Werte Frau Kanzlerin Merkel, liebe Bürger Deutschlands“ heißt es da von den Unterzeichnern – unter ihnen der Wirtschafts-Verlag Class Editori und die Vereinigung „Italia c`è“ von Unternehmern, Managern und Ökonomen. Dabei handelt sich um einen von dem Class Editori angestoßenen Verein von Tausenden Mitgliedern, der sich mit Gesetzesentwürfen und anderen Vorschlägen in die öffentliche Debatte einmischt.

Nach einem kurzen historischen Rückblick auf die beiden Diktaturen in den zwei Ländern und das gemeinsame Gründung der Europäischen Union, erinnern die Italiener an Sonderregeln, die Deutschland für sich in Anspruch genommen habe: angefangen von der inner-deutschen Währungsreform, die nicht nach Marktkriterien stattfand und damit den Stabilitätskriterien widersprach, über die Ausnahmeregelung im Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft 1992 für „Beihilfen für die Wirtschaft bestimmter, durch die Teilung Deutschlands betroffener Gebiete“, bis zu den Ausnahmeregeln für die staatlichen Garantien im Bankensektor bis 2005.

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Außerdem rechnet der offene Brief der Kanzlerin und den Deutschen vor, dass die deutsche Staatsverschuldung zwischen den Jahren 2000 und 2007 um 5,2 Prozent auf 64,9 Prozent gestiegen ist, während sie in Italien in dem gleichen Zeitraum um 5,6 Prozent auf 103,6 Prozent gesunken ist.

Auch die Tatsache, dass die Deutschen 2002 und 2003 als erste den Stabi-Pakt gebrochen und die Defizitgrenze von drei Prozent überschritten haben und ihnen ein formales Verfahren erspart geblieben ist, ruft das Schreiben in Erinnerung. Zudem habe Deutschland unter Nutzung des Gemeinschaftsrahmens potentielle Hilfen für die Banken in Höhe von 418 Milliarden Euro beschlossen – nicht gerade ein Zeichen für Stabilität der deutschen Bankenbranche.

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Die Unterzeichner appellieren an diese nicht wirklich perfekten Deutschen, deren Exporte zu 42 Prozent in die Euro-Zone gehen, nicht nur Rigorosität, sondern auch Solidarität zu zeigen. So wie sie Solidarität in Anspruch genommen haben, als sie auf der Seite der Schwachen und Regelbrecher standen. Vor allem sollte Deutschland mitwirken, aus der Europäischen Gemeinschaft einen „wahren föderalistischen Staat“ zu schaffen und nicht nur Schläge austeilen.

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Auch in Gesprächen mit Unternehmern, Bankenchefs und Ökonomen wird immer wieder klar, wie sehr das Eigen-Bild der armen Deutschen, die für alle zahlen die anderen Länder stört. Ganz abgesehen davon, dass auch Italien bisher laut Berechnungen des Corriere della Sera 48 Milliarden für die Euro-Rettung aufwenden und auch deshalb mehr Zinsen auf seine Anleihen zahlen muss, schaffen sich die Deutschen mit ihrer Opferhaltung und Merkel mit ihrem Taktieren immer mehr Feinde.

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Erst diese Woche hatte die "Sole 24 Ore" mit einem Leitartikel "Schnell ,Frau Merkel!" auf dem Titel die Kanzlerin zum schnellen Handeln auch im eigenen Interesse aufgefordert. Das Handelsblatt berichtete online darüber und die heftigen Reaktionen von Seiten der Leser schafften es sogar auf italienisch auf die Internetseite der Sole 24 Ore.

Auch den Unterzeichnern der jüngsten Kampagne kann keineswegs die Verteidigung südländischen Schlendrians vorgeworfen werden, haben sie doch vor kurzem in Italien eine andere Kampagne ins Leben gerufen, die die Regierung dazu aufruft, den Schuldenberg schneller anzugehen- auch durch Verkäufe von Staatseigentum. Das Symbol der Kampagne war ein grün-weiß-roter Italien-Stiefel, der an eine Kugel gekettet ist auf der „debt“ steht: Schulden.

Kommentare (133)

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Strap-on

15.06.2012, 13:47 Uhr

Die Italiener können jedenfalls ihre Schulden selbst bezahlen. Es ist ein extrem reiches Land. Die Bevölkerung hat einen Wohlstand von 175% des BIPS - die Deutschen nur von 125%.
Mal schnell über eine Reichensteuer die Staatsverschuldung deutlich unter 100% drücken. Deutschland hat damit nichts zu tun. Die Gelder wurden schließlich in Italien verfressen und verprasst. Jede Party hat einmal ein Ende.

Account gelöscht!

15.06.2012, 13:49 Uhr

Haben die Italiener in ihrer Anzeige auch erwähnt, wieviele Fiats sie in Ostdeutschland zusätzlich verkaufen konnten, weil Westdeutschland den Ostdeutschen die DDR-Mark 1:1 in D-Mark getauscht hat? Einerseits werden wir kritisiert, dass wir nur auf Leistungsbilanzüberschüsse achten, und keine Nachfrage nach ausländischen Waren erzeugen (was im übrigen gar nicht stimmt). Andererseits werden wir kritisiert, wenn wir durch nicht marktkonforme Tauschkurse und gigantische Subventionen für Ostdeutschland Nachfrage nach ausländischen Produkten gegen die Regeln der reinen Lehre erzeugen.

Die Italiener können von mir aus so viele Ausnahmeregeln in Anspruch nehmen, wie sie mögen. Sie sollen aber die Kosten dieser Ausnahmen aus eigener Tasche bezahlen, so wie das Deutschland getan hat, und nicht nach einer Vergemeinschaftung dieser Kosten rufen.

Im übrigen liegt es an den italienischen Unternehmern, ihre Firmen wettbewerbsfähig zu machen, auch wenn sie mit widrigen staatlichen Verhältnissen zu kämpfen haben. Das machen die deutschen Unternehmer schließlich auch. Sobald das geschehen ist, brauchen sie sich deutsches Gemeckere nicht mehr anzuhören.

Profit

15.06.2012, 13:54 Uhr

Italienische Jammerlappen. Holt Euch das nötige Geld von der Mafia in Palermo, den Milliardären in Portofino oder vom Vatikan! Und Berlusconi sitzt immer noch unbehelligt in Mailand.

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