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19.08.2011

14:35 Uhr

Euro-Krise

Scheitert Europa?

VonGabor Steingart

Alle Wege zur Lösung der Euro-Krise führen zur Schatzkammer der deutschen Steuerzahler. Die Bundesregierung muss den Zutritt verweigern - oder die Euro-Staaten zu weitreichenden Souveränitätsverzichten zwingen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor einer Europafahne. Quelle: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor einer Europafahne.

Düsseldorf"Angst ist keine Weltanschauung", hat Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt. Wenn der Schriftsteller da mal nicht irrt. In Europa ist die Angst derzeit die einzige Weltsicht, auf die sich Griechen, Franzosen, Spanier und wie die Völker alle heißen, verständigen können. Die Südeuropäer haben Angst vor dem deutschen Spardiktat, die Deutschen vor südeuropäischem Schlendrian, und die britischen Zeitungen sprachen am Mittwoch vom 4. Reich, nur weil Frau Merkel in Paris ein paarmal streng die Stimme hob. Alle zusammen ängstigen sich vor einem Europa, das im Alltag so gänzlich anders aussieht als das, was versprochen war.

Für Deutschland kann man ohne Übertreibung feststellen: Nahezu alle Versprechungen, die man den Bürgern gab, wurden gebrochen. Und was noch mehr verstört: Sie wurden und werden mit einer Selbstverständlichkeit ignoriert, missachtet, ja geradezu lustvoll in ihr Gegenteil verkehrt, dass man sich fragt, ob die Regierenden den Bürger zum Narren halten wollen.

Wer an die Schuldenkriterien des Maastricht-Vertrags erinnert, gilt als Störenfried. Wer die Regel zitiert, wonach kein Staat für die Schulden des anderen haften darf, macht sich der Naivität verdächtig. Wer in Kreisen der Berliner Gesellschaft fragt, was denn aus der Unabhängigkeit der Notenbank geworden sei, wird als Trotzkopf empfunden.

So wurde die Mitte zum Rand. Und der Rand erklärt sich zur Mitte. Selten waren die Deutschen und ihre Politiker einander so fremd wie in diesen turbulenten Tagen, wo das Wort Krise sich an alles schmiegt, was einst für Zukunft stand. Europa klingt plötzlich bedrohlich. Das "Europäische Haus" sieht aus wie ein Krankenhaus.

Die Investoren in London, New York und Fernost schichten still und leise ihre Währungsguthaben um, kaufen Gold, Schweizer Franken, und selbst der Yen aus dem verstrahlten Japan scheint ihnen derzeit begehrenswerter als der Euro. Gestern sausten die deutschen Aktien erneut nach unten, ohne dass die Unternehmen selbst die Ursache waren.

Scheitert Europa? Allein dass diese Frage gestellt werden kann, gilt an den Finanzmärkten als verweigertes Testat. Es sind nicht die ökonomischen Fakten allein, die Europa am ganzen Leib zittern lassen. Es ist auch ein Angstzittern. Die gebrochenen Versprechen der Politiker und das Schweigen über die Gründe haben eine nervenzerfetzende Wirkung. Zumal beim Publikum das Gefühl aufsteigt, dass der nächste Wortbruch unmittelbar bevorsteht. Niemand hat die Absicht, eine Transferunion zu errichten, versichert uns Angela Merkel. Als seriöse Zeitung kann man diese Zusagen eigentlich nur noch mit dem Hinweis drucken, dass die Redaktion für die Richtigkeit der Äußerungen keine Garantie übernimmt.

Kommentare (191)

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HeinzGeyer

19.08.2011, 14:59 Uhr

Die Saat des Boesen, der undemokratischen Einfuehrung des Euros, holt uns jetzt ein. Verwunderlich, dass sich soviele 'Experten', 'Analysten' und Kommentatoren nicht auf diese Tatsache mehr besinnen und den ganzen Unfug so lange muehsam am Leben erhalten moechten. Man hat bei der Konstruktion der Waehrungsunion ordentlich gemurkst, die 'Eliten' in Bruessel geniessen schon lange ihre unverdienten ueppigen Pensionen und ihre Nachfolger duerfen auch zu Lasten der Steuerzahler weiter ihr Unwesen treiben

Londoner

19.08.2011, 15:03 Uhr

Klasse Artikel! Hoffentlich wird er in Berlin gelesen und verstanden.

Mahlzeit

19.08.2011, 15:03 Uhr

Ja sagemal, hat jetzt nach fast 1,5 Jahren ProEuroEuropaPropagandairrsinn auch das HB gerafft, wie die Lage ist? Ich kanns kaum glauben, was ist der Grund? Zahlt Frau Merkel nicht mehr genug? Oder ist auch Ihnen aufgefallen, daß man die Realität nicht mehr verdrängen kann.

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