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12.11.2011

17:02 Uhr

Euro-Krise

Sie nahmen sich, was möglich war

VonUwe Jean Heuser
Quelle:Zeit Online

Das Euro-Problem: Unter klugem Wirtschaften versteht jedes Mitgliedsland etwas anderes. Dabei prallen unterschiedliche Kulturen aufeinander.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (r.) und sein französischer Gegenpart François Baroin. AFP

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (r.) und sein französischer Gegenpart François Baroin.

Hier kommt Michael Lewis, ökonomischer Kriegsberichterstatter. Der amerikanische Autor und Ex-Banker ist immer da, wo der Kapitalismus das Schlechteste in den Menschen hervorbringt, die Gier, die Übersteigerung, anschließend das Selbstmitleid. Als junger Bankangestellter erlebte und beschrieb er in den achtziger Jahren zum ersten Mal, wie seine Kollegen das große Rad mit Schrottanleihen drehten, die damals noch Junk Bonds hießen. Über den Wahnsinn im Umgang mit Hypotheken, der 2008 zur großen Finanzkrise führte, schrieb er abermals das beste, das unterhaltsamste Buch.

Wohin reist der ökonomische Kriegsreporter heute? Nach Europa. Das Ergebnis ist eine Sammlung seiner Besuche in Buchform. Bevor man einsteigt, muss man noch etwas wissen über diesen Mann. Er übertreibt gerne, seine Figuren sind Schurken (oft) oder Helden (selten), sie sind furchtbar schlau (selten) oder unheimlich dumm (oft). Und auch ganze Völker über einen Kamm zu scheren, davor scheut Lewis nicht zurück. Man kann sich als Isländer, Grieche, Ire oder auch Deutscher deshalb trefflich ärgern und das neue Buch weglegen. Oder aber man amüsiert sich einfach, wie Lewis uns Deutschen eine merkwürdige Fixiertheit aufs Schlammcatchen unterstellen will. Und im Ernst erkennt man dabei, was der Mann aus Übersee uns eigentlich vor Augen führt.

Zum Beispiel, dass der griechische Staat nach fast zehn Jahren Euro-Zugehörigkeit eine Buchhaltung pflegte wie ein Drittweltland. Oder dass die Griechen ihre Ausgaben für öffentliche Angestellte in nur zwölf Jahren verdoppelten. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass man in einem solchen Job dreimal so viel verdienen konnte wie durchschnittlich im privaten Sektor. Kein Wunder auch, dass Griechenland mit seiner maroden Bahn billiger davonkäme, würde es alle Passagiere Taxi fahren lassen und die Bahn dichtmachen. Michael Lewis kommt aus dem Staunen nicht heraus. In Härtejobs konnte ein griechischer Mann lange mit 55 in die üppige Rente gehen – nichts Besonderes. Besonders war, dass es mehr als 600 Berufe schafften, als so hart anerkannt zu werden, darunter Kellner und Radiosprecher. „Wo Verschwendung endet und Betrug beginnt, spielt praktisch keine Rolle“, erklärt der Besucher aus einer anderen Welt. Amtsvertreter, Ärzte und andere Staatskräfte zu schmieren sei sowieso normal gewesen.

Als 2009 die Regierung wechselte, belief sich die aktuelle Defizitschätzung auf 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zwei Wochen später musste der neue Finanzminister schon auf über zwölf Prozent gehen, weil der Staat ein unerschöpfliches Reservoir bis dato ungemeldeter Verschwendung hatte. Die Zahl stieg dann noch weiter.

Einzelne Daten und Begebenheiten hat man schon mal gehört. Hier sind sie gnadenlos miteinander verwoben und ergeben das Bild einer Gesellschaft, in der die meisten schummelten, so gut sie konnten, Angestellte, Unternehmer, Sparer, Religionsvertreter, der Staat vorneweg. Hätte man etwa alle steuersündigen Ärzte eingesperrt, das Land hätte gar keine Gesundheitsversorgung mehr gehabt. Doch lieber hielt die Politik vor allem im Wahljahr die wenigen Fahnder zurück. Einer von ihnen sagt: „Es wurde zu einem Kulturmerkmal. Die griechischen Bürger haben nie gelernt, ihre Steuern zu bezahlen.“ Die griechische Wirtschaft gelte zwar als kollektivistisch, so Lewis, aber beim Umgang mit öffentlichem Geld gelte das Gegenteil: Jeder für sich.

Kann man darüber reden, ohne nationale Ressentiments ins Leben zu rufen? Man muss. Wie sonst will man die griechische Tragödie, die eine europäische ist, verstehen. In dieses System floss zwischen 2002 und 2007 eine Unmenge billiges Geld. Billig, weil Griechenland im Euro war und die Finanzmärkte kaum einen Unterschied machten zwischen der Kreditwürdigkeit Athens und Den Haags. Billig auch, weil die Notenbank der USA die Welt mit billigem Geld geflutet hatte, das irgendwo eine Anlage suchte. Die Griechen mussten sich in ihrer merkwürdigen Wirtschaftsweise vom Markt bestätigt fühlen. Gleichzeitig ahnten wohl viele, dass ihr Glück nicht andauern könnte – und nahmen sich, was möglich war.

Michael Lewis reist auch nach Irland, in dem die wohl dümmsten Banken der Welt (ja, noch dümmer als die deutschen Landesbanken) jeden noch so absurden Immobilienkredit gewährt hatten. Auch die Iren feierten die große Geldparty, doch auf den Kater reagierten sie ganz anders als die Miteuropäer. Kaum jemand protestierte gegen die harten Sparmaßnahmen, die allermeisten nahmen es als selbstverständlich hin, dass die Gesellschaft geradesteht für die im Maßstab der Wirtschaftsgröße absolut horrenden Schulden ihrer großen Banken. Viele ausländische Investmentbanken hatten auch Geld im irischen Spiel – und erhalten nun all ihr Geld zurück, obwohl sie in einer gerechten Welt einen Teil des Risikos selbst tragen müssten. So aber zahlt der Staat, zahlen auf Dauer natürlich die Bürger.

Kommentare (9)

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John_Galt_jun.

12.11.2011, 17:28 Uhr

Ob eine andere Kultur, eine andere Mentalität und/oder einfach eine unterschiedliche wirtschaftliche Ausgangslage zu konstatieren ist/sind - es bleibt Fakt, dass produzierende Nordländer nicht auf Dauer konsumierende Mittel-Mehr-Länder durchfüttern können.

rxm

12.11.2011, 18:21 Uhr

Der Euro ist gescheitert. Er funktioniert nicht. Im Gegenteil spaltet er Europa und es wird immer schlimmer. Der Wahn von Schäuble und Merkel, dass mit einer Fiskalunion alles wieder gut wird ist der letzte Schritt in den Untergang. Schluß damit. Es muss eine Aufspaltung der Eurozone in Nord und Süd geben oder aber Rückkehr zu nationalen Währungen. Alles andere wird nicht funktionieren.

Account gelöscht!

12.11.2011, 19:01 Uhr

Der große Fehler in ganz Europa -ob mit oder ohne Euro- ist auch, dass wir ständig Geld in die Länder transferieren.
Dieses Geld-Hin-und-Her-Geschiebe, was sich in
der EU etabliert hat, trägt ebenfalls zur Trägheit bei.
Es pielt doch keine Rolle, ob nun Rumänien oder Polen oder wer auch immer der EU beitreten, es kann nicht sein, dass das immer nur über Geld geht.
Jedes Land muß für sich selbst sorgen.
Da bestimmt dann Brüssel üer die Landwirtschaft in Polen usw.
Also die EU ist in vielen Teilen schon längst ein Transferstaat geworden und vor allem schon längst eine Diktatur.
Wir müssen die gesamte EU neu ordnen.
Ein Zusammenshluss eurp. Staaten als Friedensunion, so wie es ursprünglich gedacht war und mit freiem Handel ohne Zäölle und Beschränkungen.
Aber nicht, indem jeder nach Brüssel Geld zahhlt, was die dann wieder nach Gutdünken veteilen.
Da fängt nämlich schon die Diktatur an.
Also Schluß damit
Ich behaupte mal, dass so einige Länder aus dem früheren Ostblock sicher noch nicht in der EU wären, wenn nicht so viel Geld gelockt hätte.
Also ist durch diesen Geldtransfer auch eine große Unehrlichkeit innerhalb der EU

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