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02.01.2012

14:36 Uhr

Euro-Krise

Spanien könnte Sparziele deutlich verfehlen

Die Finanzlage in Spanien ist wohl noch schlimmer als bisher angenommen. Die neue konservative Regierung räumt ein, dass der Fehlbetrag für 2011 deutlich höher ausfallen könnte als bisher erwartet.

Spaniens neuer Ministerpräsident Mariano Rajoy. AFP

Spaniens neuer Ministerpräsident Mariano Rajoy.

Madrid/FrankfurtIn dem schuldengeplagten Euro-Staat Spanien klafft ein noch tieferes Haushaltsloch als bislang angenommen. Der Fehlbetrag könnte 2011 acht Prozent der Wirtschaftsleistung überstiegen haben, räumte Wirtschaftsminister Luis de Guindos am Montag ein. Damit wird das Ziel von sechs Prozent noch weiter verfehlt als bislang vermutet. Die neu ins Amt gekommene Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy steht vor einer wahren Mammutaufgabe: Sie muss 35 Milliarden Euro einsparen, will sie ihr Defizitziel von 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr erreichen.

Guindos warnte im Rundfunk zudem, die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone stecke womöglich bereits in der Rezession. Dies signalisierte auch die Markit-Umfrage unter Industriemanagern, die für Dezember eine stärker schrumpfende Geschäftstätigkeit anzeigte. Rajoy schlug bereits vorige Woche erste Pflöcke ein, um das ehrgeizige Ziel zu erreichen.

Neue Steuererhöhungen sollen rund sechs Milliarden Euro in die klamme Staatskasse spülen, Ausgabenkürzungen sollen zusätzlich knapp neun Milliarden Euro einbringen. Hinzu kommen weitere Ausgabenbremsen für die öffentliche Hand und Strukturreformen etwa am Arbeitsmarkt, mit denen die lahmende Wirtschaft angekurbelt und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes verbessert werden soll. „Die Regierung hat eine sehr offensive Reformagenda für die nächsten Wochen und Monate“, sagte Guindos dem Sender Cadena Ser.

Spaniens Baustellen

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote beträgt laut Statistikbehörde 24,4 Prozent und befindet sich auf den höchsten Stand seit 18 Jahren. Insgesamt sind in Spanien 5,6 Millionen Menschen arbeitslos. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem. Die europäische Statistikbehörde Eurostat berichtete unlängst, die Quote der Jugendarbeitslosigkeit sei in Spanien mit einem Wert von 50,5 Prozent am höchsten. Zum Vergleich: Mit 8,2 Prozent hatte Deutschland die niedrigste Quote.

Immobilienmarkt

In der Vor-Krisenzeit lockte die Kombination aus hohem Wirtschaftswachstum und niedrigem Zinsniveau die Spanier an den Immobilienmarkt. Viele legten sich eine zweite, dritte oder gar vierte Wohnung zu. Doch der Boom war größtenteils auf Pump finanziert. Nachdem auch internationale Anleger wie Pensions- und Investmentfonds in großem Stil einstiegen, wurden Immobilien rasch zu Spekulationsobjekten. Die Finanzkrise 2008 bereitete dem ein jähes Ende: Die spanischen Banken - anfangs noch gelobt wegen ihrer Zurückhaltung bei Schrottpapieren - gerieten in den Krisenstrudel und wurden Opfer der lockeren Kreditvergabe.

Haushaltslage

In der Eurozone war Spanien 2011 mit einem Fehlbetrag von 8,9 Prozent der drittgrößte Haushaltssünder. Das Haushaltsloch war zwar kleiner als 2010 (9,3 Prozent), aber deutlich höher als angestrebt. Die spanische Wirtschaft stürzte zudem zu Jahresbeginn in die Rezession. Mit drastischen Sparmaßnahmen und weitreichenden Reformen versucht die Regierung des konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy gegenzusteuern. Ursprünglich sollte das Defizit schon 2013 wieder unter die erlaubten 3 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, nun soll Spanien dafür ein Jahr länger Zeit bekommen.

Bankenkrise

Die Lage am Immobilienmarkt schlägt voll auf den Bankensektor durch: Die Großbanken Santander und BBVA (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria) verzeichneten wegen der Vorsorge für faule Immobilienkredite Gewinnrückgänge. Spaniens Regierung hatte höhere Rücklagen der Banken angesichts der kriselnden Wirtschaft verlangt. Anderen Geldhäusern erging es noch schlechter: Die Großbank Bankia will vom Staat mehr als 23 Milliarden Euro für ihre Sanierung.

Glaubhafte Sparanstrengungen gelten als entscheidend für das Vertrauen der Investoren an den Kapitalmärkten, wo sich Spanien bei anstehenden Emissionen von Staatsanleihen schon bald frisches Geld besorgen will. Die bevorstehende Refinanzierung spanischer und auch italienischer Anleihen im Volumen von mehreren Hundert Milliarden Euro lastet bereits auf der Stimmung an den europäischen Finanzmärkten. Sollten die Emissionen neuer Papiere schlecht laufen, könnte dies negative Reaktionen auslösen, warnte Mark Priest, Aktienhändler bei ETX Capital.

Spanien wagt sich bereits am 12. Januar wieder an den Kapitalmarkt und wird Staatsanleihen mit dreijähriger Laufzeit anbieten. Am selben Tag will sich das klamme Italien über Geldmarktpapiere mit frischem Geld versorgen und am 13. Januar Papiere mit fünfjähriger Laufzeit anbieten.. Beide hoch verschuldete Staaten sind 2011 ins Visier der Märkte geraten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft bereits seit dem Sommer Staatsanleihen dieser Mittelmeerländer auf und drückt damit de facto ihre Renditelast. Die EZB hat aber bereits angekündigt, dass sie diese Stützungskäufe nicht auf Dauer durchhalten kann und will.

Angesichts der ungelösten Probleme in der Schuldenkrise konnte sich der Euro zu Wochenbeginn nicht von seinem 15-Monats-Tief der Vorwoche lösen und notierte weiterhin unter der Marke von 1,30 Dollar. Zur japanischen Währung rutschte er sogar weiter ab und markierte mit 99,45 Yen ein Elf-Jahres-Tief. Die Renditen der zehnjährigen spanischen Anleihen lagen kaum verändert bei 5,15 Prozent und diejenigen der italienischen Titel pendelten weiter um die Marke von sieben Prozent.

Nach Ansicht des EZB-Direktoriumsmitglieds Jose Manuel Gonzalez-Paramo hat die Euro-Krise auch ihr Gutes: Sie sorge dafür, dass Reformen in Euroland schneller vorankämen, sagte er der französischen Zeitung „La Tribune“: „Wir müssen mit Zuversicht auf die Zukunft des Euro blicken.“

Von

rtr

Kommentare (5)

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keeper

02.01.2012, 14:51 Uhr

Gesamtsituation: 1.) Spanien hat ein großes Handelsbilanzdefizit (laut Wikipedia: - 66MRD USD; laut CIA: -64 MRD USD) http://de.wikipedia.org/wiki/Handelsbilanz#Beispiele bzw.: .cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2187rank.html

Mit den Scheinsicherheiten überbewerteter Immobilien wurden Kredite aufgenommen, und diese verkonsumiert. (die Eigenheimquote in Spanien ist eine der höchsten in der Welt: 78% der Spanier besitzen Wohneigentum (Rang 5). 2.) gesamtwirtschaftl. Auswirkungen des Immobilienbooms / der Immobilienblase: - primär im Bausektor selbst (Bau und Finanzierung der Immobilien waren ein bombastisches Geschäft aller Beteiligten) - sekundär: geben die primär Beteiligten das Geld für diverse Investitionen/Konsumausgaben wieder aus - und lassen z.B. bei den BMW-Händlern die Kasse klingeln .... ... und bei all den Geschäften fallen natürlich Steuern an: "Papa Staat" hat volle Kassen, und investiert in allerhand Sinnvolles und weniger Sinnvolles ...

Alles auf Basis von überbewerteten Immobilien.

Damit ist nun Schluss - und mit jeder zwangsläufigen Einsparung bricht die dahinterliegende, bisher "auf Pump" finanzierte Wertschöpfungskette weg. ... Und mit diesen Wertschöpfungsketten natürlich auch die darin enthaltenen Steuern.

Im Ergebnis also (nur zunächst?) eine lose-lose-Situation: - durch die Einsparungen verlieren jede Menge Menschen ihre bisherige Einnahmequelle (und werden von Steuerzahlern zu Transferzahlungsempfängern);

--> der Staat erzeugt durch die Einsparungen eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale - es sei denn: die Privathaushalte oder Unternehmen geben mindestens genau den Einsparungsbetrag an anderer Stelle als Konsum oder Investition mehr aus.

Aber: wer soll den Konsum finanzieren? und: wer investiert mehr, wenn der Konsum zurückgeht, und auch der Staat weniger ausgibt?

Für Spanien sehe ich schwarz.

Deutelmoser1994

02.01.2012, 15:12 Uhr

@keeper
Tja genauso ist es. Spanien hatte auch vor Eintritt in die EU vor gut 20 Jahren zwanzig Pronzent Arbeitslose. Durch EU-Alimentierung und Euro entwickelte sich das spanische "Wirtschaftswunder". Jetzt, wo sämtliches Startkapital verfrühstückt ist, stellt sich heraus, dass die vielen zig Milliarden an Transferzahlungen nicht zum Aufbau einer leistungsfähigen Wirtschaft, sondern nur für mehr oder weniger sinnlose Bauprojekte vergeudet wurden.
Also zurück auf Start und mit eigenen Anstrengungen und eigenem Geld nochmals versuchen.

Fat_Bob_ger

02.01.2012, 15:13 Uhr

Herzliche Gratulation zu dieser klaren Analyse. Leider konnte sich bisher noch kein Staat aus einer Wirtschaftskrise heraus "gesund sparen". Das Gleiche gilt in verstärktem Maße für Griechenland, das nicht einmal über einen funktionierenden Behördenapparat (insbes. Finanzbehörden) verfügt. Berufliche Bildung in GR = Fehlanzeige! Ein massives strukturelles Problem kann nicht innerhalb von 3- 8 (Bildung 20) Jahren gelöst werden. Geld kann nur dann sinnvoll eingesetzt werden, wenn das betroffene Land über eine Struktur verfügt, die dieses absorbiert und effizient weiterleitet.

Griechenland erinnert mich dabei an einen Alkoholiker, der sich Geld für den Schnapskauf leihen muss, weil eine Therapie zu lange dauert und der dann schon tot sein könnte (Schock durch kalten Entzug). Deshalb befürchte ich das Schlimmste und hoffe gleichzeitig, dass es nicht eintritt.

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