Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.11.2012

14:13 Uhr

Euro-Krise

Super-Mario und die Vertreibung der Europäer aus dem Märchenland

VonThomas Hanke

Der EZB-Präsident liest in Paris den Regierungen die Leviten, während IWF-Chefin Lagarde sich wegduckt. Die Französin sieht zwar Reformbedarf, aber nicht in Frankreich sondern in Spanien und Griechenland.  

IWF-Chefin Christine Lagarde und EZB-Chef Mario Draghi. AFP

IWF-Chefin Christine Lagarde und EZB-Chef Mario Draghi.

ParisIWF-Chefin Christine Lagarde und EZB-Präsident Mario Draghi sind verschiedene Charaktere. Sie haben wohl auch ein sehr unterschiedliches Rollenverständnis. Bei einer Konferenz des französischen Schtzamtes heute in Paris wurde deutlich, dass die beiden auch nicht dasselbe Format haben. Draghi verstand es mit Geschick und Eleganz, neben den europäischen Reformen vor allem auch die nationalen Hausaufgaben herauszustellen. Lagarde dagegen bemühte sich vor allem um eins: Nur ja nicht bei der französischen Regierung anzuecken.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Im Finanzministerium an der Seine, das sie ja selber lange geleitet hat, kam von Lagarde kein Wort zu der Notwendigkeit, dass Frankreich mehr für seine Wettbewerbsfähigkeit tun muss. Sie brachte es sogar fertig, ein langes Reformprogramm für die Eurozone vorzutragen, ohne auch nur einmal das Wort "Souveränitätsverzicht" in den Mund zu nehmen. Denn das hört die neue Regierung nicht gerne, worin sie den konservativen Vorgängern gleicht. In braver Übereinstimmung mit der Regierung sprach sich Lagarde dagegen für eine gemeinsame Einlagensicherung in der Eurozone und für Eurobonds aus. Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit sprach sie zwar an, doch fielen dabei nur die Namen Spanien, Irland, Portugal, Griechenland. Die hätten schon einiges getan, müssten aber noch mehr an Reformarbeit leisten, um dauerhaft besser dazustehen.

Aber war da nicht noch ein großes Land namens Frankreich, dass so viele Marktanteile eingebüßt hat wie kein anderes der Eurozone? Lagarde scheint das entfallen zu sein. Am Ende fragte man sich: Redete da wirklich die Chefin einer der wichtigsten internationalen Organisationen oder eine französische Politikerin mit rein nationalem Fokus?

Reform der Euro-Zone

gemeinsame Bankenaufsicht

Die Aufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) ist für die EU ein vordringliches Projekt. Wenn die Aufsicht für die Geldhäuser der Eurozone steht, kann der Rettungsfonds ESM marode Institute direkt rekapitalisieren. Paris drückt bei der Aufsicht aufs Tempo, Berlin hat es allerdings nicht eilig.

Reformverträge

Euro-Länder könnten mit der EU individuelle Verträge abschließen, die das Umsetzen von Reformen besiegeln. Van Rompuy stellt bei Erfolg finanzielle Anreize in Aussicht. Diese könnten aus dem Eurozonen-Budget kommen. Berlin unterstützt die Idee.

Euro-Zonen-Budget

Van Rompuy spricht nicht direkt von einem gemeinsamen Budget der Euro-Länder, sondern von der Entwicklung einer „Fiskalkapazität“. Sie könnte auch Finanzschocks in einzelnen Ländern auffangen. Höhe und Herkunft des Budgets sind noch offen.

Eurobonds

Van Rompuy schlägt vor, „sichere und liquide Finanzanlagen“ für den Euroraum zu schaffen - das könnten Eurobonds oder Eurobills (kurzfristige Anleihen) sein. Berlin lehnt gemeinsame Anleihen im Währungsraum weiter ab.

Tilgungsfonds

Staatsschulden könnten unter bestimmten Auflagen in einen Tilgungsfonds für Altlasten überführt werden, schreibt Van Rompuy. Berlin weist die Idee zurück.

Schäubles Vorschläge

Schäuble fordert einen stärkeren EU-Währungskommissar, der Länderhaushalte mit zu hohen Defiziten an nationale Parlamente zurückverweisen könnte. Außerdem plädiert er für rasche Veränderungen des EU-Vertrags. Dafür ist allerdings Einstimmigkeit unter den 27 EU-Staaten nötig.

Kommentare (33)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Jahrmarkt_der_Laecherlichkeiten

30.11.2012, 14:49 Uhr

"Man kann nicht eine Währungsunion haben und nationale Souveränität, das haben leider die meisten Länder noch nicht verstanden."

Wenn man noch nicht mal eine gemeinsame Sprache hat, dann ist alles andere einfach nur Unfug. Wie soll denn irgendeine Art der Integration wirklich möglich sein, wenn man sich noch nicht mal miteinander unterhalten kann. Traumtänzer mit Halluzinationen alle zusammen.

Account gelöscht!

30.11.2012, 14:51 Uhr

HALLO!
Das hat Draghi wirklich gesagt?
Da stimmt doch was nicht. Was führt der im Schilde?

Ben-Wa

30.11.2012, 14:57 Uhr

Wichtig bleibt festzuhalten, daß nur eine kleine, ehrgeizige Clique von Wunschtraumpolitikern die weitere Integration wünscht. Der Souverän, die unterschiedlichen Völker in den europäischen Nationalstaaten, wünschen das NICHT. Deshalb sollen sie nach Möglichkeit nicht gefragt werden, sondern über eine politische und wirtschaftliche Katastrophe in die "Vereinigten Staaten von Europa" gezwungen werden. Zwang steht dahinter - und dann wird auch eine sophistizierte Mauer gebaut werden - nicht so primitiv wie durch Berlin seinerzeit. Freiheit, Demokratie, Recht - alles geht verloren. Im Dienste der guten Sache gewissermaßen. So lange, bis die dummen Bürger endlich begreifen, daß ihr Heil in der EUSSR liegt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×