Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.07.2012

09:16 Uhr

Euro-Krise

Warum sich Amerikaner und Europäer nicht verstehen

VonDirk Heilmann

Die Diskussion über den Euro ist von Missverständnissen geprägt. Die Europäer wollen ihren Fehler nicht wahrhaben, die Amerikaner verstehen das zwanghafte Festhalten am Euro nicht. Ein Erklärungsversuch.

Europäer und Amerikaner nehmen die Euro-Krise höchst unterschiedlich wahr. dpa

Europäer und Amerikaner nehmen die Euro-Krise höchst unterschiedlich wahr.

Früher klang Europa so: „Die Vollendung der Währungsunion ist die Antwort Europas auf die Herausforderungen des neuen globalen Zeitalters. Die Währungsunion ist keineswegs der Preis für unsere Vergangenheit, wie uns manche einreden wollen. Aber sie ist der Schlüssel zu unserer Zukunft."

So warb der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher in der historischen Debatte am 23. April 1998, als der Bundestag der Gründung der Währungsunion zustimmte - und erhielt dafür sogar Beifall von den Oppositionsbänken.

Die Beschlüsse des Euro-Gipfels im Überblick

Direkte Bankenhilfe

Um den Teufelskreis zwischen angeschlagenen Banken und Staatsfinanzen zu durchbrechen, sollen Geldhäuser direkt aus dem Rettungsfonds ESM rekapitalisiert werden, heißt es in der Gipfelerklärung. Durch die Notkredite wird sich dann die öffentliche Verschuldung nicht mehr erhöhen - und die Zinsen könnten sinken. Mit dem Beschluss wird eine Kernforderung Spaniens erfüllt. Aber auch Irland wird in Aussicht gestellt, davon Gebrauch machen zu können, um die Schuldentragfähigkeit zu erhöhen. Die Hilfe soll an „angemessene Bedingungen" geknüpft werden.

Bankenaufsicht

Voraussetzung für die direkte Bankenhilfe ist eine effiziente Aufsicht auf der Euro-Ebene. Die Kommission wurde beauftragt, in Kürze einen Vorschlag für einen entsprechenden Mechanismus zu präsentieren, an dem die Europäische Zentralbank beteiligt sein soll. Die Mitgliedsstaaten werden aufgerufen, den Gesetzesvorschlag vordringlich bis Ende des Jahres zu prüfen.

Rettung für spanische Banken

Das bereits zugesagte Rettungsprogramm für die spanischen Banken soll so schnell wie möglich beschlossen werden. Anders als bislang vorgesehen, sollen die Kredite der Europartner keinen Vorrang vor Krediten der Privatgläubiger haben, wenn das Geld aus dem ESM kommt. Im Falle einer Pleite müssten die öffentlichen Geldgeber also genauso verzichten wie die Privatwirtschaft.

Spar- und Reformverpflichtungen

Länder, die den Brüsseler Spar- und Reformverpflichtungen nachgehen, erhalten einen erleichterten Zugang zu den Rettungsschirmen. Wenn sie die Instrumente - etwa den Aufkauf von Staatsanleihen durch den Fonds - nutzen, müssen sie sich keinem zusätzlichen Anpassungsprogramm unterwerfen. Sie müssen lediglich eine Vereinbarung unterzeichnen, dass sie die Vorgaben aus dem Stabilitäts- und Wachstumspakt und die Hausaufgaben der Kommission fristgerecht erfüllen. Das ist ein großes Entgegenkommen an Italien, das bislang aus Sorge vor den strengen Konditionen vor dem Griff zum Eurotropf zurückgeschreckt war.

Zeitplan

Die Eurogruppe soll die Beschlüsse bis zum 9. Juli umsetzen.

Europäische Integration

Die Vertiefung der Eurozone wird vorangetrieben. Die Euro-Chefs einigten sich auf die Baustellen: Den Aufbau einer Banken-Union, einer Fiskal-Union und einer politischen Union. Im Arbeitspapier der Vierergruppe um EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy findet sich weiterhin der Unterpunkt einer schrittweisen Ausgabe von Gemeinschaftsanleihen. Die Bundesregierung wies die Mutmaßung von Italiens Ministerpräsident Mario Monti zurück, damit sei die Tür zu Euro-Bonds geöffnet. Über die Inhalte soll erst auf dem nächsten Gipfel im Oktober gesprochen werden.

Heute, 14 Jahre und manche Enttäuschung später, klingt Europa eher so wie in der Gipfelerklärung der Euro-Staaten vom 29. Juni: „Wir bekräftigen, dass wir nachdrücklich dafür eintreten, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Finanzstabilität im Euro-Währungsgebiet sicherzustellen, insbesondere durch flexible und effiziente Nutzung der vorhandenen EFSF/ESM-Instrumente, um die Märkte für die Mitgliedstaaten zu stabilisieren, die im Rahmen des Europäischen Semesters, des Stabilitäts- und Wachstumspakts beziehungsweise des Verfahrens bei einem übermäßigen Ungleichgewicht ihre länderspezifischen Empfehlungen und ihre anderen Verpflichtungen einschließlich ihrer jeweiligen Fristvorgaben einhalten."

Es wäre zu leicht, diese Sprachlosigkeit einfach dem gedankenlosen Wirken von Bürokraten zuzuschreiben, die in ihrer Brüsseler Schreibstube dem Geschehen auf den Straßen und in den Börsensälen weit entrückt sind. Es steckt mehr dahinter. Keiner der Rettungspolitiker, sei es aus Berlin, aus Brüssel oder aus Paris, findet mehr Worte wie damals Hans-Dietrich Genscher, um eine Vision von einem neuen, besseren Europa zu skizzieren.

Dahinter steckt ein psychologisches Phänomen, das der amerikanische Forscher Leon Festinger 1957 in eine Theorie kleidete: die kognitive Dissonanz. Festinger ging davon aus, dass jeder Mensch nach einem seelischen Gleichgewicht strebe, nach der Eintracht von Wissen, Denken, Wahrnehmen, Empfinden und Handeln.

Kommentare (23)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Fortunio

08.07.2012, 11:37 Uhr

"Die Theorie der kognitiven Dissonanz",nach der immer die Faktenlage darauf hin untersucht wird und passende Fakten instrumentalisiert werden , um die jeweils eigene Bewußtseinslage zu unterstützen, gegenteilig Unpassendes aber weitgehend auzublenden versucht wird und wenn man es trotzdem zur Kenntnis nehem muss,klein zureden und zu marginalisieren, kann einiges zum Politikverständnis erklären ,was man gegenwärtig die Gelenheit hat zu beobachten.
Brenzlich wird es, wenn man es darüber hinaus noch mit Ideologen zu tun hat, die ein bestimmtes Ziel verfolgen, z.B.die Schaffung "Der Vereinigten Staaten von Europa" und das Eurokonstrukt als unabdingbares Werkzeug und Maurerkelle betrachten, diesen Bau zu errichten.
Man muß es lernen in offenen Systemen zu denken und zu handeln, man kann es auch pragmatisch nennen, dazu gehört, Fehlentwicklungen, die auf einer falschen Fundamentlegung beruhen als soche zu erkennen, den halbferigen Bau, also den Euro, wieder abzutragen und zurückzukehren zu dem europäischen Währungskorb, der nützlich war und wenig Schaden angerichtet hat.
Zentristische Vorstellungen, wie eine Einheitswährung passen nicht zu der europäischen Vielfalt.

Domenq

08.07.2012, 12:24 Uhr

Mit "die Europäer" und "die Amerikaner" ist zunächst einmal eine Klasse von eher ungewählten Entscheidungsträgern mit eigenen Interessen gemeint.

Da die meisten von uns bevormundete Untertanen sind, ist die Bezeichnung "die Europäer" nicht gerechtfertigt.

Hermann.12

08.07.2012, 13:14 Uhr

Eine wohltuende Analyse der Ursachen für die Krise.
Letztlich dreht sich aktuell alles um die Frage, ist es sinnvoller den EURO zu retten oder zu nationalen Währungen zurückzukehren.
Letztich hängt das Urteil davon ab, ob man daran glaubt, dass die Krise mit der einen oder anderen Strategie beendet werden kann.
Ich halte in der aktuellen Situation eine Rückkehr zu den nationalen Wärungen nicht mehr für möglich.
Die Krise ist dafür zu weit Fortgeschritten, der Zeitrahmen zu knapp, die Verschuldung wichtiger Staaten schon zu hoch. Ein Auseinaderbrechen des EURO würde mehrere Länder wohl in den Zusammenbruch drängen und eine Kettenreaktion auslösen, der wir uns am Ende nicht entziehen können.
Die Darstellung im Interviews Robinis finde ich dazu schlüssig, wohingegen bisher die Ausstiegsapologeten Antworten schuldig bleiben auf bestimmte Risiken die die EURO befürworter zur Zeit sehen.
Das liegt auh daran, weil die meisten Fachleute sich zu wenig Mühe geben ihre Gegner ernst zu nehmen, um ihre argumentefür den Normalverbraucher zu widerlegen.
Aber zu mersten mal findet i nDeutschland eine echte inhaltlich geführte sinnvolle poltische diskussion statt. hoffen wir nur, das wir Klarheit gewinnen bevor uns die Zeit davongelaufen ist.
H.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×