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29.11.2011

15:22 Uhr

Euro-Rettungsschirm

Die wundersame Geldvermehrung

Mit einem Kunstgriff wollen die Finanzminister den Rettungsschirm auf eine Billion Euro erweitern. Der Trick erhöht das Risiko für den Steuerzahler - und die Idee, Geld aus dem Nichts zu schaffen, stößt auf Widerstand.

Finanzexperte Gerke

„Der EFSF ist der völlig falsche Weg“

Finanzexperte Gerke: "Der EFSF ist der völlig falsche Weg"

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Das Treffen soll den Durchbruch in der Schuldenkrise bringen: Am Nachmittag wollen die Euro-Finanzminister in Brüssel sich einigen, wie genau der Euro-Rettungsschirm EFSF erweitert werden kann, ohne dass die Euro-Staaten dafür neues Geld in die Hand nehmen müssen. Die Details des Kunststücks sind noch unklar. Sicher ist dagegen, dass es nur mithilfe eines Zaubertricks gelingen kann, mit einer wundersamen Geldvermehrung - auf Kosten der Steuerzahler.

Die Feuerkraft des Euro-Rettungsschirms EFSF soll mit Finanzkniffen erhöht werden - auf die unvorstellbare Summe von über einer Billion Euro. Zwar erhöht sich die Haftungssumme, mit der die Euro-Länder über den Rettungsschirm füreinander einstehen, auf den ersten Blick nicht: Für den deutschen Steuerzahler bleibt es bei maximal 211 Milliarden Euro. Doch tatsächlich steigt das Risiko massiv, dass die Summe auch wirklich ausfällt, wenn das Ausleihvolumen des Fonds durch die Hintertür auf ein Vielfaches aufgebläht wird. Die Finanzminister müssen zu diesem Budenzauber greifen, weil eine offene Erhöhung des Risikos den Wählern in Deutschland, Frankreich und dem Rest Europas schlicht nicht mehr zuzumuten ist. Es ist ein Offenbarungseid der Politik: Kreditausfallversicherungen, Zweckgesellschaften, strukturierte Anleihen, Kredithebel - genau die Finanzakrobatik, die 2007 die Finanzkrise auslöste, soll nun helfen sie zu beenden.

Die Teilkasko-Lösung für den Rettungsschirm

Verlustabsicherung

Im Streit über eine Hebelung der Mittel des Euro-Rettungsfonds EFSF favorisiert Deutschland ein Versicherungsmodell bei der Ausgabe neuer Staatsanleihen. Nach dem Konzept würden 20 bis 30 Prozent des Emissionsvolumens neuer Anleihen von Ländern, denen hohe Finanzierungskosten am Markt drohen, vom EFSF gegen Verluste abgesichert.

Alternativen abgelehnt

Ein Insider bestätigte, Alternativen wie die einer Banklizenz für den EFSF seien verworfen, weil dies die Mitwirkung der Europäischen Zentralbank (EZB) erfordere, die das aber ablehne.

Restrisiko beim Investor

Der Fonds könnte mit einem Einsatz von beispielsweise 100 Milliarden Euro eine Finanzierung von 300 bis 500 Milliarden Euro etwa für Spanien oder Italien sicherstellen. Der EFSF würde jedoch nur für die 20 Milliarden Euro haften, das Restrisiko liegt beim Investor.

Zinsrückgang erwünscht

Als Nebenwirkung erhoffen sich die Politiker einen Rückgang der stark gestiegenen Zinsen auf schon umlaufende Staatspapiere.

Entscheidung erst im Bedarfsfall

Beim Euro-Gipfel werde eine Größenordnung für die geplanten Garantien aber nicht festgelegt, sondern darüber im Einzelfall entschieden, sagte Sony Kapoor von der Beratungsfirma Re-Define. Der Experte hatte das Garantiemodell vorgeschlagen und berät unter anderem die Bundesregierung. Der EFSF müsse sich Flexibilität bewahren. Der abgesicherte Verlust werde vom jeweiligen Land, der Anleihelaufzeit und der aktuellen Marktlage bei der Ausgabe der Anleihe abhängen.

Die Grundidee ist einfach: Indem sich private Kapitalgeber am Rettungsschirm EFSF beteiligen, soll sein Volumen vervierfacht oder sogar verfünffacht werden, damit er groß genug wird, um auch Euro-Schwergewichte wie Italien aufzufangen. Bislang kann der Rettungsschirm bis zu 440 Milliarden Euro an Krediten vergeben. Abzüglich der Rettungspakete, die bereits für Irland, Portugal und Griechenland geschnürt wurden, bleiben dem Fonds heute nur noch knapp 250 Milliarden Euro - zu wenig für Italien. Mit dem Geld von Privatinvestoren soll diese Summe auf rund eine Billion Euro vervielfacht werden. Der Rettungsschirm soll mit demselben Geld mehr Schulden machen - in Finanzkreisen ist deshalb von Kredithebel die Rede.

Die Strategie hat mehrere Schwachpunkte. Der wichtigste: Es finden sich offenbar nicht genug Investoren, die bei dem Zaubertrick der Finanzminister mitmachen wollen. Wochenlang hat EFSF-Chef Klaus Regling Staatschefs und Fondsmanager in China und Japan besucht, hat um ihre Gunst und um ihr Geld geworben. Doch am Ende seiner Reise musste er am Montag kleinlaut in einer Arbeitsgruppe der Haushaltsexperten der Koalition zugeben: Wegen des deutlich verschlechterten Marktumfeldes sei ein zunächst erwünschter Hebelfaktor von vier bis fünf nicht erreichbar. Für einen drei- bis vierfachen Hebel könnte es aber reichen, sagte Norbert Barthle, der haushaltspolitische Sprecher der Unions-Fraktion.

Kommentare (31)

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Zahlmeister

29.11.2011, 15:36 Uhr

So wie Hitler im April 1945 in seinem Bunker von neuen Armeen und Wunderwaffen träumte und das Politbüro der SED im Herbst 1989 vom Sozialismus, so phantasieren die heutigen "Politstars" von Hebeln, Schirmen und neuen Billionen.
Realitätsverweigerung der Führung ist ein sicheres Zeichen des Untergangs, wie man es immer wieder erlebt.

Mielke

29.11.2011, 15:43 Uhr

Investoren der Euro-Zone,
ich habe Euch doch alle lieb.

Willi

29.11.2011, 15:47 Uhr

Betr: Untergang (ref. "Zahlmeister"). Ich fang schon mal an den Untergang zu planen und baue in meinem Garten Kartoffeln an. Die können die Städter dann gegen Gold eintauschen.

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