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17.08.2011

22:07 Uhr

Euro-Schuldenkrise

Die Schweiz kämpft mit der eigenen Währung

VonHolger Alich

Der Franken steigt und steigt - trotz Intervention der Schweizer Notenbank. Die Folgen für die Wirtschaft sind brutal. Die Erfahrungen des Nachbarlandes zeigen, was Deutschland ohne den Euro drohen könnte.

Der Franken (r.) gewinnt gegenüber dem Euro immer mehr an Wert. Quelle: dpa

Der Franken (r.) gewinnt gegenüber dem Euro immer mehr an Wert.

ZürichAuch die Schweizer Regierung reagiert jetzt auf den starken Franken: Der Bundesrat will die Export- und Tourismuswirtschaft mit zwei Milliarden Franken (1,74 Milliarden Euro) unterstützten, kündigte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann an. Die Hilfen sind dazu gedacht, die Folgen der starken Frankenaufwertung zu mildern. Welche Form die Hilfen konkret haben werden, solle im Herbst entschieden werden. In die „Feinprüfung“ kämen dabei zum Beispiel Sozialabgabenerleichterungen für die Unternehmen, erklärte Schneider-Ammann. Die Pläne der Regierung müssen noch vom Parlament gebilligt werden, wo es am Mittwoch bereits deutliche Kritik gab.

Zuvor war erwartet worden, dass die Schweizer Regierung womöglich verkünden wird, dass die Notenbank künftig einen Euro-Mindestkurs definieren wird. Auf die Frage erklärte Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf, dass Maßnahmen wie Wechselkurs-Ziele oder Untergrenzen allein Sache der Notenbank seien.

Im Kampf gegen die weitere Aufwertung des Franken könnte die schweizerische Notenbank noch in dieser Woche zur ultimativen Waffe greifen. Laut übereinstimmenden Schweizer Presseberichten erwägt die Notenbank die zeitweise Anbindung des Franken an den Euro in absehbarer Zeit zu verkünden, laut „SonntagsZeitung“ lägen die „Pläne dazu in den Schubladen“.

Unicredit-Bank-Volkswirt Alexander Koch sagte, die Zentralbank warte wohl auf den richtigen Moment, um ihre „letzte Waffe“ einzusetzen.

Thomas Jordan, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), hatte in einem Interview mit dem „Tagesanzeiger“ eine solche Anbindung nicht explizit ausgeschlossen. „Solange dies mit Preisstabilität in der langen Frist vereinbar ist, sind vorübergehende Maßnahmen, die den Wechselkurs beeinflussen, in unserem Mandat enthalten“, hatte er Ende vergangener Woche zur Frage einer möglichen Franken-Bindung gesagt.

So funktionieren Eingriffe in den Devisenmarkt

Wie verläuft so ein Eingriff?

Die Intervention einer Notenbank bezieht sich immer auf die eigene Landeswährung. Die Zentralbanker kaufen oder verkaufen am Devisenmarkt die eigene Währung in großen Mengen, um deren Kurs in die gewünschte Richtung zu bewegen. Durch einen Kauf soll die Devise auf- und durch einen Verkauf abgewertet werden.

Was sind die Vor- und Nachteile?

Generell werden durch eine Abwertung die Exporteure im eigenen Land meist gestärkt, weil sie ihre Waren im Ausland günstiger verkaufen können. Allerdings schmeckt dies oft anderen Ländern nicht, da ihre Firmen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Zentralbanken und Staaten sehen nur selten tatenlos zu, wenn sich die Bedingungen für ihre Exporteure massiv verschlechtern. Im schlimmsten Fall droht ein Abwertungswettlauf der Währungen.

Wie kann der Erfolg eines Eingriffs wahrscheinlicher werden?

Ein Eingriff in den Devisenmarkt ist also meist nur dann erfolgreich, wenn er mit anderen Notenbanken abgesprochen ist. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Federal Reserve (Fed) in den USA haben im vergangenen Jahr nur wenig Bereitschaft erkennen lassen, sich an einer Interventionen ihrer Kollegen zu beteiligen.

Wie verliefen solche Eingriffe?

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat während der europäischen Schuldenkrise versucht, die Aufwertung des Franken zum Euro zu stoppen. Dafür deckte sich die Nationalbank im großen Umfang mit Euro ein. Kritiker warfen der SNB vor, der Alleingang am Devisenmarkt habe nichts gebracht - der Franken legte sogar weiter zu. Immerhin gelang es der Nationalbank eine Untergrenze von 1,20 Franken zu verteidigen.

War die EZB bereits an einer solchen Maßnahme beteiligt?

Die EZB intervenierte zum ersten und bisher einzigen Mal im Herbst 2000 offen an den internationalen Währungsmärkten. Damals hatten EZB, die US-Notenbank Fed und die Bank von Japan gemeinsam Euro gekauft, um die Gemeinschaftswährung zu stützen. Dies gelang bei einem Kurs von 82 US-Cents.

Dank dieser Verbal-Intervention hatte der Euro einige Tage gegenüber dem Franken wieder an Wert gewonnen, um einen Kurs von bis knapp 1,15 Franken je Euro zu erreichen. Nun verpuffte der Effekt zusehends wieder, der Franken verteuerte sich erneut. Am Donnerstag reagierten Investoren offenbar enttäuscht auf die Ergebnissen des deutsch-französischen Gipfels vom Dienstag Abend.

Die Schweizerische Nationalbank bezeichnete ihre Währung heute erneut als „massiv“ überbewertet und erklärte, Maßnahmen gegen die Frankenstärke würden „intensiviert“. Die SNB will die Sichteinlagen der Banken von bislang 120 Mrd. Franken auf 200 Mrd. Franken erhöhen. Doch trotz dieser Ankündigung zeigten sich die Devisenmärkte unbeeindruckt: Der Schweizer Franken stieg um 1,2 Prozent zum Euro, der in London bei 1,13 Franken lag. Der Dollar verlor 1,3 Prozent und wurde mit 0,7859 Franken gehandelt. Investoren hatten erwartet, dass ein Kursziel für den Franken festgesetzt würde.

Der starke Franken droht zunehmend für die Schweizer Wirtschaft zum Bremsklotz zu werden. So haben die Volkswirte der Bank Sarrasin wegen der anhaltenden Franken-Stärke ihre Wachstumsprognose für das nächste Jahr bereits von 1,2 auf nur noch 1 Prozent gesenkt.

Zu den lautesten Wortführern im Kampf gegen den starken Franken hat sich Swatch-Chef Nick Hayek aufgeschwungen. In einem Interview wetterte er gegen den „Missbrauch“ des Franken zu Spekulationszwecken und warnte düster: „Wir werden das alles noch massiv spüren.“ Im ersten Halbjahr zehrte die Frankenaufwertung rund die Hälfte des Umsatzwachstums der Swatchgroup auf, die trotzdem einen Rekordgewinn schaffte.

Wenn der Franken gegenüber dem Euro und Dollar längere Zeit so hoch bleibt, wird es natürlich nicht einfach sein, unsere Profitabilität auf den Niveau von heute zu halten, so Hayek. Daher fordert er, dass die Notenbank ohne Rücksicht auf Inflation am Devisenmarkt interveniere, um der Industrie einen Wechselkurs von 1,35 Franken je Euro zu garantieren.

Kommentare (28)

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Unternehmensberater

17.08.2011, 17:13 Uhr

was wird uns denn drohen? die Welt wird uns für 0% Zinsen mit Geld zusch....... was ist daran so schlimm? wir leihen uns Kohle ohne Ende und kaufen im Ausland ein wie die Blöden und legen uns auf die faule Haut ... das reinste Schlaraffenland. endlich wissen wir mal, wie sich die Griechen und Italiener beim Nichtstun so fühlen.

Pendler

17.08.2011, 17:22 Uhr

oje Herr Unternehmensberater,

wie reden Sie nur über die Mentalität der Dolce-Vita Staaten???

Seit wann ist so viel
Realismus denn erlaubt?

Wollek

17.08.2011, 17:27 Uhr

dann wäre auch der Urlaub in Italien und Griechenland wieder erschwinglich. Endlich wieder Cappuchino für eine Mark !
Leider nur ein Traum, wir sollen halt alle arbeiten bis zum Umfallen, dürfen noch ein bisschen Autofahren und sollen uns dann möglichst vor Erreichen des Rentenalters zum Sterben hinlegen ... Schöne neue Welt !

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