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17.08.2011

14:28 Uhr

Euro-Schuldenkrise

Was Eurobonds Deutschland wirklich kosten

VonJan Mallien, Andrea Cünnen

Kritiker fürchten, dass Eurobonds enorme Zusatzkosten für Deutschland bedeuten würden. Ökonomen haben jetzt erste Zahlen errechnet. Doch im günstigsten Fall müsste Deutschland sogar weniger, nicht mehr Zinsen zahlen.

Der Schriftzug Bonds auf Euro-Geldscheinen neben Euro-Münzen. Quelle: dpa

Der Schriftzug Bonds auf Euro-Geldscheinen neben Euro-Münzen.

DüsseldorfDen einen gelten sie als Geheimwaffe im Kampf um den Euro, den anderen als die Giftpille für die Währungsunion: Gemeinschaftsanleihen der Euro-Länder, sogenannte Eurobonds. Offiziell stand das Thema Eurobonds beim Treffen zwischen Angela Merkel und Nicolas Sarkozy gar nicht auf der Tagesordnung. Zu groß wäre der Aufschrei in Deutschland gewesen, vor allem bei der FDP. Solange die Märkte es zulassen, will Angela Merkel verhindern, dass Eurobonds auf die Tagesordnung der EU geraten. Doch im Hintergrund laufen bereits Gedankenspiele: Man will für den schlimmsten Fall vorbereitet sein.

Die Kritik an den Eurobonds entzündet sich vor allem an den mutmaßlich hohen Kosten. Kritiker fürchten, dass bei der Einführung von Eurobonds gewaltige Mehrkosten auf Deutschland zukämen. Das Münchner ifo-Institut hat jetzt als erster eine detaillierte Berechnung vorgelegt. Danach schätzt ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen diese Mehrkosten auf 47 Milliarden Euro.

Hauptargument für diese Rechnung: Deutschland müsste für die neuen Gemeinschaftsanleihen mehr Zinsen bezahlen als für seine Bundesanleihen. Dies ist jedoch sehr umstritten, denn bei der Kostenfrage geht es um die Abwägung gegensätzlicher Effekte. Das Brüsseler Wirtschaftsforschungsinstitut Bruegel sieht zum Beispiel durch Eurobonds insgesamt keine zusätzlichen Kosten auf Deutschland zukommen.

Eurobonds: Pro und Kontra

Bisherige Vorformen von Eurobonds

Befürworter der Eurobonds verweisen darauf, dass diese bereits existieren, sogar in zweifacher Form.

- Zum einen beteiligt sich die EU-Kommission mit 60 Milliarden Euro aus dem vergemeinschafteten EU-Haushalt an den Hilfspaketen für überschuldete Euro-Länder.

- Zum anderen nimmt der provisorische Euro-Rettungsschirm EFSF Kredite auf, die er an angeschlagene Staaten weitergibt. Zwar sind die dafür notwendigen Kreditgarantien national gesplittet, Deutschland kann seinen Kreditanteil also günstiger finanzieren. Aber der EFSF gilt Befürwortern zumindest als Vorform von Eurobonds. Gegner betonen die Unterschiede: Die Hilfen sind gedeckelt, nur für den Notfall gedacht und nur nach einstimmigen Beschlüssen abrufbar.

Volle Eurobonds

Denkbar wäre, dass alle 17 Euro-Staaten ihre Staatsanleihen künftig gemeinsam und auf Dauer ausgeben. Dies würde die Risikozuschläge für überschuldete Länder mit einem Schlag beseitigen, weil Investoren dann dem gemeinsamen Währungsraum Kredite gäben. Umstritten ist, ob die Refinanzierungskosten für Deutschland steigen würden:

Einerseits übernimmt das Land Risiken hoch verschuldeter Staaten.

Andererseits könnte das hohe Volumen gemeinsamer Anleihen die Zinsen generell senken.

Völlig ungeklärt ist, wer über die Höhe künftiger Kreditaufnahmen entscheiden soll - Finanzminister Wolfgang Schäuble betonte am Montag erneut, dass die Nationalstaaten zuvor ihre Finanzpolitik aufgeben müssten.

Begrenzte Eurobonds

Sowohl Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker als auch die SPD schlagen ein gesplittetes Modell vor: Danach würde die Refinanzierung eines Staates bis zu der im Stabilitätspakt erlaubten 60-Prozent-Grenze über Eurobonds geregelt. Darüber hinaus müssten die Euro-Staaten nationale Anleihen ausgeben.

Der Vorteil: Die Refinanzierungskosten für die Südländer würden erheblich fallen, weil sie einen Großteil ihrer Haushaltslöcher mit billigeren Krediten decken könnten. Der Anreiz zur Reduzierung der Schulden bliebe aber - abgeschwächt - bestehen.

Der Nachteil: Die Zweifel an der Schuldentragfähigkeit angeschlagener Staaten würden zwar nachlassen, aber nicht enden.

Bi- und multilaterale Bonds

Denkbar wäre auch, dass Deutschland und Frankreich vorangehen. dadurch würde das Problem umgangen, dass Eurobonds für sehr unterschiedliche Staaten ausgegeben würden. Denkbar wären auch gemeinsame Anleihen weiterer AAA-Staaten. Der Vorteil: Die Refinanzierungskosten Deutschlands würden mit großer Wahrscheinlichkeit sogar sinken, Länder wie Frankreich müssten nicht mehr um ihre AAA-Bonität bangen, die Staaten könnten sich wohl relativ problemlos auf künftige Kreditlinien verständigen. Der Nachteil: Die Kluft zwischen den „guten“ und den angeschlagenen Euro-Ländern würde immer größer. Für Italien oder Spanien drohen die Risikozuschläge durch eine solche Spaltung der Euro-Zone sogar noch zu steigen.

Mögliche rechtliche Hürden in Deutschland

Es ist unsicher, ob das Bundesverfassungsgericht Eurobonds überhaupt genehmigen würde. Denn die nationale Ebene würde die Hoheit über die Finanzpolitik abgeben. Mehrere Bundestagsabgeordnete dürften umgehend gegen die Eurobonds klagen. Entscheidend dürfte die Frage sein, ob mit den Anleihen zwangsläufig auch das nationale Haushaltsrecht ausgehebelt oder zumindest eingeschränkt würde.

Politische Hürden in Deutschland

Eine schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag für einen solchen Schritt gilt als sehr unsicher. Angesichts der vehementen Ablehnung gerade in der FDP müsste die Regierung auch mit einem möglichen Bruch der Koalition rechnen.

Einstimmige Beschlüsse

Alle Mitgliedsländer müssten die Eurobonds mittragen. Widerstände dürften aber nicht nur aus Deutschland kommen, sondern auch von anderen Ländern, etwa Österreich oder Finnland.

EU-Verträge zu ändern dauert oft Jahre

Die Einführung von Eurobonds würde eine Änderung des entsprechenden europäischen Vertragswerks erfordern. Solche Vertragsänderungen mit Referenden in einigen Ländern dauern erfahrungsgemäß Jahre.

Die grundsätzliche Idee von Eurobonds ist einfach: Dabei handelt es sich um Anleihen, für die alle Euro-Länder gemeinschaftlich haften. Dies hätte zur Folge, dass der Zinssatz für alle betroffenen Länder gleich wäre. Derzeit müssen Länder wie Griechenland, Irland und Portugal aber auch Italien und Spanien deutliche Zinsaufschläge gegenüber den deutschen Bundesanleihen zahlen. Ende Juli lag der nominale Zins für zehnjährige Staatsanleihen im Durchschnitt des Euroraums bei 4,6 Prozent, während er für Deutschland nur 2,6 Prozent betrug. Von Italien wurde 5,9 Prozent Verzinsung gefordert, von Spanien 6,1 Prozent. Portugiesische und irische Anleihen wurden mit einer Rendite von rund 11 Prozent, griechische mit 15 Prozent gehandelt.

Der Zins soll Anleger für das höhere Ausfallrisiko entschädigen. Ähnlich wie bei einer Kfz-Versicherung ist die Prämie umso höher, je mehr Risikofaktoren zusammenkommen.

Die Hürden bei der Einführung von Eurobonds

Mögliche rechtliche Hürden in Deutschland

Es ist unsicher, ob das Bundesverfassungsgericht Eurobonds überhaupt genehmigen würde. Denn die nationale Ebene würde die Hoheit über die Finanzpolitik abgeben. Mehrere Bundestagsabgeordnete dürften umgehend gegen die Eurobonds klagen. Entscheidend dürfte die Frage sein, ob mit den Anleihen zwangsläufig auch das nationale Haushaltsrecht ausgehebelt oder zumindest eingeschränkt würde.

Politische Hürden in Deutschland

Eine schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag für einen solchen Schritt gilt als sehr unsicher. Angesichts der vehementen Ablehnung gerade in der FDP müsste die Regierung auch mit einem möglichen Bruch der Koalition rechnen.

EU-Verträge zu ändern dauert oft Jahre

Die Einführung von Eurobonds würde eine Änderung des entsprechenden europäischen Vertragswerks erfordern. Solche Vertragsänderungen mit Referenden in einigen Ländern dauern erfahrungsgemäß Jahre.

Einstimmige Beschlüsse

Alle Mitgliedsländer müssten die Eurobonds mittragen. Widerstände dürften aber nicht nur aus Deutschland kommen, sondern auch von anderen Ländern, etwa Österreich oder Finnland.

Bei diesem Mechanismus setzt der ifo-Ökonom Carstensen an. Er verweist darauf, dass Eurobonds durch die Einbeziehung der Krisenländer mit einem höheren Risiko behaftet wären. Deshalb müssten die Anleihegläubiger für dieses Risiko mit einem höheren Zinssatz entschädigt werden. Für seine Berechnung hat Carstensen deshalb die durchschnittlichen Zinskosten der Euro-Länder mit denen Deutschlands verglichen. Ende Juni lag der gewichtete Durchschnittszins der Anleihen der Euro-Länder 2,3 Prozentpunkte über dem der Bundesanleihen. Diese Differenz rechnet Carstensen auf die gesamte deutsche Staatsschuld von 2,1 Billionen Euro hoch und kommt auf eine langfristige Zusatzbelastung von 47 Milliarden Euro.

Allerdings muss Deutschland nicht alle seine Schulden auf einmal refinanzieren, sondern nur etwa 300 Milliarden Euro pro Jahr. Die unmittelbare Belastung für den deutschen Haushalt würde bei Einführung von Eurobonds demnach eher bei 7,5 Milliarden Euro liegen.

Kommentare (88)

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Account gelöscht!

17.08.2011, 14:35 Uhr

Und genau da liegt der Hund begraben:

Die grundsätzliche Idee von Eurobonds ist einfach: Dabei handelt es sich um Anleihen, für die alle Euro-Länder gemeinschaftlich haften.

Heißt im Umkehrschluss - der letzte der übrig bleibt haftet für alle mit. Und das derzeit ohne einfluss auf die Finanzen der Schuldner - nein Danke

Pendler

17.08.2011, 14:39 Uhr

oky, soweit
so gut

udn wie kann ich das als Trader nutzen?

Petra

17.08.2011, 14:39 Uhr

Man nehme eine Theorie und baue darauf Konsequenzen auf. Damit läßt sich wirklich ALLES argumentieren.
Was aber, wenn diese Theorie nicht zutrifft??? Ich denke die Argumente gegen die Eurobonds wiegen doch schwer! Europa hat Deutschland schon genug gekostet, als daß man noch weitere Risiken eingeht! Jetzt sollen erst einmal die "Nehmerländer" ihren Beitrag leisten und sparen! Beispiele für Geldverschwendungen in der EU gibt es ja wirklich mehr als genug. Für diejenigen die jetzt gleich rufen, "Geldverschwendung gibt es in D auch mehr als genug" sei gesagt: Das ist wenigsten unser Geld!

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