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15.11.2012

12:56 Uhr

Euro-Zone in der Rezession

Die Angst vor dem Absturz erfasst Südeuropa

VonAnne Grüttner, Gerd Höhler, Katharina Kort

17 Quartale hintereinander schrumpft die Wirtschaft Griechenlands - eine traurige Bilanz. Doch nicht nur Athen ächzt unter Sparmaßnahmen und Rezession. Den anderen Ländern im Süden Europas geht es nicht viel besser.

Kämpfe mit der Polizei

Eskalation bei Demonstrationen gegen die Sparpolitik

Kämpfe mit der Polizei: Eskalation bei Demonstrationen gegen die Sparpolitik

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Athen/Madrid/Mailand/ParisGriechenlands Wirtschaft stürzt immer tiefer ab. Seit 17 Quartalen in Folge schrumpft die Wirtschaftsleistung bereits, das Land befindet sich im fünften Jahr der Rezession. Wie die staatliche Statistikbehörde Elstat am Mittwoch meldete, ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal 2012 gegenüber dem Vorjahr um 7,2 Prozent zurückgegangen. Damit beschleunigte sich die Talfahrt. Aber auch in den anderen Krisenstaaten Südeuropas schrumpft die Wirtschaft - die Angst vor einem Teufelskreis von Sparwut und Rezession setzt sich fest.

In Griechenland betrug der Rückgang im zweiten Quartal 6,3 Prozent. Die EU-Kommission hatte erst kürzlich ihre Konjunkturprognose für Griechenland deutlich zurückgenommen: Nachdem sie den Rückgang der Wirtschaftsleistung für 2012 ursprünglich bei 4,7 Prozent ansetzte, geht sie nun von minus sechs Prozent aus. Nach den jüngsten Quartalszahlen dürfte aber auch diese Annahme zu optimistisch sein. Unabhängige Volkswirte rechnen damit, dass Griechenlands BIP im laufenden Jahr um rund sieben Prozent schrumpfen wird.

Die Maßnahmen des griechischen Sparpakets

Renten

Die Rentner müssen mit Kürzungen um fast 4,8 Milliarden Euro rechnen. Alle Renten von 1000 Euro aufwärts werden um fünf bis 15 Prozent gesenkt. Das Weihnachtsgeld für Rentner wird abgeschafft; es war bereits von einer Monatsrente auf 400 Euro gekürzt worden. Die Gewerkschaften rechneten aus, dass damit die Rentner im Durchschnitt 2000 Euro im Jahr verlieren werden.

Arbeitnehmer

Die Abfindungen für entlassene Arbeitnehmer werden drastisch gesenkt. Arbeitgeber dürfen Verträge mit jedem einzelnen Arbeitnehmer schließen. Damit werden praktisch Tarifverhandlungen umgangen.

Staatsbedienstete

Auch den Staatsbediensteten werden die jeweils verbliebenen 400 Euro vom Weihnachtsgeld sowie vom Urlaubsgeld gestrichen. Viele Löhne und Gehälter sollen um sechs bis 20 Prozent verringert werden. Bis Ende 2012 sollen 2000 Staatsbedienstete in die Frühpensionierung gehen oder entlassen werden. Bis zum Eintritt des Rentenalters erhalten sie dann 60 Prozent ihres letzten Gehalts.

Gesundheitswesen

Im Gesundheitswesen sollen 1,5 Milliarden Euro eingespart werden. Unter anderem sollen die Versicherten sich mit höheren Eigenbeiträgen beim Kauf von Medikamenten beteiligen. Zahlreiche Krankenhäuser sollen schließen. Andere sollen sich zusammenschließen.

Gehaltskürzungen

Die Gehälter der Angestellten der öffentlich-rechtlichen Betriebe, wie beispielsweise der Elektrizitätsgesellschaft (DEI), sollen denen der Staatsbediensteten angeglichen werden. Dies bedeutet für die Betroffenen nach Berechnungen der Gewerkschaften bis zu 30 Prozent weniger Geld.

Kindergeld

Familien, die mehr als 18 000 Euro im Jahr verdienen, haben keinen Anspruch auf Kindergeld mehr.

Rentenalter

Das Rentenalter wird für alle von 65 Jahre auf 67 Jahre angehoben.

Griechenland hat seit 2008 bereits ein Fünftel seiner Wirtschaftskraft eingebüßt. Das ist die längste und tiefste Rezession eines westeuropäischen Landes seit dem Zweiten Weltkrieg. Und auch die Aussichten für die folgenden Jahre sind düster. Die Troika geht in ihrem jüngst vorgelegten Fortschrittsbericht davon aus, dass Griechenlands Wirtschaft 2013 um 4,2 Prozent schrumpfen wird. Erst 2014 wird das Land mit einem Plus von 0,6 Prozent zum Wachstum zurückkehren, so die Troika. 2015 und 2016 soll es dann aber mit Zuwachsraten von 2,9 und 3,7 Prozent wieder deutlich nach oben gehen.

Die Vorhersagen der Troika sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Denn die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF), die seit dem Frühjahr 2010 Hilfskredite von 149 Milliarden Euro nach Athen überwiesen haben, um das von der Pleite bedrohte Land über Wasser zu halten, lagen mit ihren Konjunkturprognosen in den vergangenen Jahren krass daneben. So erwartete der IWF für 2010 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um zwei Prozent – tatsächlich waren es 4,9 Prozent. Für 2011 rechnete der Fonds ursprünglich mit einem Minus von 1,1 Prozent – in Wirklichkeit schrumpfte die griechische Wirtschaft um 7,1 Prozent.

Viele Experten sind skeptischer als die Troika. Das vergangene Woche beschlossene Sparpaket wird nach Schätzung von Experten dem griechischen Wirtschaftskreislauf in den beiden kommenden Jahren fast 17 Milliarden Euro entziehen. Das könnte die Wirtschaftsleistung um rund neun Prozent schrumpfen lassen. Griechenlands Rezession würde damit sogar noch die Dimensionen der „Great Depression“ übertreffen, die in den Jahren 1929 bis 1933 die Wirtschaftsleistung der USA um 27 Prozent schrumpfen ließ.

Die Athener Regierung hofft jetzt auf eine rasche Auszahlung der für dieses Jahr vorgesehenen Hilfskredite von insgesamt 44,6 Milliarden Euro. Ein Teil des Geldes soll in die Banken-Rekapitalisierung fließen. Mit einem weiteren Teil der Kredite will der Staat unbezahlte Rechnungen begleichen. Davon verspricht sich die Regierung positive Impulse für die Konjunktur.

So haben sich die Staaten im dritten Quartal geschlagen

Deutschland

Sinkende Investitionen der Unternehmen bremsen die größte Volkswirtschaft Europas. Das Bruttoinlandsprodukt kletterte nur noch um 0,2 Prozent. Im Frühjahr hatte die Wirtschaft noch um 0,3 Prozent zugelegt, am Jahresanfang sogar um 0,5 Prozent. Für Impulse sorgten diesmal anziehende Exporte und Konsumausgaben. Experten erwarten im Schlussquartal wegen der Schuldenkrise bestenfalls eine Stagnation. Die Wirtschaftsweisen rechnen sowohl für dieses als auch für kommendes Jahr nur mit einem Wachstum von 0,8 Prozent. 2011 waren es noch 3,0 Prozent.

Frankreich

Die Wirtschaftsleistung stieg überraschend um 0,2 Prozent zum Vorquartal. Das war das erste Plus seit einem Jahr. Von Reuters befragte Ökonomen hatten eine Stagnation in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone erwartet, nachdem es im zweiten Quartal noch ein Minus von 0,1 Prozent gegeben hatte. Die französische Notenbank rechnet für das Schlussquartal mit einem BIP-Rückgang von 0,1 Prozent. Die Regierung erwartet in diesem Jahr ein Mini-Wachstum von 0,3 Prozent, das sich 2013 auf 0,8 Prozent beschleunigen soll. Die EU-Kommission sagt für kommendes Jahr allerdings nur einen halb so starken Anstieg von 0,4 Prozent voraus.

Italien

Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte zwischen Juli und September zwar das fünfte Quartal in Folge. Der Rückgang fiel mit 0,2 Prozent aber überraschend gering aus. Von Reuters befragte Ökonomen hatten ein Minus von 0,5 Prozent erwartet. Im Frühjahr war die Wirtschaftsleistung um 0,7 Prozent gesunken. Die EU-Kommission sagt der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone für 2012 einen Konjunktureinbruch um 2,3 Prozent voraus. Auch im nächsten Jahr soll die Wirtschaft mit 0,5 Prozent weiter schrumpfen und erst 2014 wieder um 0,8 Prozent zulegen.

Spanien

Die Rezession dauert wegen des harten Sparprogramms der Regierung an. Das Bruttoinlandsprodukt fiel um 0,3 Prozent und damit das fünfte Quartal in Folge. Im Frühjahr war es um 0,4 Prozent nach unten gegangen. Die schwere Wirtschaftskrise hat die Arbeitslosigkeit auf den höchsten Stand seit mehr als 35 Jahren getrieben. Jeder vierte Spanier hat keinen Job. Nach Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr um 1,5 Prozent schrumpfen. 2013 dürfte das Minus mit 1,3 Prozent ähnlich groß ausfallen.

Niederlande

Die Wirtschaft ist wegen der Immobilienkrise und schrumpfender Exporte abgestürzt. Das Bruttoinlandsprodukt brach um 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal ein. Im zweiten Quartal war es noch um 0,1 Prozent gewachsen. "Sinkende Immobilienpreise drücken die Ersparnisse und Vermögen der Haushalte und deren Kaufbereitschaft, was zu sinkenden Konsumausgaben führt", erklärten die Statistiker. Die Konsumausgaben gingen um 0,6 Prozent zurück. Die Exporte gaben um 2,4 Prozent nach, die Investitionen der Unternehmen sogar um 3,7 Prozent.

Österreich

Das Bruttoinlandsprodukt ging um 0,1 Prozent zurück. Sowohl Unternehmen als auch Privatleute hielten angesichts der unsicheren Wirtschaftslage ihr Geld zusammenhalten. Zu Jahresbeginn war die österreichische Wirtschaft noch um 0,3 Prozent gewachsen - im zweiten Quartal nur noch um 0,1 Prozent.

Portugal

Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und damit bereits das siebte Quartal in Folge. Verglichen mit dem Vorquartal ging es um 0,8 Prozent bergab. Langsamer wachsende Export belasteten die Wirtschaft ebenso wie die schrumpfende Binnennachfrage, die unter den harten Sparmaßnahmen der Regierung leidet. Portugal verharrt damit in der tiefsten Rezession seit den 1970-er Jahren. Sie kostet immer mehr Portugiesen den Job. Zwischen Juli und September kletterte die Arbeitslosenquote auf 15,8 Prozent. Bei jungen Leuten liegt die Quote schon heute bei 39 Prozent.

Griechenland

Um 7,2 Prozent ging es mit der Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weiter nach unten. Griechenland steckt damit im fünften Rezessionsjahr. Eine Rückkehr zu Wachstum wird es nach Prognose der EU-Kommission erst 2014 geben. Dann soll das Bruttoinlandsprodukt um magere 0,6 Prozent zulegen. Im kommenden Jahr dürfte es dagegen einen Einbruch um 4,2 Prozent geben, was die Arbeitslosenquote wohl auf den Rekordwert von 24,0 Prozent treiben wird.

Kommentare (24)

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Leopold

15.11.2012, 13:21 Uhr

Angst vor dem Absturz?
Wenn man Angst vor dem Absturz hat, unterstützt man die Rettungsmassnahmen. Das ist aber nur die Angst vor den Sparmassnahmen, die man nicht hinnehmen will. Lieber auf Pump und auf Kosten Deutschlands weitermachen wie bisher. Diese Alternative scheint im Handlungsspektrum einiger Staaten realisierbar zu sein. Hat die EU schon Zusagen gemacht?

Stula

15.11.2012, 13:26 Uhr

Im Umkehrschluss zeigt sich aber, dass das Wachstum (bzw. Wohlstand) früherer Jahre größenteils auf Pump erfolgte. Da die Schulden allerdings schneller als das Wachstum stiegen, war eigentlich klar, dass das Spiel nicht unendlich weitergehen konnte. Nur die Politiker wollen es nicht öffentlich sagen: der - vermeintlich sichere - Wohlstand wird sinken. Von mir aus können sie alle ihre "Reformen" wieder streichen, dann aber bitte jeder in seiner eigenen Währung und ohne unsere Haftungsübernahme. Mal sehen, wer das dann finanziert?

Account gelöscht!

15.11.2012, 13:49 Uhr

Es wurde seitens der Politik vehement geleugnet, dass wir eine Krise haben - nun ist es so offensichtlich, dass alles leugnen nichts mehr nutzt.

Dass sämtliche Griechenland Hilfen im Sand versickern, wurde seitens der Politik stets geleugnet - nur sind wir auch hier endlich an der Wahrheit angelangt.

Die Einführung der Gemeinschaftswährung war falsch. Wir wissen es alle, doch wird dies seitens der Politik noch immer vehement geleugnet.

Doch auch hier müssen sie uns eines Tages die Wahrheit eingestehen. Die Frage ist nur: Was um Himmels Willen muss noch alles passieren, damit die Wahrheit nicht mehr geleugnet werden kann?

Ich sehe rabenschwarz für die nähere Zukunft - wir werden noch alle Trauer tragen.

Und diese Zeit wird kommen.
Es wird noch einiges zu Grabe getragen werden!

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