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05.10.2011

11:12 Uhr

Eurokrise

EU sucht nach einem neuen Bankenrettungsplan

Die bedrohliche Lage der Banken macht die EU-Finanzminister nervös. Man bereite einen neuen Vorstoß vor, kündigt Währungskommissar Rehn an. Damit wird die niedrige Kapitalausstattung der Banken vom Tabu- zum Top-Thema.

Das Bankenviertels La Defense in Paris. dpa

Das Bankenviertels La Defense in Paris.

Die EU-Finanzminister fassen angesichts der sich verschärfenden Schuldenkrise wieder koordinierte Hilfsaktionen für angeschlagene Banken ins Auge. „Die Überzeugung nimmt zu, dass wir in Europa einen konzertierten, koordinierten Ansatz brauchen“, sagte EU-Währungskommissar Olli Rehn der britischen Zeitung „Financial Times“. Die Minister sähen die Dringlichkeit zur Stärkung der Finanzinstitute angesichts der Schuldenkrise.

„Die Kapitalausstattung der europäischen Banken muss verbessert werden“, sagte Rehn. Damit könne die anhaltende Unsicherheit reduziert werden. „Das sollte ein wesentlicher Teil der umfassenden EU-Strategie sein, um Vertrauen wieder herzustellen und die Krise zu überwinden.“

Spannungen unter Europas Banken und die Folgen

Warum ist das Vertrauen unter den Banken beschädigt?

Dies hat mehrere Gründe und geht letztlich auf die Finanzkrise zurück. Wegen massiver Verluste infolge der 2008 geplatzten Immobilienblase in den USA sind die Banken ohnehin angeschlagen, einige große Institute wären ohne staatliche Hilfe sogar pleite gegangen. Dies erklärt, warum die aktuelle Staatsschuldenkrise eine abermalige Bedrohung für die Banken darstellt: Da Kreditinstitute neben dem Steuerzahler die Hauptfinanzierer von Staaten darstellen, sind auch sie von möglichen Zahlungsausfällen etwa in Griechenland betroffen. Dies lastet auf dem Vertrauen der Institute untereinander.

Woran wird der Vertrauensverlust deutlich?

Ein wichtiges Maß für das Misstrauen der Banken untereinander ist das Geschäft mit der Europäischen Zentralbank (EZB), über das sich die Institute refinanzieren. Eine Möglichkeit besteht darin, sich bei der EZB sehr kurzfristig frisches Geld zu besorgen oder überschüssige Mittel dort anzulegen. Diese eintägigen „Über-Nacht-Geschäfte“ nehmen die Banken normalerweise kaum in Anspruch, da die Konditionen ungünstig sind. So verlangt die EZB für eintägige Ausleihungen derzeit einen Zins von 2,25 Prozent. Für eintägige Einlagen zahlt sie hingegen nur 0,75 Prozent. Im direkten Handel zwischen den Banken - auf dem sogenannten Interbanken- oder Geldmarkt - sind die Konditionen für gewöhnlich deutlich günstiger.

Wie hoch genau ist das Misstrauen der Banken untereinander?

Derzeit misstrauen sich die Banken ungewöhnlich stark, jedoch bei weitem nicht so sehr wie zu Zeiten der Lehmann-Pleite 2008 oder der ersten Zuspitzung der Griechenland-Krise 2010. Seinerzeit war der direkte Kredithandel zwischen den Banken faktisch nicht mehr vorhanden - die EZB musste einspringen und die Institute mit Liquidität versorgen. Damals lag beispielsweise das Niveau der eintägigen Bankeinlagen bei der EZB bei zeitweise 385 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Vor der Finanzkrise im Jahr 2007 betrugen die Einlagen im Durchschnitt gerade einmal 500 Millionen Euro, also rund 0,1 Prozent des Spitzenwerts in der Krise. Aktuell liegt das Niveau der Bankeinlagen bei rund 120 Milliarden Euro, Mitte September lagen sie aber schon einmal bei knapp 200 Milliarden Euro.

Ist das Misstrauen auf Europa begrenzt?

Nein, auch Banken außerhalb des Euroraums misstrauen europäischen Instituten immer mehr. Deutlich wird dies daran, dass etwa US-Banken und Geldmarktfonds immer weniger bereit sind, europäischen Instituten Geld zu leihen. Auch hier muss die EZB einspringen: So bietet sie seit längerem wöchentliche Refinanzierungsgeschäfte in Dollar an, damit die europäischen Banken ihre Geschäfte in den USA weiterführen können. Unlängst hat die EZB sogar zusätzliche Geschäfte mit einer längeren Laufzeit von drei Monaten aufgelegt. Damit will sie die Planungssicherheit der Institute erhöhen.

Welche Probleme ergeben sich aus dieser Situation?

Die größte Gefahr ist ähnlich wie in der Finanzkrise, dass nämlich letztlich das gesamte Bankensystem ins Wanken geraten könnte. Sollte etwa Griechenland pleite gehen, müssten die betroffenen Institute einen erheblichen Teil ihrer griechischen Staatsanleihen abschreiben. Experten gehen zwar davon aus, dass dies für die meisten großen Banken noch verkraftbar wäre. Viel schlimmer aber wären ähnliche Konstellationen in anderen Euro-Ländern. Würden nach Griechenland auch andere Staaten ihre Schulden nicht mehr bedienen können, würde das europäische Bankensystem vermutlich an den Rand des Abgrunds gedrängt werden. Der IWF veranschlagt die gesamten Bankrisiken, die aus der europäischen Schuldenkrise resultieren, auf 300 Milliarden Euro.

Unter Berufung auf EU-Kreise schreibt das Blatt, dass die Finanzminister bei ihrer Tagung am Dienstag eingesehen hätten, dass sie bisher nicht genug getan hätten, um die Finanzmärkte davon zu überzeugen, dass die europäischen Banken der Schuldenkrise standhalten können.

An den europäischen Börsen sorgte Rehn bei den Händlern damit für Hoffnungen, dass die Politik künftig mehr tun wird, um Banken gegen die Staatsschuldenkrise abzuschirmen. Die Finanzinstitute gehörten am Vormittag zu den größten Gewinnern.

Mit welchen Instrumenten die EU für eine höhere Kapitalquote der Banken sorgen will, und ob sie zu weiteren Hilfsmaßnahmen für die Branche im Zuge der Eurokrise tatsächlich bereit ist, bleibt vorerst ungeklärt. Zuletzt hatten sich zudem Stimmen gemehrt, die bei der Griechenland-Rettung einen höheren Beitrag der privaten Institute forderten.

Kommentare (5)

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hamp

05.10.2011, 11:32 Uhr

http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2011/10/26644/

Amerika: Sagenhafte 2,2 Billionen Dollar für Gehälter der Banker

Zwei New Yorker Risiko-Management Experten haben errechnet: In den vergangenen fünf Jahren haben die amerikanischen Banker und Bankangestellten die sagenhafte Summe von 2,2 Billionen Dollar auf ihren persönlichen Gehaltskonten verbucht. Der tiefere Sinn der ausufernden Rettungsschirme dient nichts anderem als dem Erhalt dieses Systems.

alfred

05.10.2011, 11:52 Uhr

WSJ und FT sind anglosaechsische Finanzblaetter. Warum schaltet sich das HB nicht als Gegenpol ein und mischt dieses Monopol ein wenig auf??

Dexias Probleme ruehren vor allem daher dass sich die Bank sehr stark in den USA als Kreditgeber fuer die Kommunen engagiert hat. Es wuerde mich nicht wundern wenn es sich bei einem Grossteil der vergebenen und heute unverkaeflichen Kredite um verbriefte CREs (Commercial Real Estate) handelt die von US Kommunen geschickt in kommunale Bonds (municipial bonds) verpackt wurden, und von anglosaechsischen Ratingagenturen auch noch das AAA verpasst bekommen haben.

Aber es waere die Aufgabe der gutbezahlten Experten von HB genau zu recherchieren, oder ist auch dieses Blatt schon in den Haenden anglosaechsischer Geldgeber.

sailing

05.10.2011, 12:09 Uhr

das Banken unterkapitalisiert sind ist nur eine Seite der Medallie. In Wirklichkeit haben sie die Geldschöpfung ins "unendliche" getrieben und die Politik hat sie gewähren lassen. Nun versucht die Politik die Banken erneut mit Steuergelder zu retten. Nur diesmal dürfte ihnen dies schwer fallen, bzw., wird dies mit dem Verlust der politischen Macht erkauft. Man kann nur hoffen, dass die nächste Generation von Politikern verantwortungsbewußter mit dem Volksvermögen umgeht.

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